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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-02 · Heft 48 (2.12.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 48 (2.12.1898)
Date
1898-12-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Ar. 48. Allgemeine Berlin. 2. Ae;emirer 1898. eitung des Audenthuins. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Vonn. Verlage-Erpedition: Gerlin, Zerufalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M.! Redakteur: Gustav Karpeles. Leitartikel r Dr. Benjamin Rippner. — Die Woche. — Protokoll des „Freien Vereins jüdischer Lehrer Hannover-Bremens". — Verein der Elementarlehrer für Rheinland und Westfalen. — Verein der Lehrer Nassaus. — Zacharias Frankel in Berlin. XI. Von Dr. S. Vernfeld. — Das amerikanische Israel. Von Pros. Dr. G. Deutsch. (Forts.) — Rabbi Zeira. Von Prof. Dr. Wilhelm Bacher. (Schluß.) —■ Feuilleton: Die Rose von Saron. XXIII. — Das Geheimniß. VIII. (Schluß.) Historische Erzählung von A. Stern. — Die Juden in Wien. — Kitterarische Mittheilnngen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Pleschen, Rawitsch, Breslau, Glogau, Nordhausen, Hannover, Wien, Bradford, Jerusalem. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. I Ar. Benjamin Rippner. Berlin, 29. November. ine Trauerkunde, so bang und schwer wie selten, haben wir heute unseren Lesern zu verkünden: Dr. Benjamin Rippner, Rabbiner zu Gr.-Glogau, ist in der Nacht zum Montag nach kurzem Krankenlager gestorben. Wenn wir einen müden Wanderer nach langer Wallfahrt durch das Erdenleben zur ewigen Ruhe geleiten, auch dann noch wird unser Herz ernst und trüb gestimmt angesichts der Majestät des Todes. Aber wir fügen uns doch ergeben in eine Ordnung, die für alle Erdenwesen festgesetzt ist. Wir verstehen, daß ewiges Leben hier auf Erden nur eine fürchterliche Last, ein großes Elend werden könnte. Wenn jedoch ein Lebensfaden so plötzlich abgeschnitten wird, während die Zuversicht waltete, daß er noch lange sich fortspinnen werde, dann erhebt sich eine allgemeine Klage: „Jedes Haupt wird krank und jedes Herz vergeht", zu dem die schmerzliche Kunde dringt. Wie von den Söhnen Aarons gesagt wird: „Das ganze Haus Israel beklagte den Brand, den der Herr entzündet", so sind auch wir angesichts dieses Todesfalls alle schmerzlich bewegt, daß der Tod so plötzlich und eilig an diesen Mann in der Vollkraft der Jahre herantrat und die scharfe schneidige Sichel an seinen Nacken legte, so daß der Edle früh und unversehens zusammenbrach wie die Eiche, die der Sturm zerschmettert. „Mein Freund ist in seinen Garten gegangen, zu den Gewürzbeeten, um die Rose zu pflücken." Diesen Vers des Hohen Liedes wendet einer unserer alten Gesetzeslehrer mit feinem Sinn auf den Tod edler Männer in Israel an, deren Leben rasch zum Abschluß gelangte. Und auch wir möchten heute dieselbe Klage anstimmen. Noch ist es nicht an der Zeit, das Lebens- und Charakterbild des Mannes zu zeichnen, der uns so jäh entrissen wurde. Ohne Zweifel wird einer seiner vielen Freunde und Berufsgenossen. sich dieser dankenswerthen Arbeit unterziehen. Wir wollen für heute nur aller Welt verkünden, was wir an ihm besessen und was wir nunmehr verloren haben. Benjamin Rippner war einer unserer tüchtigsten und besten Rabbiner. Er hatte einen reichen Geist, ein reines Herz, einen heitern Sinn und einen festen Willen. Von ihm galt im vollen Sinne des Wortes das, was die Schrift von dem religiösen Führer fordert: „Die Lippen des Priesters sollen Erkenntniß verbreiten, und Lehre soll man vernehmen aus seinem Munde. Friedlich und gerade soll er mit seinem Gott durch das Leben ziehen und Viele zurückhalten von Fehl und Sünde." So, genau so, war unser verstorbener Freund. Er hat auf seine Gemeinde, wie auf seine Zeitgenoffen gewirkt wie Wenige, und doch ging er schlicht und bescheiden durch das Leben, und nur ein kleiner Kreis wußte von dem guten Freunde, von dem liebevollen Erzieher zu künden, der in allen großen Fragen, in allen entscheidenden Momenten mit der Klarheit seines Geistes, mit der Kraft seines Wortes für Israels Recht und Lehre eintrat, ohne seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen, ja, ohne auch nur seinen Namen zu nennen. Er wäre berufen gewesen, der Führer der größten Gemeinde zu sein, er aber zog es vor, der Gemeinde treu zu bleiben, in der er seine Wirksamkeit begonnen hatte. Gewiß ein seltenes Beispiel und ein nachahmenswerthes Muster für unseren rabbinischen Nachwuchs. Aber auch noch in vielen anderen Beziehungen ist sein Leben ein Muster und ein Beispiel. Seine Bescheidenheit war eben so groß und selten wie seine Uneigennützigkeit. Beide Eigenschaften mußten ihm die Achtung und Liebe aller Derer zuwenden, die ihm je im Leben nahe getreten. Er hat den Stand, dem er angehörte, überall zu Ehren gebracht. Sein lebensfroher Sinn, sein reicher Geist, sein nie versiegender Humor schufen ihm zahlreiche Anhänger und Freunde in allen Kreisen; und wenn er in den letzten zwei Jahren nicht ohne Schmerz die Abnahme seiner Kräfte beobachtete, so war doch bis an die Grenze seiner Tage nie eine trübe Auffaffung des Lebens an ihm sichtbar, sobald es die großen Angelegenheiten der Gesammtheit oder die kleinen Angelegenheiten Einzelner betraf. Die Hingabe seines Gemüthes war ebenso unverwüstlich wie die Kraft seines Geistes. Und die Theilnahme an Freude und Leid des deutschen Volkes, an Freude und Leid seiner Glaubensgemeinde, ja, auch an Freude und Leid jedes Einzelnen aus seiner eigenen Gemeinde blieb ihm, bis die Dämmerung der Nacht sein Bewußtsein überschattete, und bis sein Herz still stand. Mit dieser warmen Theilnahme für alles Große und Edle verband sich bei Rippner eine ehrliche Begeisterung für den Fortschritt, der er in allen Wandlungen der Zeitgeschichte treu geblieben ist. In den Kämpfen, die er für die fortschrittlichen Ideen innerhalb des Judenthums ausgefochten, stählte sich sein Geist, wuchs seine Kraft. Mit einer Treue und Hingebung ohne Gleichen hat er diesen Ideen sein Leben lang gedient. Die ganz einzige Klarheit

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