Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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555 sammenhängenden Cyklus von Borträgen über irgend ein Gebiet unserer Geschichte und Litteratur zu halten. Anderenfalls bin ich bereit. Ihnen mein Manuskript zur Verfügung zu stellen. Noch mehr aber möchte ich Ihnen die Vorträge von Philippson, Geiger, Jellinek, Adler, Hirsch u. A. empfehlen, die in Ihrem Kreise sicher wenig bekannt sind, und die ebenso sicher dort tiefen Eindruck machen werden. Alsein zweites sehr wirksames Mittel zur Erreichung unserer Ziele haben sich ganz besonders die Fortbildungskurse für der Schule entwachsene junge Leute erwiesen, die in Berlin, Stettin, Mülhausen i. E., Ansbach und anderen Orten seit mehreren Jahren bestehen, und in denen an zwei oder drei Abenden der Woche hebräische Sprache und Bibelübersetzung, jüdische Geschichte und Einführung in die leitenden Ideen des Judenthums ganz in der Weise wie in den städtischen Fortbildungsschulen von Fachlehrern vorgetragen wird. Diese Institution hat sich überall da, wo sie zur Einführung gelangte, als wahrhaft fruchtbringend erwiesen. Die Idee unserer Litteraturvereine hat einen so großen Erfolg gehabt, daß wir alle. Jeder an seinem Theil, mit dem ganzen Aufgebot unserer Kräfte dafür zu sorgen haben, daß unsere Vereine auch ferner sich dauernd auf der Höhe dieser Idee erhalten und daß immer neue Stätten in allen Gegenden unseres Vaterlandes geschaffen werden, die der Verbreitung der Kenntniß unserer Geschichte und unserer Litteratur geweiht sind. In der Ueberzeügung, daß Sie von den gleichen Wünschen beseelt sind, habe ich mir erlaubt. Ihnen diese Vorschläge zu geneigter Erwägung zu unterbreiten. Möge der Erfolg dieser Bestrebungen auch in Zukunft ein guter bleiben, und möge dieses Werk der Wiederaufrichtung unseres Geisteslebens Gnade vor Gott und den Menschen finden! w Vre Woche. Berlin, 23. November. dg:« den konservativen und antisemitischen Blättern wird jetzt die Forderung: „Christliche Lehrer für christliche Schulen", immer entschiedener gestellt. Bon einem neuen Schulgesetz will man dann gern abstehen. Natürlich ist die „Kreuzzeitung" der Herold dieser. Wünsche. Ihre Parole lautet: „Die nicht blo8 wichtige und wichtigste, sondern geradezu heilige »nd heiligste Aufgabe (der Schule) ist, den werdenden Menschen zu einer christlichen Persönlichkeit zu bilden." Das ist ein Grundsatz ihrer christlich-konservativen Weltanschauung, der in letzter Instanz auf Gefühlsworten beruht. Es ist zwecklos, darüber zu diskutircn, denn hier stehen sich eben zwei Weltanschauungen schroff gegenüber. Wenn aber das Junkerblatt meint, daß die Gefahr für christliche Kinder bei jüdischen Lehrern sehr groß ist, und hinzufügt: „Wir Christen wollen unsere Kinder nicht von Juden zu Juden erziehen kaffen", so ist das eine Unredlichkeit ohne Gleichen, Die Zahl jüdischer Lehrer ist sehr gering, die'Zahl ihrer Lehrstunden sehr klein. Im Ganzen waren im letzten Jahre 53 jüdische Oberlehrer in Preußen angestellt, davon 19 in jüdischen höheren Schulen und 22 in Berlin. Bleiben also im Ganzen noch 12 jüdische Lehrer. Angenommen, ein jüdischer Lehrer giebt demselben christlichen Knaben zuerst in der Oberquinta und später in der Untersekunda Geschichtsunterricht, insgesammt etwa 100 Stunden. Die 100 Geschichtsstunden sollen während der 13 jährigen Schulzeit des Gymnasiasten stark genug sein, den christlichen Knaben zum Juden zu machen, sollen stärker wirken als die sämmtlichen Schulstunden sämmtlicher anderen Lehrer während 13 Jahre, sollen stärker sein als das christliche Leben in der Häuslichkeit jenes Knaben? Wie groß müßte die- Werbekraft der jüdischen, wie gering die der christlichen Religion sein, wenn jene thörichte Voraussetzung wahr wäre. Ehrliche Christen müssen in der Furcht vor ein paar jüdischen Lehrern — gegen deren Charakter bisher kaum je etwas Vorgelegen hat! — nur eine Herabwürdigung der christlichen Religion sehen. Aber das Junkerblatt bleibt dabei nicht stehen. Es will nicht nur jüdische, sondern auch katholische Lehrer ausmerzen. „Gewiß," isagt die „Kreuzzeituug", „der Protestant kann auch das katholische Kind unterrichten, aber nimmermehr zum katholischen Christen erziehen. Gewiß, der Jude kann auch ein christliches Kind unterrichten, aber nimmermehr zum christlichen erziehen. Wir aber wollen die katholischen Eltern nicht zwingen, gegen ihren Willen ihrem Kinde eine Lebensanschauung geben zu lassen, die nach ihrer Ansicht eine falsche ist. Simultanschulen, in welchen katholische Kinder von einem evangelischen Lehrer oder evangelische Kinder von einem katholischen Lehrer unterrichtet werden, halten wir für ein Uebel und ein Hemmniß charaktervoller Erziehung." Man darf gespannt darauf sein, was die evangelischen und katholischen Lehrer dazu sagen werden, denen das fromme Blatt solche Dinge vorwirft. Die Deutsche Tageszeitung hat übrigens sogar schon einen Gesetzentwurf petitionirt, der also lautet: 1. An allen preußischen, sowohl höheren wie niederen. Schulen dürfen nur Lehrer eines christlichen Bekenntnisses angestellt werden. 2. Wenn die Zahl jüdischer Bolksschüler eine gewisse Mindesthöhe und einen gewissen Mindestprozentsatz der Gesammtschülerzahl erreicht, müssen besondere jüdische Schulen errichtet werden, denen im Bedarfsfälle staatliche Unterstützung zu Theil wird." * Die Angelegenheit der jüdischen Lehrerinnen an den Berliner Gemeindeschulen interessirt weite Kreise, weil sie ein Symptom der allgemeinen Lage ist. Der Magistrat hat nunmehr durch die Stadtschuldeputation eine Antwort an das Provinzial-Schulkollegium gerichtet, die das „Berliner Tageblatt" sehr zutreffend „ein motivirtes Bittgesuch" nennt. Bekanntlich handelt es sich im Wesentlichen um drei Lehrerinnen, die besonders hart durch den Verlust ihrer Ordinariate zum nächsten 1. April betroffen werden würden. Denen zu Liebe bittet die Berliner Schuldeputation um Rückgängigmachung der bereits angeordneten Maßregel. Es heißt in dem betreffenden Schriftstück: „Nachdem der Magistrat auf seine gegen den Erlaß vom' 27. Dezember 1895 an den Herrn Minister gerichtete eingehende Vorstellung vom 6. März 1896 durch das königliche Provinzial-Schulkollegium am 7. Januar 1897 dahin beschieden worden ist, daß es dem Herrn Minister nicht nothwendig erscheine, einen besonderen Bescheid auf die Eingabe zu ertheilen, da die Angelegenheit durch seine früheren Entscheidungen definitiv erledigt sei, glauben wir zwar davon Abstand nehmen zu müssen, auf die schweren Bedenken, welche gegen das durch jene Verfügung angeordnete Verfahren im Allgemeinen bei uns wie beim Magistrat von Anfang an bestanden und noch jetzt unverändert fortbestehen, nochmals zurückzukommen. Aber wir halten uns für verpflichtet, im Interesse der in der städtischen Verwaltung angestellten und durch jahrelange treue Pflichterfüllung erprobten jüdischen Lehrkräfte und im Interesse der städtischen Schulverwaltung selbst nochmals auseinanderzusetzen, welche Härten für die Lehrer und welche Nachtheile für die Schulen insbesondere mit der Durchführung der bezüglich der Ordinariate getroffene» Anordnungen unvermeidlich verbunden sind." Das Schreiben führt dann weiter aus, welche Erschwerungen durch die Bethätigung jener Grundbedingungen, unter denen jüdische Ordinariate zulässig sein sollen, für die Schulverwaltung mit Nothwendigkeit entstehen müßten. Dann heißt es weiter: „Daß aber der grundsätzliche Ausschluß von der Führung einer Klasse lediglich um des Bekenntnisses willen von den durch eine solche Maßregel betroffenen Lehrern als eine schwere Zurücksetzung empfunden werden muß und wohl geeignet ist, die Freudigkeit am Amte und an der Pflichterfüllung in hohem Grade zu beeinträchtigen, bedarf kaum einer näheren Begründung. Ebenso wenig, daß ein solcher Ausschluß von einer der wesentlichsten und für die erziehliche Wirksamkeit besonders wichtigen Funktionen eines Lehrers nur allzu sehr dazu an-