Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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wppy 62. Jahrgang. Nr. 47 Berlin» 25. November 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Br- Ludwig Philippson-Sonn. BW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlags-Expedition: Berlin, Ierusalemerstr. 48/49. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem..Zeitung des Judenthums", Berlin 5 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaeteurr Gustav Karpeles. 5ttl)rtlt. Leitartikel r Hundert Litteraturvereine. — Die Woche. — Protokoll der Konferenz israelitischer Lehrer in Emden und Oldenburg. — Aus der Berliner Gemeinde. — Brief aus Oesterreich. — Das amerikanische Israel. Von Prof. Dr. G. Deutsch. (Forts.) — Rabbi Zeira. Von Prof. Dr. W i l h e l m B a ch e r. (Forts.) — Feuilleton r Die Rose von Saron. XXII. — Das Geheimniß. VII. Historische Erzählung von A. Stern. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten r Berlin, Aus der Provinz Posen, Görlitz, Hannover, Köln, Wien, Budapest, Jerusalem, Rew-York. — Bon Rah nnd Fern. — Miseellen. - Geschäftliche Notizen. Hundert Litteraturvereine. Berlin, 23. November. uralter Väterweise sprechen wir heute dankerfüllt den Segensspruch aus, in dem wir Gott dafür preisen, daß er uns dieses Ziel hat erreichen taffen. Hundert Litteraturvereine! Wer hätte vor einem Jahrzehnt geglaubt, daß das einzelne, zagend ausgestreute Samenkorn auf so fruchtbaren Boden fallen und eine so gedeihliche Ernte bringen werde. „Weinend zogst du oft dahin, den Wurf des Samens tragend, nun kehrst du heim, in hellem Jubel deine Garben tragend!" Und ein Gefühl besonderer Genugthuung erfüllt uns, indem wir schon heute mit dem Rückblick in die Vergangenheit frohe Aussicht in die Zukunft verbinden können. In dieser Woche ist in Mainz, indem alten,.goldenen Mainz, von wo aus zuerst die „Leuchte des Exils" vor einem Jahrtausend die Kenntniß der Thora über ganz Deutschland verbreitet hat, der hundertunderste Verein für jüdische Geschichte und Litteratur begründet worden. Dieses Beispiel wird sicher weithin wirken und auch dort, wo es noch an einer Stätte für die Kenntniß unserer heiligen Lehre und Geschichte fehlt, zur Nacheiferung anspornen. Uns aber geziemt es heute, nach einem Jahrzehnt ernster Arbeit, noch einmal der Thatsachen im Zusammenhang zu gedenken, die zu diesem Ziele führten, das nur durch die vereinte Arbeit vieler edler Männer hat erreicht werden können. Es ist gar keine Frage, daß der Antisemitismus einen nicht zu unterschätzenden Antheil an diesen Erfolgen hat, und es braucht nicht im Einzelnen aufgeführt zu werden, worin dieser Zusammenhang besteht. Bis rum Auftreten des Antisemitismus waren viele unserer Glaubensgenoffen der Meinung, daß die Assimilirung an das deutsche Geistesleben gleichbedeutend sei mit dem Aufgeben des Judenthums selber als Religion, als Külturfaktor. Aus diesem verhängnißvollen Jrrthum wurden sie erst durch den Antisemitismus gewaltsam ausgerüttelt und in die Reihen Derer zurückgeschleudert, die sie treulos zu verlaffen die nichts weniger als edle Absicht hatten. Wir aber hatten, wie einst unsere Vorfahren, zur Zeit der Wiederaufrichtung des zweiten Tempels „mit der einen Hand das Schwert, mit der anderen die Kelle" zu führen. Wir hatten den Kampf gegen die äußeren Feinde und gegen den inneren, d. h. gegen den immer mehr überhandnehmenden Abfall auf der einen und den Jndifferentismus auf der andern Seite zu führen. Als die wirksamsten Mittel, diesen beiden Gegnern beizukommen, erschien die Abwehr und die sogenannte innere Mission. Bei der letzteren konnte man gerade von einem Theil unserer Gegner sehr viel lernen. Sollte diese innere Mission aber von Erfolg begleitet sein, so mußte das junge Geschlecht, erzogen in Kämpfen und Gewittern, vor allem mit dem Bewußtsein erfüllt werden, daß in dem großen letzten Kampfe der Raffen nnd Religionen das Judenthum noch eine wesentliche Rolle zu spielen habe, daß es ferner eine geschichtliche Mission zu erfüllen habe, daß es überhaupt eine große und glorreiche Geschichte besitze, auf die es das Recht habe, stolz zu sein, daß eng mit dieser Geschichte ein weites und ausgedehntes Schriftthum verwachsen sei, das einen Zeitraum von mehr als 300Q Jahren umfaßt, alle großen Entwickelungen des geistigen Lebens der Menschheit in sich ausgenommen, mit seinen eigenen Anschauungen verarbeitet hat, und das so eine wichtige Ergänzung der Weltlitteratur geworden ist. Die Erkenntniß dieser in ihrer Art einzigen Litteratur mußte eine der Hauptaufgaben bilden, die einem jungen Geschlecht die Liebe zu dem Glauben und in seiner Art ein gewiffes modernes Martyrium plausibel machen sollte. In früheren Jahrhunderten war die Liebe zum Wissen, die geistige Regsamkeit, die Theilnahme an allen wiffenschaftlichen Entwickelungen einer der Hauptfaktoren, die den jüdischen Stamm auf seiner dunklen und langen Leidensbahn widerstandsfähig erhalten haben. Es war daher ein selbstverständlicher Gedanke, auf diesen Standpunkt zurückzukehren, um eine Neubelebung des Geistes zu versuchen. Während früher Ludwig Philippson das Jntereffe an dieser Litteratur durch ein Institut zu beleben suchte, das die Kenntniß derselben durch hervorragende Werke in deutscher Sprache fördern sollte, galt es jetzt, zunächst ein Publikum für derartige neue Geistesschöpfungen zu finden oder, wenn ein solches nicht vorhanden war, zu erziehen. Von dem Gesichtspunkt ausgehend, daß die Gleichgiltigkeit gegen ein so uraltes Erbe, nur eine Folge der geradezu beschämenden Unkenntniß, stellte man sich die Aufgabe, diesem Uebelstand entgegen zu wirken und überall Vereine zu gründen, die die Kenntniß ihrer eigenen Geschichte und Litteratur unter den Juden verbreiten sollte. So traten wir vor etwa zehn Jahren zuerst an die Verwirklichung dieses Planes heran, und die Kunde von der freudigen Begrüßung des Unternehmens in mehreren großen Gemeinden wirkte zündend und begeisternd in vielen anderen Gemeinden des Reiches, die nun mit Hellem Eifer dem Beispiel folgten. Durch Wort und Schrift» durch persönlichen Einfluß, durch Agitations-