Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nur in ihrem Haushalt, sondern selbst auf Reisen, was ja hier zu Lande sehr schwierig ist, einhalten, aber trotzdem am Sabbath die Straßenbahn benutzen, ihren Kindern in» Hause zu musiziren gestatten und sich den Gebrauch des Rasirmeffers erlauben. Einwanderer, die aus anderen Theilen Europas kommen, und Eingeborene bedürfen schon gar nicht mehr der Beschlüsse eines Syn- Wrions, um die Bedürfnisse der Gegenwart mit den Prinzipien des bibfisch-rabbinischen Gesetzes in Einklang zu bringen. Die wesentlichste Aufgabe einer zielbewußten Leitung des religiösen Lebens liegt in der Schaffung positiver Definitionen. Diese Motive haben Köhler, der früher ein Anwalt des Radikalismus war. zur Abfassung eines ziemlich konservativen Handbuches der Religionslehre veranlaßt, über welches ich jetzt noch nicht berichten kann, da es mir nur bruchstückweise Vorgelegen hat. Jsaac M. Wise, der sich von jeher durch administrative Begabung und praktischen Blick auszeichnete, hat in den letzten Jahren die Schaffung solcher Prinzipien urgirt, welche als Fundamentallehren des Judenthums zu gelten haben. Seine Anschauung deckt sich so ziemlich mit der Josef Albos. Gott, Schöpfung und Offenbarung sind ihm die Kardinallehren des Judenthums. Allerdings stößt die Abfassung einer Glaubensformel auf unüberwindliche Hinderniffe. Als im Jahre 1895 auf der Rabbinerversammlung in Rochester der Versuch gemacht wurde, die Unverbindlichkeit der rabbinischen Litteralur als Prinzip zu erklären, stimmte die Mehrzahl dagegen, weil man — mit Recht — befürchtete, daß damit auf indirekte Weise die Unfehlbarkeit der biblischen Litteratur erklärt werden würde. Nur die Achtung vor dem Präsidenten gewann bei einer Wiedereröffnung der Beraihnng eine knappe Majorität für den Beschluß. Im darauf folgenden Jahre bei der Versammlung in Milwaukee behandelte Bernhard Felsenthal, der greise (geboren 2. Januar 1822), jetzt im Ruhestand lebende Rabbiner der Zion-Gemeinde in Chicago, diese Frage. Sein in deutscher Sprache gehaltener Vortrag: „Giebt es Dogmen im Judenthum?" war wieder der Anlaß heftiger Debatten. Seine dogmatischen Prinzipien sind der Glaube an Gott und an Israels Erwählung. Das Letztere darf bei einem erklärten Zionisten nicht Wunder nehmen. Ich will bei dieser Gelegenheit bemerken, daß die Zionisten besondere Ursache haben, auf diese Bundesgenoflenschaft stolz zu sein, denn Felsenthal war einer der Pioniere des amerikanischen Judenthums, und in der ersten Reformgemeinde Chicagos, die er begründen half, erklärte er es als eine der grundlegenden Prinzipien, daß jede Erinnerung an die nationale Wiedergeburt Israels aus dem Gebetbuche ausgeschloffen sein müsse. Diese merkwürdige Bundesgenossenschaft der zionistischen Bewegung bedarf einer Erklärung. Wir stehen vor einer komplizirten geschichtlichen Erscheinung, wie wir sie zu allen Zeiten großer historischer Umwälzungen vor uns sehen, so zum Beispiel zur Zeit der Entstehung des Christenthums oder zur Zeit der Reformation. Wir sehen, daß der im Gesetze rigoristische Elieser den Hyrkanos dem Christenthum nahe steht, während der im Gesetze freisinnige Gamaliel das Christenthum bekämpft und in diesem Kampfe von Josua den Chananjah unterstützt wird, der ihm auf dem Gebiet des hierarchischen Kirchenregiments unerbittliche Opposition macht, und endlich sehen wir zur selben Zeit Rabbi Akiba, den getreuen Schüler Rabbi Eliesers den Verfechter des Glaubens an den göttlichen Ursprung des rabbinischen Gesetzes lind Vertreter des Prinzips s'VNNV fiat justitia, pereat nnindus, doch auch als halben Gegner der hierarchischen Bestrebungen Gamaliels und als unversöhnlichen Gegner des Christenthums. Amerika mit seiner Religionssreiheit und seinen fortwährenden Sektenbildungen ist ein besonders günstiger Boden für die Beobachtung des religiösen Werdeprozeffes. Hier sehen wir den Bibelkritiker Briggs von der Presbyterianergemeinde wegen Häresie verfolgt und in die bischöfliche Kirche ausgenommen. Dem oberflächlichen Beobachter mußte die bischöfliche Kirche mit ihrem Festhalten am überlieferten Ritual, an der Priesterkleidung und bischöflichen Verfassung als konservativ und die Presbyterianerkirche mit der Verwerfung aller Menschensatzung und Bekämpfung alles ritualistischen Heidenthums als liberal erscheinen. Man wird aus dem Gesagten entnehmen, daß es sehr schwer ist, den Strömlingen innerhalb des amerikanischen Judenthums auf ihren Ursprung zu folgen. Und hier will ich das Geheimniß verrathen: Die Schaffung eines solchen Katechismus wird nicht gelingen. Der Glaubensinhalt des Judenthums läßt sich, wenigstens in Amerika, nicht in eine für die Majorität acceptable Form pressen. Dem Einen wird ein Gott ohne Schöpfling aus dem Nichts zu wenig, dem Anderen wird diese Schöpfung wieder zu viel sein. Es ist ja in Europa kaum anders, wie wir vor siebenunddreißig Jahren bei dem Streit um die Frankel'sche Lehre von der Tradition sahen. Samson Raphael Hirsch behauptete, Frankel hätte keine orthodoxe Anschauung von der Tradition, weil er nur von den menschlichen Elementen darin spreche, über die göttlichen Elemente aber schweige. Rappoport, einer von Frankels Vertheidigern, wünschte ebenfalls eine klare Definition. Einhorn hatte seine Helle Freude daran, daß Frankels vorsichtige Zurückhaltung ihn nicht vor dem Konflikt mit der Orthodoxie bewahrt hatte, und Frankel selbst schwieg, jedenfalls aus demselben Grunde, aus welchem er in seinem kürzlich veröffentlichten Briefwechsel sich gegen Schaffung dogmatischer Lehrbücher aussprach. Seine wissenschaftliche Redlichkeit sträubte sich gegen Rationalisirung und Verwischung theologischer Prinzipien, und sie anzunehmen, wie sie sich ergaben, dazu war er nicht fanatisch genug. Es würde also auch heute bei einem Versuche der Definition jüdischer Glaubenslehren einzelne Männer der äußersten Rechten geben, die wie Samson Hirsch jede im Talmud vorkommende Schrifterklärung als göttliche Offenbarung angesehen wiffen wollen, es wird natürlich auch Männer der Mitte geben, die ohne Dcfinirung des eigenen Standpunktes durch Abweisung der extremen Konsequenzen der gegnerischen Theorien sich nach rechts und links zu decken versuchen. Endlich wird es doch auch Leute geben, die von keiner anderen Tradition etwas wiffen wollen als von der, welche dem Ursprung und der Entstehungszeit nach dunkle Gebräuche und Anschauungen umfaßt. Sollten alle diese Schwierigkeiten überwunden werden, und sollte es uns gelingen, eine Formulirung des jüdischen Glaubens zu finden, die gleich dem apostolischen Bekenntniß allgemeine Anerkennung finden würde, was wäre uns geholfen? Wirsehen in der katholischen Kirche, daß trotz der Unfehlbarkeitserklärung, welche dogmatische Definitionen ungemein vereinfacht, noch inimer Differenzen bestehen, vor deren Entscheidung man Scheu trägt. Der Bischof von Regensburg hat den Priestern seiner Diözese den Besuch der Würzburger Universität verboten, weil er die Lehren Professor Schells für bedenklich hält. Das Tridentinum und Vatikanum und die ganze Bibliothek von Bullen, Encycliken, Breven u. s. w. haben also noch immer nicht die ersehnte Einheit herbeigeführt. Ob das Höllenfeuer ein wirkliches Feuer oder blos ein bildlicher Ausdruck für schwere Pein sei, ist von der Kirche noch nicht entschieden worden, obwohl die Ritenkongregation die figürliche Erklärung des Höllenfeuers als sententia temeraria erklärt hat. Wie die wissenschaftlichen Führer der protestantischen Kirche über Dreieinigkeit und