Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
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--•jNcSiV«; 566 und Sicherheit seines Urtheils hat in entscheidenden Fragen gar oft das erlösende Wort gesprochen. Aber auch selbst die entschiedensten Gegner mußte» die Lauterkeit seiner Gesinnung und die Reinheit seines Charakters anerkennen. Eine starke schöpferische Lebenskraft lag in ihm, ein Geist, welcher leicht und mühelos die Welt in sich aufnimmt und versteht, so daß er sich auch im größten Wirkungskreise sicherlich bewährt hätte. Er aber zog es vor, persönlich im kleinen Kreise zu wirken und von da aus still aber nachhaltig große und weite Kreise zu beeinflussen. Er verstand wie Wenige die Kunst, seine Ideen und Vorschläge in die Seelen Anderer zu leiten, und gern beobachtete er, wie in Anderen lebendig wurde und durch sie zur Ausführung kam, was er ersonnen hatte. Solch ein Mann ist uns entristen worden, und mit banger Sorge stehen wir an seinem Grabe. Denn, wenn wir auch niemals die Hoffnung aufgeben, daß jede Zeit die Männer hervorbringen wird, die ihr gerade nothweudig sind, so fühlen wir doch mit gutem Grunde bei dem Tode eines solchen Zeitgenoffen und Führers, daß sein Verlust ein unersetzlicher ist. Aber freilich, solch ein Mann stirbt nicht, sondern er lebt fort durch all die tausend Lehren und Ideen, die er in das Herz der Zeit geprägt, durch all die zahllosen Zeugniffe der Liebe, mit denen er uns alle beglückt hat. Mit dem Verstorbenen selbst beten wir a» seinem Sarge: Hilf, o Herr, denn ein Frommer hat vollendet, es schwinden die Treuen unter den Menschenkindern. Möge das neue Geschlecht nicht verarmen in Hingebung zum alten Glauben, mögen ihm treue Führer erstehen, die dem Entschlafenen gleichen an frommem Sinn, an hohem Geist, au Bescheidenheit, an echt menschenfreundlicher Gesinnung. Das Andenken Benjamin Rippners sei gesegnet für und für! Nie Woche. f Berlin, 30. November. ie Betheiligung der Juden an den Stadtverordnetenversammlungen der verschiedenen großen deutschen Städte ist den Antisemiten von jeher ein Greuel und ein rechter Stein des Anstoßes gewesen. Und doch hat diese Betheiligung den betreffenden Städten, wie leicht und lohnend nachzuweisen wäre, nicht nur nicht geschadet, sondern im Gegentheil seit Jahrzehnten sehr viel genützt. Aber nicht als Juden, sondern als deutsche Staatsbürger haben sie sich in diese Stadtvertretungen wählen laffen, nicht als Juden, sondern als Männer, denen das Wohl der Stadt, in der sie geboren und erzogen, am Herzen liegt, haben sie berathen und abgestimmt. All dies läßt sich historisch und statistisch sehr genau Nachweisen. Aber es ist nothwendig. diese Thatsachen angesichts gewisser Vorgänge in Berlin und Köln noch einmal zu konstatiren. Wenn in Berlin dies Wort gefallen ist, daß schon zu viele Juden in der Stadtverordnetenversammlung säßen, so ist das ein neuer Beweis für die oft wiederholte Klage, daß die schlimmsten Antisemiten nicht die sind, die in der antisemitischen Partei sitzen. Wenn man aber gar in Köln an eine konfessionelle Sonderkandidatur für den dortigen Stadtrath gedacht und seitens der Majorität den dortigen Juden eine solche direkt angeboten hat, so ist es eine arge Verkennung der Rechte und Pflichten eines Staatsbürgers und Vertreters einer Kommune als solcher. Die jüdischen Wähler Kölns, die am 10. d. M. in einer erregten Versammlung diese Sonderkandidatur entschieden zurückgewiesen, haben damit bewiesen, daß sie eine beffere und höhere Auffassung von diesen Dingen haben, und wir erklären uns mit den Ausführungen des einen Redners, Dr. Auerbach, sowie mit der von der Versammlung einstimmig acceptirten Resolution durchaus einverstanden. Dr. Auerbach sagte: „Man ist nicht tolerant gegen uns, aber alle Zurücksetzung, die wir erfahren, ist nicht so schlimm, wenn wir uns selbst mhterr, weny wir uns nicht selbst den gelben Fleck auf den Rock nähen. Ms tzer Madtverordnete Heuser starb, der eine hervorragende Rolle in der protOantffchen Gemeinde spielte, da hat man nicht gesagt, daß es nöthig sei, für die Protestanten einen neuen Vertreter zu wählen. Wer hat je gehört, daß den Katholiken Vertreter nach ihrer Zahl angeboten worden seien? Was ist das denn überhaupt für ein Geschenk der sogenannten liberalen Stadtverordneten, wenn ste uns, die wir ein Zehntel der Steuern hier in der Stadt aufbringen, einen StMverordneten zubilligen. Wir hätten danach Anspruch auf vier BexAeter, also kann von einer großen Toleranz keine Rede sein. Wir haben nicht nöthig, das hinzunehmen. Wo eine Vertretung für uns nothwendig wäre, da läßt man uns doch nicht hinein, in hie Kuratorien für Armenpflege und die Volksschulen, da hüten ste stch, uns hineinzuwählen. Wer bürgt dafür, daß der in den Stadtrath gewählte Jude unsere Interessen so vertritt, wie wir es wünschen? Vielleicht handelt er so, wie es mir durchaus zuwider ist. Wir stehen als Juden genau so wie die Anderen. Wir wollen uns nicht selbst außerhalb stellen. Wir stnd auch gar nicht geneigt, den nominirten Juden ein Vertrauensvotum zu ertheilen. Wenn wir heute hier einen Liberalen wählen, find wir für alle Zeit gebunden. In den östlichen Städten würde man ein solches Ansinnen, wie es uns hier von der politischen Partei gestellt ist, mit Entrüstung zurückweifen. Einer, dem ein solches Mandat angeboten wurde, hat gesagt: Ich will nicht Ghettokandidat sein, und hier will man uns einen Ghettokandidaten aufdrängen. Wenn spezifisch jüdische Interessen zu vertreten sind, so ist die jüdische Gemeinde dazu berufen. Ich bitte Sie, nicht auf den Leim zu gehen. Man wirbt um uns, weil wir das Zünglein an der Waage stnd. Fürchten Sie die Danaer, wenn sie Geschenke bringen. Vom wirklichen Liberalismus ist im Stadtrath doch nicht die Rede. Erklären Sie rundweg: wir haben keine Juden als Vertreter nothwendig." Die Versammlung Nahm darauf die folgende Resolution an: „Die durch öffentliche Bekanntmachung eingeladenen jüdischen Bürger sämwtlicher Wahlklassen behufs Stellungnahme zur Stadtverordnetenwahl lehnen es ab, einen Kandidaten zu bezeichnen, da sie dies als eine Aufgabe der politischen Parteien anfehen. Sie können insbesondere nicht anerkennen, daß ein Stadtverordneter israelitischer Konfession als« Vertreter der israelitischen Wähler oder gar jüdischer Interessen anzusehen sei." Man wird sich hoffentlich in Zukunft hüten, den jüdischen Wählern in Köln so gut wie in anderen Städten mit solchen entwürdigenden Anträgen zu kommen. £ Von großem Interesse ist gerade in diesem Augenblick ein Passus indem Rechenschaftsbericht des freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben zu Frankfurt a. M., der das Verhältniß der liberalen zu der konservativen Richtung innerhalb des Judenthums angesichts der vielfachen Mißverständnisse und Anfeindungen und einzelner von mancher Seite geradezu mit Bewußtsein geübten Entstellungen klarzulegen sucht. Es heißt daselbst: „Es lag und liegt uns fern, mit unseren Bestrebungen unseren konservativen Brüdern nahe treten zu wollen, deren Liebe, Begeisterung, Opfer, Willigkeit und Treue für die angestammte Religion wir bewundern und für unsere Kreise, in denen sie leider nicht immer in demselben Maße anzutreffen sind, erwünschen; aber es muß, um der Wahrheit und des Heils des Judenthums willen, immer und immer wieder betont werden, daß die unbekümmerte und oft bis zur Rücksichtslosigkeit und Intoleranz betriebene Ausübung von theils einer geläuterten religiösen Anschauung nicht mehr entsprechenden, theils in unseren Herzen keinen frommen Widerhall mehr findenden Sitten und Gebräuche unter dem Vorwände, daß mit diesen das Judenthum stehe und falle, dem Judenthum zum Schaden, nicht zum Nutzen gereicht. Nicht alles, was in Zeiten blinder Verfolgung und fanatischen Glaubenshasses, nicht alles, was im Ghetto