Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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reisen und propagandistische Borträge gewann die Idee immer mehr Anhänger und Freunde. Schon nach einem Zeitraum von kaum drei Jahren waren in vielen großen und kleinen Gemeinden Vereine erstanden, die jenes Bestreben zu dem ihrigen machten. Jndeß konnteldas begonnene Werk nur dann von Erfolg sein, wenn ein gewisser Zusammenhang unter den einzelnen Vereinen hergestellt werde. Dies geschah etwa im Herbst des Jahres 1891. Man kam überein, einen Verband ins Leben zu rufen und für den Anschluß der bereits bestehenden Vereine an denselben zu wirken. Das war aber eine schwierige Aufgabe, da die viel gepriesene Solidarität und Einigkeit thatsächlich nur in der fruchtbaren Phantasie der Antisemiten besteht. Der erste Versuch, am 8. Oktober 1893, einen Vereinstag abzuhalten, scheiterte hauptsächlich an den Schwierigkeiten, welche aus diesem Mangel an Eintracht hervorgingen. Gleichwohl gelang es aber doch, am 26. Oktober desselben Jahres einen Vereinstag in Hannover zu Stande zu bringen, der, von dreißig Vereinen aus allen Theilen Deutschlands beschickt, einstimmig für die Gründung eines Verbandes eintrat. Aber auch mit dieser Konstituirung waren noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden. Es bedurfte noch unermüdlicher Arbeit, um weitere Kreise für die Idee der Litteraturvereine zu erwärmen, die große Masse aus ihrem lethargischen Geisteszustand aufzurütteln und ihr Achtung vor der eigenen Geschichte und Litteratur einzuflößen. Sollte dies gelingen, so mußte ferner mehr noch als auf die Gründung neuer Vereine das Augenmerk auf die Erhaltung des bereits Bestehenden gerichtet werden. Der Verband begründete ein Sekretariat, das wissenschaftliches Material zu Vorträgen und jede andere Förderung den einzelnen Vereinen zukommen lassen soll. Ferner begann man an die Aufbringung eines Fonds zu denken, der es ermöglichen soll, unbemittelten Vereinen, die zugleich aus Mangel an geistigem Material nur auf auswärtige Redner angewiesen sind, mit solchen zu versehen, ohne daß diesen Vereinen hieraus irgend welche Ausgaben erwachsen; endlich sollte der Anstoß zur Gründung von Vereinsbibliotheken und Lesehallen gegeben werden. Es ist erfreulich, zu konflatjren, daß die meisten Vereine bereits ansehnliche Bibliotheken besitzen, die, was die Hauptsache ist, von den Mitgliedern stark benutzt werden.Außerdem sollten aber Publikationen herausgegeben werden, die die Kenntniß der Litteratur und der Geschichte fördern. So wurde zunächst der „Divan" des Jehuda Halevi herausgegeben und an alle Mitglieder verschickt. Später folgte ein Band von Dichtungen über die spanische Glanzperiode von Dr. M. Levin, im nächsten Jahr ein Buch von Professor Sulzbach in Frankfurt a. M. über die Geschichte der neuhebräischen Poesie, im folgenden Jahre eine Anthologie dieser Dichtung: „Die Zionsharfe". Im vorigen Jahre begann der Verband mit der Herausgabe eines Jahrbuchs, das die hervorragendsten Gelehrten und Schriftsteller auf diesem Gebiete vereinigt, und von dem im nächsten Monat der zweite Band, gleichfalls mit Beiträgen der angesehensten Gelehrten, erscheinen wird. Ein anderer Zweig der Thätigkeit des Verbandes war dazu bestimmt, Fortbildungskurse für der Schule entwachsene junge Leute zu begründen und zu erhalten, und auch diese Institution hat bereits Wurzel gefaßt und Früchte getragen. Am 26. Dezember 1897 fand in Berlin der zweite Verbandstag statt, an dem bereits mehr als 40 Vereine theilnahmen, und der die gedeihliche Entwickelung der Idee nach allen Richtungen veranschaulicht. Gegenwärtig zählt der Verband hundert Vereine in allen Gauen des deutschen Vaterlandes von Metz bis Memel, von denen einzelne Vereine 400—500 Mitglieder und darüber haben, andere aber in Gemeinden bestehen! und blühen, die kaum 25 Gemeindehu —— Mitglieder überhaupt zählen, und tvo sämmtliche Mitglieder der Gemeinde auch-Mitglieder des Vereins sind. Gerade in solchen kleinen Gemeinden blühen die Vereine am besten und tragen auch am meisten zur Hebung des allgemeinen Kulturniveaus bei. Gerade dort bewähren sie sich als ein Erziehungsmittel ersten Ranges. Und so knüpfen wir an die Betrachtung der Vergangenheit unserer Schöpfung die besten Hoffnungen für ihre Zukunft. Die Parole heißt jetzt: Rüstig fortarbeiten und nicht ermüden, bis überall, in jeder deutschen Gemeinde ein Litteraturverein besteht! 4 Daneben aber gilt es jetzt, das Bestehende zu kräftigen und zu fördern! Kein Fußbreit von dem mühsam eroberten Terrain darf uns wieder verloren gehen, und nur so kann neuer Boden gewonnen werden! Ausgehend von dieser Ueberzeugung, hat die Leitung des Verbandes in diesen Tagen an alle Vereine das nachfolgende Rundschreiben gerichtet: Geehrte Herren! Wenn ich mir erlaube, an Sie das beifolgende Schreiben zu richten, so geschieht es in der Ueberzeugung, daß unsere Litteraturvereine gegenwärtig i« ein Stadium gelangt sind, das für ihre Fortentwickelung von höchster Bedeutung ist, in jenes Stadium nämlich, wo, wie bei allen Vereinen, nachdem sie mehrere Jahre bestanden haben, der Reiz der Neuheit und das flüchtige Interesse, welches den jungen Schöpfungen entgegengebracht wird, sich zu verlieren beginnt, und wo sie nunmehr auf Mittel sinnen müssen, daß das Interesse des Publikums sich nicht abstumpfe, sondern fortdauernd rege erhalten werde. Eine solche Krisis müssen naturgemäß alle, namentlich aber alle litterarischen Interessen gewidmeten Vereine durchmachen. Haben sie diese Krisis überwunden, so ist die Bürgschaft ihrer Dauer und des Erfolges ihrer Bestrebungen gesichert. Nach meinen Erfahrungen würde es deshalb von größter Bedeutung sein, wenn Sie jetzt daran denken würden, durch eine systematische Fortbildung Ihrer Mitglieder das Ziel zu erreichen, das uns allen bei der Begründung jüdischer Litteraturvereine vorschwebte. Die einzelnen Vorträge aus allen Gebieten unseres Schriftthums haben das Interesse für unsere Geschichte und für unsere Litteratur erweckt; es gilt nun, dieses Interesse festzuhalten und dem nunmehr erwachten Bildungstrieb neue Nahrung zu bieten. Für diesen Zweck möchte ich Ihnen als besonders geeignet regelmäßige Cyklen über die ganze jüdische Geschichte und das jüdische Schriftthum oder über die leitenden Ideen des Juden - thums oder auch über einzelne Perioden und Gebiete empfehlen. Ich selbst habe schon vor zwei Jahren in der Loge des Benai Brith-Ordens einen derartigen Versuch gemacht, in sechs auf einander folgenden Vorträgen einen kurzen Abriß der ganzen Geschichte des Judenthums vom Anfang bis zur Gegenwart zu bieten, und ich kann wohl, ohne unbescheiden zu sein, behaupten, daß dieser Versuch Erfolg hatte, den ich aber durchaus nicht meinen Borträgen, sondern ausschließlich der Sache selbst zuschreibe. Dadurch, daß man nicht einzelne Borträge, sondern zusammenhängende Kurse bietet, wird es möglich sein, einen begrenzten Gegenstand tiefer und erschöpfend zu behandeln. Durch Frage und Antwort am Schluß der Borträge kann auch eine größere Klärung, ein näherer „pädagogischer Rapport" erzielt werden. Es ist gesagt worden, unser Unternehmen werde nur Halbbildung und Unzufriedenheit steigern. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Folgen bei Einzelnen eintreten können und vielleicht eintreten werden. Doch im Ganzen fürchte ich das nicht, weil ich glaube, der ganze Charakter der Vorträge werde über diese Klippen hinwegführen. Und im Grunde sind es dieselben Borwürfe, die man auch gegen die Volks- und Fortbildungsschulen sowie gegen alle Veranstaltungen auf Hebung des Wissens der allgemeinen Massen erhoben hat. Das moderne Publikum will aber nun einmal etwas Großes, Ganzes, Einheitliches, aus dem es Belehrung und Unterricht schöpfen kann, den man ihm in einzelnen, zusammenhanglosen Vorträgen kaum bieten kann. Den gleichen Versuch werde ich in diesem Winter in unserem hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur machen, und ich kann Ihnen nur auf das Dringendste empfehlen, einen solchen Cyklus von Vorträgen auch in Ihrem Verein zu veranstalten. Unzweifelhaft ist Ihr Herr! Rabbiner, Lehrer oder irgend ein Fachgelehrter dort geneigt, einen zu-