Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-25 · Heft 47 (25.11.1898) · p. Seite 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 47 (25.11.1898)
Date
1898-11-25
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228305--55063-3291253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- &60 ein Kesseltreiben, das Schneider, der Stampiglins-Mann, und seine Genossen gegen die Wissenschaft und ihre Vertreter veranstalteten! Steht doch an der Spitze der Klinik, auf welcher der Pestfall Barisch vorkam, Professor Nothnagel. Und der hat keine Gunst gefunden bei der Comparserie Gregorig. Er ist nämlich auch Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Wir halten, aufrichtig gesagt, nicht viel von derartigen Vereinen. Wir sind nicht für die Abwehr, vielmehr für organisirten Kampf. Aber gehört nicht ein Muth dazu, sich bei uns für einen Gegner des Antisemitismus zu bekennen? Und das hat Nothnagel gethan. Nun ist er der Judenknecht und hat den Juden geholfen, die Pest nach Wien zu bringen. So schließen die Gehirnchen unserer antisemitischen Abgeordneten, so spricht man heute, 550 Jahre nach der Zeit des „schwarzen Lobes". Und man handelt noch anders. Ehren-Schneider vertheilt im Parlament, das längst aufgehört hat, ein Volkshaus zu sein, in welchem nur Scheinkämpfe gegen die übermächtige tschechisch-polnische klerikal-feudale Gewalt geführt werden, Flugschriften, in denen die alte Blutlüge wieder aufgewärmt wird, und unsere Abgeordneten, man spricht auch von solchen, die sich verschämterweise nicht zum unverschämten Antisemitismus bekennen, lesen diese Schriften, und Niemand findet sich, der dagegen ankämpft, daß derartiges Geschmiere verbreitet werde. Was nützt da die Abwehr, wo alles zum Kampfe herausfordert? Würde solches geschehen können, wenn das Judenthum wirklich organisirt wäre? Würde man es wagen, dies dem kleinsten Natiönchen in unserer an Völkchen so reich gesegneten Monarchie anzuthun? Und unsere Gemeinden? Es naht die Zeit der Wahlen für die Kultusvorstände. Wir denken, es wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, daran zu denken, daß die Judengemeinden noch nicht ihre Pflicht erfüllt haben, wenn sie sich nur um Schächter und Todtengräber kümmern. Und was nützen die „schönsten" Predigten, was die Redner, wenn sie noch so sehr „gefallen", wenn das Mittelalter mit allen seinen finsteren Schrecken thurmhohe Wälle gegen uns errichtet. Wird man sich in diesen Kreisen noch nicht bewußt werden, welche bedeutenden Aufgaben uns jetzt gestellt werden, wie es jetzt gilt, den Kampf um Sein oder Nichtsein aufzunehmen? Müßige Fragen! Man wird weiter verhandeln über Kantoren und Prediger, über Pijutim und Koscher und Trefa, und der klerikale Antisemitismus mit seinen Schwarmgeistern von Betrügern und Strebern wird uns weiter beschmutzen und die häßlichsten Instinkte in der Volksmeute aufregen. Wie wenig unsere Kultusgemeinden übrigens für die wahren Bedürfnisse des Judenthums sorgen, zeigte sich in deutlicher, fast hätten wir gesagt, erschrecklicher Weise jetzt, da das neue Gesetz über die Regulirung, das ist Aufbesserung, der Beamtengehälter berathen und zur Durchführung gebracht wurde. Für die griechischkatholischen, unirten und nicht unirten Seelsorger ist etwas geschehen, man verhandelt jetzt im Interesse der Büreau- und Schuldiener, nur die jüdischen Mittelschul - Religionslehrer hat man total vergessen. Ja, vergessen! Sie werden nicht einmal in dem Gesetz erwähnt. Ihr „Gehalt", Remuneration genannt, eine Art Taglohn, soll sogar eine Verkürzung erfahren, da die Remunerationen nach dem neuen Gesetze niedriger als bisher bemessen sind. Es sind nun nahezu zwei Jahre, seitdem der Verband der israelitischen Religionslehrer an unseren Mittelschulen besteht, und noch immer hat sich die Lage dieser in der That bedauernswerthen Lehrkräfte, wahrer Parias im Lehrkörper, nicht gebessert. Ihre Stellen sind nicht systematisirt, sie genießewkeine Alterszulagen, keine Altersversorgungen, und man verlangt von ihnen, sie mögen unserer Jugend alles lehren, was irgendwie mit dem Judenthum, seiner Geschichte, seiner Religion, seiner Kultur und Litteratur zusammenhängt. Nirgends zeigt sich der beengte Blick unserer tonangebenden Juden so wie auf diesem Gebiete, wo sich wirklich eine Besserung hätte schaffen lassen. Wenn sich dann in den Kreisen der Lehrerschaft Verbitterung zeigt, wenn diese vielgeplagten Religionslehrer fast verzweifeln möchten, wer kann es ihnen übel nehmen! Sie sollen die Jugend, die Hoffnung des Judenthums, in dem Gegenstand unterrichten, welcher allein im Stande ist, ihr die ganze Weltanschauung aufzuprägen, und sind schlechter gestellt als Turnlehrer und Suppleanten. Wie vielbleibt unseren Gemeinden noch zu thun übrig! Hat man je gehört, daß einer unserer jüdischen Abgeordneten, dieser wohlbestallten Advokaten, Fabrikanten und Millionäre, das Wort ergriffen hätte zur Vertheidigung unseres vielgeschmähten Glaubens, zum Schutze unserer Religionslehrer, zur Verbesserung ihrer mehr als prekären Stellung! Wir haben Anstalten, an welchen über 50 Prozent jüdische Schüler sind, und doch werden diese in Sammelstunden unterrichtet, Jünglinge verschiedener Altersstufen werden zusammengepfercht und Erziehung und Disziplin in ungeheuerlicher Weise erschwert! Aber keine Stimme erhebt sich gegen solche Mißbräuche. Man will förmlich den Lehrer in seiner Erniedrigung erhalten. Wo so wenig Selbstachtung herrscht, wo eine solche Indolenz gegen die heiligsten Interessen des Judenthums, da kann man sich nicht wundern, wenn die Hydra des Judenhasses drohend ihr Haupt erhebt. Auf wen sich verlassen, wenn nicht auf den Vater im Himmel? Wir stecken eben noch ganz im Mittelalter. Die privilegirten Reichen spüren die Feindseligkeiten an ihrem Leibe eben sehr wenig. Die große Masse aber der Geknechteten fragt sich: Ist dies der Lohn für unser treues Ausharren? Man möge aber diese Verhältnisse nicht auf die Spitze treiben. Der Abfall und die Fahnenflüchtigkeit werden durch ein solches Vorgehen grobgezüchtet. Noch lebt allerdings in unserer Jugend ein Theil jener alten, unverwüstlichen Kraft, welche schon so oft Wunder in unserer Mitte bewirkte, welche das tausendmal todtgesagte Judenthum wieder zum Leben erweckte. Man spiele aber nicht mit dem Feuer. Man raffe sich auf zu einer großen That und schaffe dieser großen Masse ein neues Ideal. Mit der alten „Fortwurstelei" geht es nun nicht weiter. Draußen droht der Antisemit in seiner schwärzesten mittelalterlichen Gestalt, in: Inneren Gleichgiltigkeit und häßliches, kleinliches Gezänke, das Haus droht zusammenzustürzen, und die Ratten verlassen schon das sinkende Schiff. Gerade an die Gemeinde Wien ergeht jetzt der Ruf, für eine feste Organisation des Judenthums zu sorgen. Die Männer, welche Mitarbeiten wollen an dem großen Werke, sind da. Sorget für die Schule, sorget für Arbeit, für eine geregelte Armenpflege, machet es auch dem Aermsten möglich, seinen! Gotte zu dienen, weiset nicht die Bedürftigen von der Schwelle euerer Gotteshäuser, — dies alles sind starke Mahnungen, welche mit Donnerschlägen an die Thüren des Judenthums pochen. „Wenn du jetzt schweigest, wird Hilfe werden von anderer Seite deinen bedrängten Volksgenossen, du aber und dein Haus, sie werden zu Grunde gehen." Man lasse dieses Mahnwort nicht verklingen. ES wurde vor mehr als tausend Jahren gesprochen, aber es tönt noch fort und heute lauter denn je. An die Arbeit, ihr, die ihr euch Vertreter unseres Volkes nennt. Wollt ihr aber ausruhen auf weichem Pfühl, thuet es, das jüdische Volk aber wird sich andere Männer suchen, bessere und tüchtigere — es wird sie finde». Iwri.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.