Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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62. Jahrgang. Ar. 46. iörrlm. 18. November 1898 Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des Zuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 15. November. Der Verwaltungsbericht der jüdischen Gemeinde zu Berlin für die Zeit vom 1. April 1895 bis 31. März 1898, der anläßlich der Wahlen eben ausgegeben wurde, ist ein in jeder Beziehung interessantes und werthvolles Schriftstück. Wir ersehen aus demselben, daß die Entwickelung der Gemeinde, trotz der Wühlarbeit der kleinen, aber sehr rührigen konservativen Minorität, die jeden Fortschritt hemmen will, eine stetige und gedeihliche gewesen ist. In. diesen drei Jahren ist die Zahl der beitragsfähigen Gemeindemitglieder von 16 235 auf 21389 gestiegen. Die Zahl der wahlfähigen Mitglieder beträgt 16895. Aus dem Judenthum ausgeschieden sind hier während der Berichtszeit 241 Personen, während 34 aus religiösen Bedenken ihren Austritt aus der Gemeinde erklärt haben. Der zur Deckung der etatsmäßigen Ausgaben erhobene Beitrag (Gemeindesteuer) ist trotzdem von ai/20 auf V2 vom Hundert des staatlicherseits veranlagten Einkommens ermäßigt worden. Von den größeren einmaligen Ausgaben, die der Bau der neuen Synagoge in der Lützowstraße erforderte, konnten ea. 350 000 Mark aus vorhandenen Mitteln gedeckt werden; zur Deckung des Restes wurde eine mit Sl/2 Prozent verzinsliche und mit 1 Prozent amortisirbare Anleihe im Betrage von 750 000 Mark ausgenommen. Die Errichtung weiterer Synagogen in anderen Stadttheilen ist bereits in Aussicht genommen. Im Herbst 1895 wurde die vierte, in diesem Herbst die fünfte Religionsschule eröffnet. Eine sechste soll noch im Laufe des kommenden Jahres folgen. Die Frequenz in den Schulen bei Beginn des Sommersemesters 1898 war folgende: Gemeindeknabenschule 606 Zöglinge, Gemeindemädchenschule 405 Zöglinge, 1. Religionsschule 373, 2. Religionsschule 426, 3. Religionsschule 225, 4. Religionsschule 146 Zöglinge; für 2 Religionsschulen (die zweite und dritte) sind eigene Räume vorhanden, für die beiden anderen sind seitens der städtischen Schuldeputation die Klassenzimmer zur Verfügung gestellt worden. Dem Antrag aus Einführung jüdischen Religionsunterrichts an den hiesigen königlichen Gymnasien ist seitens des Provinzialschulkollegiums im Laufe dieser Zeit endlich stattgegeben worden. Der Unterricht ist fakultativ; ein Theil der Kosten wurde von den betreffenden Gymnasialklaffen übernommen. Die Lehrerbildungsanstalt wurde beim Beginn des Sommersemesters von 23, die Präparandenklasse von 20 Schülern besucht. Die Armenpflege hat durch Errichtung einer Centralstelle für die Wohlthätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde einen gedeihlichen Aufschwung genommen. Die Armenkommission der Gemeinde hat allein an Unterstützungen im letzten Jahre an 3699 Personen zusammen 102 904 Mark verausgabt, wozu noch 27 018 Mark an verschämte Arme und 9394 Mark an durchreisende Glaubensgenossen kommen. Während der Berichtszeit hat die Armenkommission allein 396 038,69 Mark vertheilt. Dazu kommen aus der Ephraim-Stiftung 146 225 Mark, ferner die vielen Wohlthätigkeitsanstalten und Stiftungen. Neu eröffnet wurde das Hospital der Gemeinde. In den beiden Altersversorgungsanstalten befinden sich 220 Hospitaliten, in der Waisenpflege der Gemeinde 501 Zöglinge. Außerdem bestehen sehr viele Stiftungen und Legate. Die Einnahmen der Gemeinden betrugen im letzten Jahre 5 202 776 Mark, wovon 1015 364 Mark auf die Beiträge der Gemeindemitglieder entfielen, während sich die gesummten Ausgaben auf 4 200 758 Mark beziffern, von denen 329 581,42 Mark für Gottesdienst, 143 562 Mark für die Unterhaltung der eigenen Schulen und den Religionsunterricht an den höheren staatlichen Lehranstalten und 185,88 Mark für Gehälter ausgegeben wurden. Das Gemeindevermögen beläuft sich dem Bericht zufolge auf 1 002 018 Mark. Im Ganzen giebt die Gemeinde ca. eine halbe Million Mark jährlich für Wohlthätigkeit aus, und mehr als eine Million Mark beträgt der Etat für Erhaltung der Synagogen, Schulen, Gemeindeanstalten und Friedhöfe. Liest man diesen Bericht aufmerksam durch, und vergleicht man damit den Wahlaufruf des „Centralvereins für die jüdischen Interessen in Berlin", so wird man bei objektiver Betrachtung sofort erkennen, daß der größte Theil der Forderungen, die dort aufgestellt find, entweder bereits erfüllt oder der Erfüllung nahe gebracht ist. Die anderen Forderungen aber sind Utopien, oder deren Erfüllung liegt außerhalb des Machtbereichs der Gemeinde. Um so unbegreiflicher und unerhörter sind die Borwürfe und Angriffe, die in jenem Wahlaufruf gegen den Vorstand und die Repräsentanten erhoben werden, unter deren Verwaltung alle jene große Institutionen: Synagogen, Schulen, Kranken- und Waisenhäuser entstanden find, die den Ruhm unserer Gemeinde bilden. Aus dieser Erkenntniß erwächst aber für Jeden die Pflicht, dem die Zukunft des Judenthums und das Wohl unserer Gemeinde am Herzen liegt, bestimmt am 24. d. M. an der Wahlurne zu erscheinen und seine Stimme für die Männer abzugeben, die den besonnenen Fortschritt und die stete Entwickelung unserer Gemeinde vertreten. Diese Männer sind: 1. Hermann Landsberger. 2. Moritz Manheimer. 3. Geheimer Sanitätsrath Dr. M. Marcuse. 4. Rudolf Mosse. 5. Leonhard Sachs 6. Stadtverordneter Louis Sachs. 7. Justizrath Dr. Gustav Tiktin. 8. Stadtrath Dr. Max Weigert. 9. Oberlehrer Dr. Sigismund Blaschke. 10. Kommerzienrath Julius Martin Friedländer. 11. Professor Dr. Ludwig Geiger. 12. Hugo Heilmann. 13. Direktor Maximilian Herrmann. 14. Justizrath Felix Kaufmann. 15. Benas Levy. 16. Landgerichtsrath E. Loewe. 17. Willibald Löwenthal. 18. Adolph Mayer. 19. Albert Philipp Meyer. 20. Syndikus Dr. Georg Minden. 21. Rechtsanwalt Dr. Hermann Beit Simon. 2x2 Berlin, 15. November. Soeben sind Nr. 5 und 6 der Mittheilungen des liberalen Vereins erschienen. Gerade zu rechter Zeit, um alle Mitglieder unserer Gemeinde auf die Bedeutung der bevorstehenden Wahlen aufmerksam zu machen. Der gediegene und bei strengster Sachlichkeit doch wahrhaft liberale Aufsatz des Herrn Dozenten Dr. Martin Schreiner wird diese Mission gewiß in vorzüglicher Weise erfüllen. Das Heft enthält außerdem noch den liberalen Wahlaufruf und das Verzeichniß der Ausschußmitglieder und Vertrauensmänner des Vereins, deren Zahl sich auf mehr als 250 beläuft. §2 Berlin, 14. November. Die Stadtverordneten Dr. Preuß, Kreitling, Kalisch, Ladewig, Bracke, Riemer, Drenske, Marggraff, Ullstein, Dr. Friedemann, Raatz, Dinse, Witkowski, Weiß, Dr. Paul, Deter, Frick, Dr. Rüge haben folgenden Antrag in der Stadtverordnetenversammlung eingereicht: „Die Unterzeichneten beantragen: Die Versammlung wolle den Magistrat ersuchen, dafür Sorge zu tragen, daß den ohne ihr Verschulden gemaßregelten jüdischen Lehrerinnen eine ersprießliche Wirksamkeit und ein mit ihrer persönlichen Würde vereinbares Ausharren im städtischen Schuldienst ermöglicht werde, etwa durch Versetzung an die höheren Mädchenschulen und, wenn nöthig, durch Beurlaubung bis zum Eintritt entsprechender Vakanzen." 22 Berlin, 11. November. In der Versammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dje am 9. d. im Saale der Gesellschaft der Freunde stattfand, sprach Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs in sehr interessanter Weise über konfessionelle Kandidaturen. Er machte zunächst die Mittheilung, daß das Eingreifen des Centralvereins in die Wahlbewegung eine Reihe von Austrittserklärungen zur unmittelbaren Folge hatte. Die Einen bestritten dem Verein überhaupt die Berechtigung, in politische Angelegenheiten einzugreifen, während die Anderen sich gerade vom jüdischen Standpunkt gegen eine konfessionelle Kandidatur erklärten. Dabei habe sich sowohl über das Wesen einer derartigen Kandidatur wie über den Charakter des Centralvereins auch in jüdischen Kreisen bedauerliche Unklarheit gezeigt. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sei, trotzdem er nur Juden umschließe, kein religiöser Verein, er kümmere sich weder um Kultus noch Gottesdienst und verfolge durch seine Bestrebungen zur