Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Mitgliederzahl erreicht hat. Ueberhaupt hat der Verein sich im Laufe der Jahre zu einem gewichtigen Faktor Im Leben unserer Gemeinde herausgebildet, insofern er als berufener Vertreter der Interessen des freisinnigen Theils derselben sowohl von den Gemeindebehörden als auch von den Vertretern der konservativen Richtung angesehen und refpektirt wird. Diese Anerkennung hat es ermöglicht, daß wir einer unserer Hauptaufgaben, dahin zu wirken, daß an der Verwaltung der Gemeinde nur Männer von erprobtem Interesse für das Judenthum und seine Institutionen theilnehmen, und daß die freisinnige Mehrheit der Gemeinde eine entsprechende Anzahl von Stimmen in der Verwaltung habe, bei den am Ende vorigen Jahres stattgehabten Wahlen zum Gemeindeausschuß gerecht werden konnten, ohne in einen Wahlkampf eintreten zu müssen. Die Gegenpartei hatte uns ein- Kompromiß vorgeschlagen, wonach jede Partei einen ihr genehmen Kandidaten aufstellen sollte; diese Beiden sowie ein beiden Parteien genehmer unabhängiger Kandidat als Dritter sollten dann von beiden Parteien proklamirt und gewählt werden. In Ausführung dieses Kompromisses sind dann auch einstimmig bezw. fast einstimmig das Vorstandsmitglied Herr Dr. Blau, Herr Jakob Sichel und Herr Direktor Hochschild zu Ausschußmitgliedern gewählt worden. In der Zusammensetzung unseres Vorstandes ist im verflossenen Vereinsjahr insofern eine Aenderung eingetreten, als durch das Hinscheiden des Herrn Anton Julius Goldschmidt und den Austritt des Herrn Oberlehrers Isaak Blum die Neuwahl zweier Mitglieder erforderlich wurde. Die Herren Hermann Kahn und Sally Z. Bonn sind in den Vorstand gewählt worden. Die drei Versammlungen, die im abgelaufenen Jahre veranstaltet wurden, waren von Mitgliedern und Gästen gut besucht; in denselben sprachen Herr Ignatz Creizenach über-: „Die zionistische Bewegung", Herr Oberlehrer Dr. Kuttner über: „Die Erziehung unserer Kinder" und Herr Dr. med. Th. Jaffe über: „Soziale Hygiene im Alterthum". Bon besonderem Interesse ist in dem Bericht die Auseinandersetzung mit der konservativen Partei unserer Gemeinde, auf die wir an anderer Stelle zurückkommen. Oesterreich -Ungarn. □ Wien, 14. November. Die Pestgefahr ist glücklicherweise vorübergegangen, was sie aber zurückgelassen, sind u. a. die Schundwitze der Antisemiten; so beantragte Gregorig in einer vertraulichen Sitzung: man möge Hofrath Nothnagel in gebührender Anerkennung seiner Verdienste um die Verschleppung der Pestgefahr ein Exemplar des „Schulchan Aruch" in Prachtband überreichen, welcher kolossale Witz sogar von Lueger zurückgewiesen wurde; in derselben Sitzung wurden Salvatormedaillen vertheilt, dem Assistenzarzt Dr. Max Mayer jedoch blos die vollste Anerkennung ausgesprochen. — Beim sonnabendlichen Bummel fanden zwischen deutsch-nationalen und jüdisch-nationalen Studenten (Libanonia) Reibungen statt, die zu argen Keilereien und zu mehrfachen gegenseitigen Herausforderungen führten. — Dem Tempelbauverein in der Josefsladt wurde vom Stadtrath wegen angeblicher Feuersgefahr die Bewilligung versagt; auf einen Rekurs an den Verwaltungsgerichtshof hin hat derselbe die Erlaubniß zum Bau gegeben, da ein Tempelbau an sich kein feuergefährlicher Bau sei. — In Lemberg ist am 2. d. Mts. der allgemein geachtete Herr Moriz Diamant, Präsident der Filiale der israelitischen Allianz, Mitglied vieler Wohlthätigkeitsvereine, welcher das 66. Lebensjahr erreichte, zu Grabe getragen worden. — In Krakau ist der Gerichtssekretär Salomon Jurowitz zum Landgerichtsrath ernannt worden, der dritte Jude, der in Westgalizien diese Würde bekleidet. Angesichts der vorherrschenden antisemitischen Strömung erhält diese Ernennung gesteigerte Bedeutung. — Das Lemberger Blatt „Naprzod" berichtet: „Der berühmte Publizist und Gelehrte Georg Brandes gab unlängst ein Werk „Polen" heraus, in welchem er die politische Lage der Polen in Rußland schilderte. Der Verfasser sparte in seinem Werk nicht an Komplimenten für die polnische Schlacht« und erklärte, daß der Sozialismus und der Liberalismus für Polen schädlich seien, denn sie schwächen die nationalen Kräfte im Kampf gegen das Zarenreich. Das Werk wurde ins Polnische übersetzt, die „Patrioten", mit dem Pater Gnatowski an der Spitze, beschlossen, Brandes nach Lemberg einzuladen. Der Gelehrte aceeptirte die Einladung. Plötzlich berichteten die Blätter, daß Brandes nicht kommen werde. Die Ursache dieser plötzlichen Veränderung war eine Entdeckung, die über die Person Brandes gemacht worden war. Gnatowski und der Bürgermeister Malachowski hatten nämlich in Erfahrung gebracht, daß Brandes Jude sei, und zogen deshalb die Einladung zurück. — Der Kaiser hat den Maler Leopold Horowitz beauftragt, ein Bild weiland der Kaiserin in Lebensgröße zu malen; aus den vorgelegten Skizzen hat der Kaiser diejenige zur Ausführung bestimmt, welche die Kaiserin im Alter von 40 bis 45 Jahren darstellt. — Dem Finanzkonzipisten Dr. Rudolf Siebenschein wurde in Anerkennung seiner Verdienste um die Steuerreform das goldene Berdienstkreuz verliehen. 6. Budapest, 9. November. Die katholische Volkspartei gründete in vielen Städten christliche Konsumvereine, um ihren Anhängern zu ermöglichen, ihren Ruf: „Kaufet nicht bei Juden!" zur That werden zu lassen. Angesichts der vielen Mißbräuche, die sich die Leiter derselben zu Schulden kommen ließen, richtete nun der Zipser Bischof Paul Szmreesanyi an die Geistlichkeit seiner Diözese einen Hirtenbrief, in welchem er ihr die Pflege der Konsumvereine wohl ans Herz bindet, aber die den Zielen solcher Verbände ganz entgegengesetzten Bestrebungen streng verurtheilt. Der Kirchenfürst führt unter anderem Folgendes aus: „Die größte Sorgfalt ist darauf zu richten, daß die Kassen- und Waarenverwalter moralisch vollkommen verläßliche Männer seien und auch materiell die erforderliche Garantie bieten sollen; der Direktions¬ und Aufsichtsrath aber werde aus den intelligentesten, materiell unabhängigen, achtenswerthen Mitgliedern des Publikums konstituirt. Dabei muß von dem Konsumverbande ferngehalten werden einerseits die übertriebene Gewinnsucht, andererseits der Rassenhaß und der ausschließliche Geist der Parteipolitik. Es darf niemals außer Acht gelassen werden, daß den Zielen des Verbandes ganz entgegengesetzte, von diesen abweichende, fremden Zwecken dienende Bestrebungen früher oder später den Verband zu einer Krise führen würden, deren unausbleibliche Rückwirkung in erster Reihe der Geistliche zu fühlen hätte; hingegen wird ein gut organisirter, nach gesunden wirtschaftlichen Prinzipien wirkender Verband zu einem wirkungsvollen Faktor in der Erreichung der zum Kreise des Pastoralen Berufes gehörenden hehren Ziele werden." — Für den Bau einer Synagoge in L ent schau bewilligte die Stadtbehörde Baumaterialien im Werthe von 2000 Kronen. — Der hervorragende Arzt Dr. Samuel Löw in Budapest wurde in Anerkennung seiner Verdienste um die vaterländischen Kurorte durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josefs - Ordens ausgezeichnet. — Der Kultus- und Unterrichtsminister richtete, wie das ungarische Amtsblatt meldet, ein warm gehaltenes Dankschreiben an Frau Baronin Hirsch für eine Stiftung von 700 000 Kronen, die sie zur Erhaltung des vom Pester jüdischen Frauenverein gegründeten Waisenmädchen-Asyls widmete. — In Bacs- Földvar übergab die Kultusgemeinde ihre neue Synagoge, deren Bau Frau Elise Fischer mit einer Spende von 20 000 Kronen ermöglichte, ihrer heiligen Bestimmung. Nach dem Festgottesdienst errichtete die bereits Erwähnte dann eine Stiftung von 40 000 Kronen, von deren Zinsen alljährlich arme Waifenmädchen Brautausstattungen erhalten mögen. — Für den Bau eines Bethauses in Janoschida leiteten die jüdischen Einwohner des Ortes eine Sammlung ein. Ein katholischer Priester aus der Umgebung widmete diesem Zwecke 200 Kronen. Diese edle That des Propstpfarrers Dr. Kuncz in Csorna veranlaßte auch die Dorfgemeinde zu einem größeren Beitrag. — Dr. Karl Baumgarten wurde zum Richter an der kgl. Tafel in Budapest ernannt. Großbritannien. B. London, 14. November. Am 6. d. M. fand die diesmalige Monatsversammlung fces Anglo Jewish Association statt. Das Hauptthema der Diskussion bilden die Besitzverhältnisse des Grundstücks in Jerusalem, auf welchem sich die Evelina de Rothschild-Schule befindet. Nach den neuen von Konstantinopel nach Jerusalem gelangten Vorschriften ist es vollkommen ausgeschlossen, daß ein englischer Unterthan jüdischen Glaubens die Besitztitel erhält. Es bleibt demnach nur der Ausweg, als nominellen Besitzer entweder einen türkischen Unterthan jüdischen Glaubens in Jerusalem oder einen englischen Christen eintragen zu lassen. Ueber diese Frage entspinnt sich eine sehr lebhafte Debatte, bei der sich herausstellt, daß die Sicherheit des ersten Auswegs außerordentlich zweifelhaft ist. Die Versammlung beschließt daher trotz des Widerstandes des Rev. Gaster, eine zuverlässige christliche Persönlichkeit in England als nominellen Besitzer der türkischen Regierung