Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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WMWffMU «WWM 2 Abwehr antisemitischer Angriffe und zur vollständigen Durchführung der den deutschen Juden gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung eminent politische Zwecke. In Verfolgung dieser feiner Ziele sei er angesichts der Thatfache, daß kein einziger Jude im preußischen Landtag säße, geradezu, genöthigt gewesen, einzugreifen. Er habe sich dabei, wie sein Verhalten in Posen beweise, durchaus nicht mit irgend einer Partei identifizirt. Von einer konfessionellen Kandidatur könnte nur dann die Rede sein, wenn ein sonst zum Abgeordneten nicht qualifizirter Juoe um seines Judenthums willen, oder um einseitige jüdische Politik zu treiben, aufgestellt würde. Beides treffe bei der Kandidatur Friedemann nicht zu, die von der Parteileitung gutgeheißen und lediglich an dem Verhalten einzelner Juden selbst gescheitert sei. Schließlich hätte man auch die Wahl des Dr. Max Hirsch kaum erreicht, ohne die Aufstellung der vielgetadelten konfessionellen Kandidatur. In der Debatte wurde die Behauptung, wonach der Centralverein mit der freisinnigen Parteileitung ein Kompromiß geschloffen und zum Dank für die Aufstellung. seines Spezialkandidaten Friedemann sich verpflichtet hatte, für die Abgeordneten Dr. Hermes und Träger zu stimmen, vom Vorstande entschieden desavouirt. Im. weiteren Verlauf der Sitzung beschäftigte sich der Centralverein mit der Verfügung des Provinzialschulkollegiums in Sachen der jüdischen Lehrerinnen. Die Versammlung beschloß, den Vorstand mit der Berathung der gegen die Verfügung einzuleitenden Schritte zu beauftragen. L2 Berlin, 14. November. Soeben ist der Bericht des Berliner Lokalvereins zum Rothen Kreuz für 1697/98 erschienen. Derselbe giebt ein glänzendes Zeugniß für den Wohlthätigkeitssinn der Berliner Juden ab. Während 1896/97 der Verein nur 364 Mitglieder hatte, ist die Zahl in dem letzten Jahre auf 960 gestiegen. Dieses Anwachsen ist einzig und allein den jüdischen Mitgliedern des Vorstandes zu verdanken. Der Bericht hebt dieses auch hervor, sagt aber nur : einzelnen Vorstandsmitgliedern. Unter diesen 960 Mitgliedern befinden sich nicht weniger als 360 Mitglieder jüdischen Glaubens. Das Hauptverdienst gebührt dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Kommerzienrath Jacob. Bei diesem Anlaß wollen wir noch mittheilen, daß die Rothe Kreuz-Medaille 3. Kl. der Frau Kommerzienrath Arnhold hier, dem Fabrikbesitzer Gustav Davidson in Danzig, dem Kommerzienrath Emil Jacob, dem Direktor Max Schlesinger und dem Kaufmann James Simon hier verliehen wurde. L2 Berlin, 7. November. Im alten Berliner Ghetto, in der Spandauerstraße, fallen jetzt sämmtliche alten Häuser gegenüber dem Rathhause von Nummer 30 bis 44. Die meisten haben keinen baugeschichtlichen Werth. Nummer 30 jedoch war auch nach heutigen Begriffen ein sehr stattliches Bauwerk. Dasselbe gehörte unter Friedrich dem Großen den Münzjuden Beitel Heine Ephraim und seinem Bruder, dem Ahnherrn von Georg Ebers und Felix Eberty, welche in ihrer Gold- und Silbermanufaktur am Schiffbauerdamm über 800 Personen beschäftigten. Für die Silber- und Kupferschmelze trieben zwei Roßmühlen je sechs riesige Blasebälge. Daß die Ephraims ein eigenes Haus besitzen konnten, war eine Vergünstigung, da nur dreißig Juden in Berlin Hausbesitzer sein durften. Auch die Gold- und Silbermanufaktur war bis 1762 königlich gewesen. Die Trachten jener Zeit erforderten viel Tressen, Borden und Schnüre. In einem Jahre lieferte die Manufaktur für 300 600 Thaler solcher Fabrikate. Ihrem Reichthum gemäß führten die Ephraims ein großes Haus. Ein Bild davon giebt eine am 7. Januar 1740 gefeierte Hochzeit, an welcher der ganze Hof Theil nahm. Der sparsame König Friedrich Wilhelm I. lud sich nämlich gern bei Leuten zu Gaste, ^welche besondere kulinarische Genüsse bieten konnten. Ihn begleiteten auch noch die Braunschweig-Wolfenbüttelschen Herrschaften sowie ein zahlreiches Gefolge. Die Familie Ephraim hatte zu Ehren der hohen Gäste eine fürstliche Pracht entfaltet. Die Front des Hauses war mit kostbaren Teppichen behängt. Im Erdgeschoß sah man eine Ausstellung von Edelsteinschmucks, Nippessachen und fremdländischen Stoffen; selbst eine Gemäldeausstellung fehlte nicht. Für den Hof waren drei Zimmer aufs Reichste ausgestattet, den Hof hatte man mit Brüsseler Teppichen belegt und mit grünen Gewinden und farbigen Lampen geschmückt. Hier wurde die Trauung des Paares unter einer Chuppa vollzogen. Ein Tanzvergnügen folgte. Die Ephraims hatten im Haufe auch ihre Privatsynagoge, welche dieselben mit einem Kapital zu ihrer Unterhaltung ausstatteten. Hier sind auch der Stiftung gemäß bis zuletzt zweimal wöchentlich Gottesdienste abgehalten worden. Das Haus, in welchem^ sich ein gutes Stück Berliner Geschichte abgespielt hat, fällt nun der Spitzhacke zum Opfer. Aus Westpreußen, im November. In Pr. Friedland hat die Synagogengemeinde einen schönen Bauplatz unweit vom königlichen Lehrerseminar angekauft, auf welchem ein würdiges Gotteshaus erbaut werden soll. — In Marienwerder ist der Kaufmann Moritz Blum zum unbesoldeten Rathsherrn gewählt. — In Kasemark feierten die Kaufmann Hirsch'schen Eheleute die goldene Hochzeit. Vom Kaiser erhielten sie das übliche Ehejubiläums-Geschenk. — Dem Fabrikbesitzer I. Landau in M o g iln o ist der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden. — In Rosenberg ist dem Kaufmann Cohn für 15jährige Dienstzeit bei der freiwilligen Feuerwehr die Verdienstmedaille verliehen worden. — Die Stadtverordneten in Königsberg wählten die Herren Adamsohn und Magnus zu unbesoldeten Stadträthen. — In Gilgenburg ist Herr Plonski zum Kantor gewählt. — Herr Falk Nathan in Danzig feierte am 16. d. M. körperlich und geistig rüstig den 90. Geburtstag, umgeben von 50 Enkelkindern und einer ansehnlichen Schaar Urenkel, unter welchen der Jüngste 17 Jahre alt ist. — Das Konfektionsgeschäft A. Flatow in Marienburg feierte am 15. d. M. das 50jährige Geschäftsjubiläum. — In Bartenstein sind die Herren Michaelis und Neuwann und in Heiligenbeil Herr Carlsohn zu Stadtverordneten gewählt. — Herr Rechtsanwalt Lewinski aus Neumark ist auf dem Gauturntag in Gutstadt in den Gauturnrath als Gauturnvertreter gewählt worden. — Die kürzlich in Dirschau verstorbene Wittwe Pauline Lilienthal, geb. Frank, hat der Synagogengemeinde daselbst testamentarisch 1000 M. vermacht. — In Königsberg haben die Stadtverordneten gemäß dem Antrag des Magistrats beschlossen, für die Kosten des lehrplanmäßigen jüdischen Religionsunterrichts an den städtischen Gymnasien, der städtischen höheren Mädchenschule sowie zwei Bürgerschulen 2000 M. in den Etat einzustellen. — Das Ehepaar S. Simoni in Moschin feierte am Sonnabend das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. r. Strelno (Posen), 15. November. Ein schönes Fest veranstaltete die hiesige Gemeinde am letzten Sonnabend und Sonntag zu Ehren des 25jährigen Amtsjubiläums ihres ersten Vorstehers Herrn Adolf Lesser. Nach Beendigung des Festgottesdienstes in der Synagoge erschienen in der Behausung des Jubilars der Gemeinde-Vorstand nebst Repräsentanten-Kollegium in corpore sowie Deputationen des Magistrats mit dem Bürgermeister an der Spitze, der vier jüdischen Vereine, um den Jubilar durch Ansprachen zu feiern und werthvolle Zeichen der Verehrung zu überreichen; zahlreiche Glückwunschschreiben und Depeschen zeigten, welcher Liebe und Achtung der Jubilar sich auch außerhalb Strelnos zu erfreuen hat. Am Sonntag fand ein Festessen statt, an welchem sämmtliche Gemeindemitglieder mit ihren Angehörigen theilnahmen. Nach einem von Fräulein Pulvermann gesprochenen Prolog brachte der ebenfalls anwesende Bürgermeister den Kaisertoast aus, dem heitere und ernste Tischreden, Tafellieder u. s. w. folgten. Später fand noch eine Theateraufführung und Ball statt, der die ganze Gemeinde in festlicher Stimmung zusammen hielt. Erwähnenswerth dürfte noch der Umstand sein, daß der Herr Bürgermeister das gute Einvernehmen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen hiesiger Stadt betonte, zu welchem der Jubilar in seiner Eigenschaft als langjähriger Stadtverordneter sehr wesentlich beigetragen, und erklärte, daß er es für eine Ehrenpflicht halte, um der jüdischen Gemeinde einen Beweis seiner Achtung zu geben, ihrem ersten Vorsteher, dem Jubilar, das brüderliche „Du" anzubieten, was unter hellem Jubel und voller Begeisterung der Anwesenden von dem Jubilar mit tiefer Rührung angenommen wurde. Möge der Jubilar noch lange des Segens sich erfreuen, den er durch seinen lauteren Charakter und durch seine friedliche Verwaltung gestiftet hat. Frankfurt a. M., 13. November. Der Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben erstattete seinen siebenten Jahresbericht pro 1897/98 in der ordentlichen Hauptversammlung vom 19. Oktober 1898. Derselbe war verfaßt von dem Schriftführer Rechtsanwalt Dr. Blau. Der Verein blickt nunmehr auf eine siebenjährige Thätigkeit zurück, und wenn es eines Beweises für seine Existenzberechtigung und Lebensfähigkeit noch bedürfte, dieser Beweis wäre allein schon dadurch erbracht, daß er von Jahr zu Jahr an Mitgliedern zugenommen und in der abgelaufenen Periode mit nahezu 400 seine höchste