Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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574 Iva — die großinülhige, edle Iva — eilte, den Zweifeln des Edomiters ein Ende zu machen. Es war die Szene wieder in den Gärten des Königs, aber entfernt von dem Kiosk, wo der Stern von Edom seinen glänzenden Niedergang gefeiert. Die Sonne hatte die Mittagshöhe verlassen, die Luft war ganz still, und die heiße Atmosphäre lag athemlos über den Pflanzen. Der reine, blaue Himmel hatte einen glühenden, blendenden Glanz. Noch wehte der nahende Abend nicht unter dem erhitzten Gewölbe hin. Die Ruhe, welche über der grünen Fläche lag, wurde zuweilen unterbrochen. Von der entgegengesetzten Seite des Gartens bebten musikalische, bald leisere, bald lärmendere Laute herüber, zuweilen aus Instrumenten hervorgelockt, zuweilen ein frischer Chor lieblicher Mädchenstimmen. Die Worte dieser Gesänge waren nicht verständlich — aber die Melodie, der Rhythmus derselben war weich, verführerisch, einwiegend und sehnsüchtig. Drüben saß der weise König von Zion und opferte vor dem Altar der Isis von den Früchten des Sommers und junge Lämmer von tadelloser Weiße. Um ihn waren fünfzig Sklavinnen seines Harems gereiht, und auf der anderen Seite des Altars kniete die Königin der Sabäer, von einer kleinen Anzahl ihrer Mädchen umgeben. während einige Sabäer mit silbernen Gefäßen hinter den Knieenden standen. Diese Sabäer waren in lange Talare von weißem Gewebe gekleidet, durchaus jugendliche Gestalten, übrigens mit gesenkten Blicken und ganz waffenlos dastehend. Sie schwangen die silbernen Gefäße zuweilen, und dann glitt eine Wolke köstlichen Duftes aus denselben empor und strich über die Häupter der Knieenden dem Altar entgegen. Der Altar war von mächtigen Blöcken errichtet, welche kunstlos und unbehauen über einander gethürmt waren. Moose und Schlingkräuter, die aus dem Erdboden sich emporrankten, bedeckten die Steinblöcke. Ueber diesem malerischen Piedestal stand Mutter Isis, aumuthig in weißen, zarten Marmor gehauen und eine goldene Stirnbinde um das Haupt geschlungen. Sie hielt blühende Zweige in der Rechten, welche ausgestreckt gebildet war. Die Linke deutete zum Himmel empor und stützte zugleich den Faltenwurf eines Schleiers, welcher keusch verhüllend an der Göttin hinabfloß. Der Künstler hatte aber, der Kunstansicht jener Zeit gemäß, die Füße der Göttin als zu einer Masse verbunden dargestellt. Auch war die Güttin sonderbar genug mit einer Unzahl von Brüsten gesegnet, aus welchen, der Mythe zufolge, Liebe und Segen über alle Geschlechter der Erde fließt. Hinter dem König standen, wie gejagt, die Sklavinnen seines Harems. In einiger Entfernung befanden sich mehrere schwarze Sklaven, welche theils die Opfer besorgten, theils Harfen und die beliebte Flöte spielten. Diese Sklaven entsprachen in ihrer Stellung den Sabäern Jvas auf der anderen Seite des Altars. Unter den Sklavinnen war aber keine Lieblingsgattin des Königs. Auch Sulamith betete nicht an der Seite Salomos. Die Klänge der sanften, weichen, träumerischen Musik tönten von Zeit zu Zeit durch den Garten, und so wurden sie auch an dem einsamen Punkt gehört, welcher oben geschildert wurde. Die Musik tönte noch immer fort, als einer der Sabäer diese einsame Stelle betrat und mit scharfem, unruhigem Blick dieselbe musterte. Dieser Sabäer war gleich den Uebrigen in einen langen, weißen Dakar gehüllt und trug einen Turban ohne weiteren Federschmuck. Sein Gesicht war jugendlich itnb ausdrucksvoll, aber bleich und wie durch Krankheit abgemagert. Der Sabäer blickte lange nach allen Richtungen, dann setzte er sich auf eine Erhöhung des Rasens, aber mit unruhigen, bewegten Zügen und fortwährend umherspähenden Augen. Die Musik tönte noch immer, und der Abend kam näher und näher. Da betrat ein Mädchen mit niedergeschlagenen Augen die grüne Wiese. Dies Mädchen ging langsam vorwärts, und ohne aufzusehen, näherte sie sich der Stelle, wo der Sabäer saß. Der Letztere hatte sich erhoben und blickte mit unruhigem, allgemach sich röthendem Angesicht dem Mädchen entgegen. Dies Wesen war reizend schön, sein Angesicht aber von Nachdenken, wo nicht von einem leisen Schmerze überschüttet. Es trug die langen, schwatzen Haare frei über die Achseln herabfallend, und ein leichtes, weißes Gewebe war unter dem Busen durch einen dünnen, silbergestickten Gürtel festgehalten. Die festen, bräunlich angehauchten Achseln des Mädchens waren entblößt, aber vor dem Strahl der Sonne durch die üppigen Haare geschützt. Dies reizende Wesen, welches aus einem schattigen Baumgange hervortrat, ging quer über eine freigelegene Wiese und suchte den Schatten der Cypreffen und Ulmen auf, welche dort, wo der Sabäer saß. eine lange, schattige Laube bildeten. Sie war kaum zehn Schritte mehr von dem Sabäer entfernt. „Naemi!" sagte der junge Mann mit sanfter Stimme, durch welche Freude und Schüchternheit bebte. Das Mädchen stieß bei dem Laut dieser Stimme einen Schrei aus, richtete das Haupt empor und blieb mit einem Angesicht, aus welchem jeder Blutstropfen gewichen war, starr gleich einer Bildsäule stehen. Der junge Mann trat näher vor sie hin und blickte sie mit schmerzvollen Augen an. „Ich bin's!" sagte er traurig, „der' treue Sohn Edoms, und Du — Du bist Edoms gefallenes Gestirn!" setzte der Edomiter mit tiefem Gram hinzu, und seine Lippe bebte. Das Mädchen schien zur Besinnung zu kommen. Aber in dem Augenblick, wo Reson seine Hand faßte, stieß es einen neuen Schrei aus und wandte sich heftig, um zu fliehen. Dem Edomiter wurde in diesem Augenblick die Gefahr seines Hierseins und die Wichtigkeit des Augenblicks für seine Pläne und Hoffnungen klar. Die Flucht Nasmis hätte seinen verwegenen Schritt unnütz gemacht, sie hätte ihn für ewig von ihr getrennt. Der Edomiter folgte daher der Fliehenden mit einem raschen Schritt, sein linker Arm umschlang dieselbe und zog sie mit sanfter Gewalt zurück, dann drückte er sie an seine Brust. Das Mädchen, erschrocken ob dieser plötzlichen Bewegung, verstummte und lag halb bewußtlos an, der Brust des Edomiters. Reson blickte mit voller Wehmuth die holde, glückliche Tochter Edoms an, die angstvoll an seiner Brust ruhte, er hielt es inseinen Armen, dies holde, geliebte Wesen. Und doch, er fühlte in diesem Augenblick keine Leidenschaft, es war im Gegentheil eine tiefe, beengende Wehmuth, die der gesunkene Stern von Edom in ihm weckte. Er ließ das Mädchen endlich los und trat einen Schritt zurück. „Naemi," sagte er ernst, „erkenne mich!" Sulainith blickte ihn verwirrt an. „Reson!" stammelte das erbebende Mädchen, „was ist das Warum bist Du hier?"