Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWSWWWMMNWiWWWWWWWMWWWSWW»^ - 561 Das amerikanische Israel. Dargestellt an der Hand von Berichten über die Rabbinerkonferen; in Atlantic City. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati, O. 2. Atlantic City. tlantic City eignet sich ganz besonders zu einem Versammlungsort für jüdische Vereine. Obwohl Sitz einer kleinen Gemeinde von etwa dreißig Familien, hat es eine große Zahl jüdischer Badegäste und ist in der. Nähr der Sädte Philadelphia, Baltimore und New-Aork gelegen, deren jüdische Bevölkerung ohne Zweifel die von ganz Deutschland an Zahl übertrifft. Es ist auch schon zum zweiten Male während des achtjährigen Bestandes der amerikanischen Rabbinerkonftrenz als Versammlungsort gewählt worden und sah überdies in diesem Jahr auch die Versammlung der Sommerschule „Chautauqua" und des jüdischen Frauenvereins. Da ich über den Verlauf dieser beiden Versammlungen nicht aus eigener Anschauung sprechen kann, will ich zur Erklärung hier bemerken, daß die Sommerschule eine eigenthümliche amerikanischeJnstitution ist, welche das Angenehme des Sommeraufenthaltes mit dem Nützlichen geistiger Fortbildung verbindet. Da hier zu Lande, wo das Volksschulwesen im striktesten Sinne konfessionslos und staatlich ist, merkwürdigerweise das höhere Schulwesen zum größten Theil unter dem direkten oder indirekten Einfluß der Kirche steht, haben die verschiedenen Kirchen ebenfalls ihre Sommerschulen. Am bekanntesten ist in dieser Richtung die Schule der Methodisten am See Chautauqua (sprich: Tschotoquä) im Staat New-Iork. Dieselbe hat außer ihrem Sommerkurse eine Art von brieflichem Unterricht, in welchem von der Centralstelle aus die zu studirende Litteratur angegeben und die Repetition des Lehrstoffes durch gedruckte Fragen geleitet wird. Geleitet von dem Wunsche, der jüdischen Jugend Jntereffe an dem Geistesinhalt des Judenthums beizubringen, hat Herr Dr. Henry Berkowitz, Rabbiner der Rodeph-Schalom-Gemeinde in Philadelphia, eine Jewish Chautauqua Society gegründet. Von welchem Erfolg das Unternehmen begleitet sein wird, läßt sich bis jetzt nicht sagen. Augenblicklich ist das Jntereffe an dem Unternehmen fast ausschließlich auf Rabbiner, Religionslehrer u. s. w. beschränkt, und Dr. Berkowitz dürfte sich wohl in der Lage jenes Rabbi befinden, der, sein Lebenselixir ausbietend, sich von Jenen umdrängt sieht, welche das Medikament am wenigsten brauchen. Es ist auch in anderer Richtung höchst lehrreich für die innere Geschichte des Judenthums, daß es seine Bedürfnisse in Formen erfüllen muß, welche von außen genommen sind. Im protestantischen Norddeutschland erscheint der Rabbiner in dem Talar und den Bäffchen des protestantischen Pastors, in Frankreich und in Belgien tritt er mit der Soutane und dem breitkrämpigen Hute des Abbe ans die Kanzel; in Oesterreich erscheint er sogar in einem Talar, Mantel und mit viertheiligem Baret, welche ganz und gar der Alba, Casula und dem Birettum des Meßgewandes nachgebildet sind, und wobei der Tallith mit seiner Goldborte die Stola vertritt. Ja, in einer Gemeinde Böhmens fand ich zu meinem schmerzlichen Erstaunen die Sitte vor, daß der Rabbiner mit dem goldbetreßten Tallith über seinem Talar hinter dem Sarg schritt. Auf meine Frage nach dem Grund dieser weder durch Tradition noch durch Bedürfniß gerechtfertigten Mode wurde mir die Antwort zu Theil: „Es sieht doch so viel schöner aus, wenn der Rabbiner auch so einen Schmuck trägt wie der Dechant." Unbewußt sind ja derartige Uebertragungen aus fremden Religionskreisen früher auch vorgekommen, wie das Verbot der Heirathen zwischen Peßach und Schabuoth, die Seelengedächtnißfeier, das Gebet um Regen am Barbaratage, das Osterei am Sederabend u. s. w. beweisen. Neu ist nur in der modernen Phase des Judenthums, daß die Uebertragungen mit Bewußtsein und aus blos äußerlichen Gründen vorgenommen werden. Eine ähnliche, aber aus inneren Gründen gerechtfertigte Uebertragung eines fremden Elementes ist die Stiftung des nationalen Vereins jüdischer Frauen. Gestiftet anläßlich der Weltausstellung in Chicago, 1893, wo die jüdischen Frauen sich als Klaffe in dem Frauengebäude präsentirt wiffen wollten, hat der Verein sich rasch Über die Vereinigten Staaten und sogar nach Kanada verbreitet. Ueber die eigentlichen Ziele ist man sich im vornherein nicht klar gewesen. mit Ausnahme des dunklen Bewußtseins, daß die Frauen an der Erreichung der Ziele des Judenthums Mitarbeiten sollten. Sonst ist in nervöser Hast bald von humanitären, pädagogischen und religiösen Zielen die Rede gewesen. Geschaffen wurde, wie immer in solchen Fällen, ein Verein und eine Zeitschrift. Damit soll dem Werk selbst nicht jede Zukunft abgesprochen werden. Ich konstatire nur, wie die Verhältniffe augenblicklich liegen. Ein klassisches Beispiel soll mein Urtheil illustriren. Eine Dame, die an einem der Don dem Frauenverein gegründeten Bibellesezirkel theilgenommen hatte, ersuchte mich um die Psalmen. „Hier sind sie." Nach einigem Blättern giebt sie mir das Buch mit den Worten zurück: „Ich kann die Stelle, die der „Doktor" besprochen hat, nicht finden." „Vielleicht kann ich helfen, wenn sie mir ein Schlagwort angeben." „Ja, im Wortlaut weiß ich nichts, aber es war so viel von den Kühen Baschans die Rede." „In den Psalmen", erwiedere ich schüchtern, „ist mir keine derartige Stelle erinnerlich, aber vielleicht war gerade dieses Citat aus dem Propheten Amos genommen." „Das ist's!" fällt meine Dame freudig ein. „Ja, der Doktor hat über Amos gesprochen. Das muß doch in den Psalmen stehen." Ich betheuere, daß ich keinen außerordentlichen Fall gewählt habe, sondern gerade im Gegentheil ein typisches Beispiel für die dem Mittelstand angehörige amerikanische Gesellschaftsdame deutscher Herkunft. Die Nothwendigkeit einer Hebung des religiösen Lebens unserer Frauen liegt daher auf der Hand. Die Nothwendigkeit erzeugt im Verlauf der Weltgeschichte immer die Verwirklichung des Bedürfniffes. Der Frauenverein hat in dieser Richtung noch keine bleibenden Resultate aufzuweisen. Es wäre auch thöricht, so etwas in vier Jahren zu erwarten. Was die Zukunft bringen wird, bleibt der Zukunft überlassen. Wir wollen nun zur Rabbinerkonferenz nach Atlantic City zurückkehren. Die Lage des Platzes war, wie gesagt, eine günstige, und so war auch der Besuch besser als sonst. Es waren vierzig bis fünfzig Mitglieder anwesend. Das erscheint gering bei einer Mitgliederzahl von 140, aber der Leser wird gut daran thun, eine Karte der Vereinigten Staaten zur Hand zu nehmen und sich über die Entfernung von New-Orleans, von Galveston, Texas, oder von San Franzisko nach der atlantischen Küste ein Bild zu machen. Manche der Mitglieder, die aus den genannten Städten kamen, hatten Entfernungen zurückgelegt, die in Europa nicht existiren, und um die zu beurtheilen, man sich vorstellen muß, es wäre eine europäische Rabbinerversammlung nach Bagdad einberufen worden- Wir, die dem Versammlungsort näher lagen, sind immer noch