Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
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563 einen alten Spruch, ist nur dann des Lohnes gewärtig, wenn die Gelegenheit zu sündigen sich ihm darbot, er aber standhaft blieb. — In der Ausübung der religiösen Satzungen soll man auf M schöne Form ein Drittel dessen verwenden, was die Ausübung (sonst kosten würde; wer mehr verwendet, dem wird es Gott ersetzen. (Schluß folgt.) EUILLETON Nie Rose von Saron. Eine Erzählung. XXII. er Prophet trat dem Erhitzten mit einem raschen Schritt näher, aber seine Geberde war nicht erschreckt. »Welche Nachricht bringt Deine Eile?" Der Aegypter blickte mit wilden Augen um sich, während der Sturm seiner Brust sich allmälig legte. „Was giebt es, Unglückssohn?" rief Ahija und schüttelte den Aegypter. Dieser öffnete seine Lippen und stieß kurzathmend die Worte hervor: „Reson ist entflohen!" Der Prophet trat zurück — aber es war nicht Schrecken in: Ausdruck seiner Züge, sondern wieder jener rasch auflodernde, entsetzliche Zorn. Jerobeam kam vor Ueberraschung näher. „Hund!" schrie der Prophet und schüttelte die dürre Gestalt des Aegypters, daß diese jeden Augenblick zu brechen drohte: „warum ließest Du ihn entfliehen?" Der Aegypter, welchen die Wuth bleich gefärbt hatte, machte sich endlich mit einer verzweiflungsvollen Anstrengung frei, sprang zurück und riß einen kurzen Dolch aus dem Gürtel. „Ahija!" rief er mit erstickter, bebender Stimme, „Du bist wie der Tiger der Wüste, Dein Zorn ist unmenschlich, aber dies Messer in Deine Brust, Gräßlicher, wenn Du mich mordest, ehe ich gesprochen!" Der Prophet näherte. sich mit zornsprühenden Augen. Aber Jerobeam warf sich dazwischen, drängte den Propheten zurück, während er mit der Rechten den Aegypter weit wegschleuderte. „Sprich!" murmelte der Prophet, welcher mit gewaltiger Anstrengung seine Wuth bändigte. „Sprich! Jerobeam schützt Dich." „Bei der großen Isis!" sagte der Aegypter und verdrehte gräulich die weißen, funkelnden Augäpfel; „wenn er's. nicht thäte, ich hätte keine Ursache, dies gute Stück Eisen unbenützt zu lassen." „Sprich!" donnerte der Mann von Silo. „Prophet," begann Sethron, „Du weißt, daß wir den Edomiter nicht fesselten, weil wir meinten, sein Arm sei hinlänglich gefesselt durch jenen Stich'—" „Weiter!" murmelte der Prophet heftig. „Kurz, wir fesselten ihn nichts Die vergangene Nacht schlief-ich ermüdet ein, denn ich glaubte an die Lähmung des Gefangenen so fest als Du selbst. Wenn Du die Hütte besichtigen willst, so wirst Du entdecken, daß einer der Fensterläden zerbrochen und Reso» in freier Luft ist." „Hund!" murmelte der Prophet ingrimmig. „Eiltest Du ihm nach? Botest Du alle Deine Leute auf?" Der Aegypter erwiederte sehr gleichmüthig: „Deine Weisheit hat die Anstalten errathen, welche ich alsbald zur Auffindung des Gefangenen traf. Ich ließ mir nicht Zeit, Dir den Fall zu melden. Ich und zwei Dutzend meiner Spürhunde machten uns auf Bezetha zu durchstreifen und die Thäler um Zion. Etliche rannten nach der Stadt hinein, den Hirten nach, welche vom Land hineingezogen. Aber der Edomiter ist verschwunden." „Und was nun weiter?" fragte der Prophet mit zornigen Blicken. „Was wollen wir nun beginnen, Hund, Tropf, blöde Nachteule?" „Deiner Weisheit, großer Prophet, überlasse ich die weiteren Maßregeln in dieser Sache," versetzte der gleichgiltige Aegypter. „Tropf! Der Pharao wird Dein Fell an eine Ulme nageln lassen für diese Fahrlässigkeit!" „Ich bin nicht thöricht genug, um meine Haut nach diesen Geschichten gen ThebaW zu tragen. Um Sinai hat Sethron Freunde." „So leicht soll es Dir nicht werden. Ich will Dich dem Pharao ausliefern, Du fahrlässiger Maulwurf!" „Kannst Du dem Schritt meiner Beine folgen, so eile mit mir gen Sinai. Ich bereite Dir freundlichen Empfang vor." Der Aegypter hob mit einer bezeichnenden Geberde seinen Dolch empor. „Ich will ineinen Zorn unterdrücken," sagte der Prophet nach einer Pause mit veränderter Stimme, durch welche die Wuth der vorigen Augenblicke nur in leisen Schwingungen noch durchklang, „aber nun laßt uns eifrig berathen, wie wir den Folgen dieses unglücklichen Zufalls entgehen. Wohin kann der verwundete, jedenfalls geschwächte Edomiter geflohen sein?" Sethron zuckte die Achseln. „Vielleicht suchte er die zerstörte Hütte der Edomiterin auf, deren Händen er Nasmi anvertraute. Bei meines Vaters Lenden! ein schlechter Gedanke. Ich meine, weil der König der Hebräer das Mädchen entführte." „Ließest Du das Weib seit jenem Abend aus den Augen?" fragte der Prophet mit unterdrückter Stimme. „Nein!" versetzte der Aegypter. „Einer oder zwei meiner Spürhunde lagen Tag und Nacht unter den Oelbäumen." „Wer ist das Weib?" unterbrach Jerobeam rasch. Der Aegypter erwiederte sehr eilig: „Das Weib heißt Zeruha, ist vom Stamme Edoms und baute vordem Oliven zu Gethsemane. Früher, in jungen Jahre», diente sie der Königin von Saba." „Der Königin von Saba?" rief Jerobeam überrascht. Der Prophet war bleich geworden. „Der alten, natürlich," fuhr der Aegypter fort, indem er sich mit einem vorsichtigen Blick auf den Propheten znrückzog. „Sie ward später die Gattin —" Der Aegypter schwieg plötzlich, und sein hämisch verzogenes Gesicht schaute starr und schreckensvoll auf Ahija. Jerobeam stand sinnend und gedachte einer Zusammenkunft mit Iva — und eines flüchtigen Anblickes der Edomiterin Zeruha. „Es ist möglich," sagte der Prophet gleich darauf mit eisiger Ruhe, „daß Reson die Stammgenossin aufsucht, wenn auch nur, um ob dem Schicksal Naömis »achzufragen. Er wird es gewiß thun, ganz gewiß, ihm bleibt nichts anderes übrig. Also flugs, Aegypter, eile auf die Lauer, und was um jene Hütte schleicht, beobachte aufmerksam und durch Tage und Wochen. Ich will indessen die heilige Stadt durchwandeln und Nachrichten einziehen." „Es sei also!" sagte Sethron dienstfertig und demüthig. Aber ehe die Männer schiede», trat Jerobeam zwischen sie. „Unsere Sache steht schlecht," sagte der Hebräer düster, aber nicht muthlos. „Verrath und allerlei Mißgeschick ist zu fürchten. Ich verstehe nicht, mich schlau durch kleine Gefahren zu winden. Möget Ihr sorgen und rathen, mein Amt ist das Schwert. Und somit sendet einen Boten an Pharaos. Heer nud einen zweiten nach der Wüste Inda, wo Abenteurer aus Arabien auf Jerobeams Schlachtruf