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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-18 · Heft 46 (18.11.1898) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 46 (18.11.1898)
Date
1898-11-18
Page
Seite 552 (sequence 12)
Language
German
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^WMWD 552 «Ich könnt' es gleich merken," versetzte die Jungfrcm, „doch mochte ich ihn in seiner Liebe nicht stören, denn Ihr verdientet es olle Beide, Euch an einander zu freuen. Jetzt, da durch die Reise die Scheide sich entzweischeuerte und die Goldstücke durchblinkten, j mußte ich Euch aufmerksam machen!" Sie trennte die Seite nun vollends auf, und es rollten achtzig Goldmünzen heraus. Die letzte war in Papier gewickelt, worauf „Gedenke mein!" geschrieben stand. „So liebt er Euch, so liebten Euch Alle. Wilibald," sagte Marie; „was habt Ihr zurückgelaffen!" „Viel und doch nichts, wenn Du mich liebst!" erwiederte er und zog sie an sich. „Ob ich Euch liebe, Wilibald?" sagte sie nachsimiend. — „Ja," fuhr sie lebhaft fort, „weg mit aller mädchenhaften Schüchternheit! Ja, ich liebte Dich vom ersten Augenblick an!" „Und Du willst die Meine werden?" fragte er. „Wenn mein Schicksal entschieden, ja!" erwiederte sie. „Vielleicht bald," sagte Jbn Wakar, hinzutretend, „das Räthsel ist der Auflösung nahe. — Liebt Euch, aber tretet nicht eher aus dem Paradiese, als bis Euch Vaterhand ins Leben leitet!" Wilibald zog die Jungfrau an seine Brust. Sie schlang die zarten Arme um ihn, und Beide vergaßen sich in einem langen Kuß. „Gott segne Euch!" sagte der Arzt gerührt, und eine Helle Thräne rollte in seinen eisgrauen Bart. „Der Gott der Menschheit segne Euch!" Sie wurden plötzlich durch ein lautes Klopfen an die Hausthür unterbrochen. Der Rottenmeister trat mit den Hellebardieren ein und verneigte sich ehrerbietig. „Der wohlweise Siebenherr, Werner Wyttenbach, läßt Euch", sagte er. „seinen Gruß entbieten und Euch ersuchen, Euch durch mich sicher zu ihm führen zu lassen." „Wir folgen Euch!" erwiederte Jbn Wakar. Und fort ging es durch die Thore und Straßen der weltberühmten freien Reichsstadt Nürnberg, dem Hause Werner Whttenbachs zu. (Fortsetzung folgt.) Litterarische Mittheilungrn. W. Bacher: Die Agada der palästinensischen Amoräer. Dritter Band. Die letzten Amoräer Palästinas. Vom Anfang. des 4. bis zum Anfang des 5. Jahrhunderts. Unter diesem Titel wird zu Beginn des nächsten Jahres der Schlußband von W. Bachers Agadewerk erscheinen, welches in sechs Bänden (Die Agada der babylonischen Amoräer, Straßburg, Karl Trübner, 1876; Die Agada der Tannaiten, ib. I. Band 1884, II. Band 1890; Die Agada der palästinensischen Amoräer, ib. I. Band 1892, II. Band 1896) die ganze agadische Litteratur, soweit ihre Urheber in den Quellen genannt sind, sowie das Leben der Agadisten darstellt. Der neue, über vierzig Bogen starke Band behandelt in zwanzig Kapiteln die folgenden palästinensischen Amoräer: Zeira, Samuel ben Jizchak, Chelbo, Aibo, Reuben, Chanin, Jirmeja, Acha, Jehuda ben Simon, Jona und Jose, Jndan, Huna, Dosna ben Nechemja, Pinchas ben Chana, Berechja, Abin, Jehuda ben Schalom, Mani, Azarja, Tanchuma. Das XXI. Kapitel (ein Nachtrag zum I. und II. Bande) behandelt verschiedene (im Ganzen 97) Amoräer des dritten Jahrhunderts; das XXII. Kapitel verschiedene (101) Moräer des vierten Jahrhunderts. Das Schlußkapitel hat die Agada von (58) Moräern aus unbestimmter Zeit zum Gegenstände. — In der vorliegenden Nummer beginnt die Veröffentlichung des uns vom Verfasser zur Verfügung gestellten ersten Kapitels des neuen Bandes. Indem wir eine Besprechung von fachmännischer Seite uns Vorbehalten, möchten wir aber schon heute auf dieses bedeutsame Werk, eine der wichtigsten Erscheinungen unserer Litteratur, die volle Aufmerksamkeit weiterer Kreise lenken. Nur ein Mann, der die gesammte Agada des Talmud und Midrasch genau kennt, der zugleich ein gelehrter Philologe, scharfsinniger Alterthumsforscher und ein objektiver Historiker ist, konnte sich an ein solches Werk wagen, von dem man nun, da es der Vollendung entgegenreift, mit vollem Recht sagen kann, daß es ein in allen Theilen vorzüglich gelungenes sei, auf das wir wohl Hinweisen dürfen, wenn man der Wissenschaft des Judenthums von nichtjüdischer Seite den Borwurf macht, daß es dieser an Objektivität und an wissenschaftlicher Methode fehle. Das Werk ist eine der bedeutendsten^Leistungen in unserer Litteratur. ----- Dr. Adolph Kohut: Geschichte der deutschen Juden. Jllustrirt von Theodor Kutschmann, Berlin 1898, Deutscher Verlag 1. Bolllieferung. Ein populäres und dabei auf den Quellen beruhendes Buch über die Geschichte, besonders aber über die Kulturgeschichte, der deutschen Juden, von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, ist ein ebenso interessantes wie dankenswerthes Unternehmen. Der bekannte Geschichtsforscher und Kulturhistoriker Dr. Adolph Kohut bietet uns in dem vorliegenden wohlfeilen und überaus reich illustrirten Prachtwerk — die Illustrationen rühren von dem rühmlichst bekannten Maler Theodor Kutschmann her — eine gut geschriebene und sehr anregende Schilderung des äußeren wie inneren Lebens des jüdischen Stammes in Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Polen und der Schweiz — also so weit die deutsche Zunge klingt — in seinem Dichten und Trachten, seinem Denken und Fühlen, seinen geistigen Schöpfungen und Eigenthümlichkeiten, seiner Lust und Trauer, seinem Humor und seiner Sprache rc. Wir lernen hier zum ersten Male in Wort und Bild die Geisteshelden, die großen Forscher und Gelehrten, die Märtyrer und Märtyrerinnen, aber auch sonstige interessante und originelle Charakterköpfe der deutschen Juden kennen. Die eigenartige, großartige, aber im Allgemeinen tragische Vergangenheit der deutschen Juden tritt uns in packenden Geschichts-, Kultur- und Lebensbildern mit plastischer Anschaulichkeit vor die Augen. Die Synagogen, Friedhöfe, Monumente, die Synoden und Kongresse, die Freudenfeste, das Ghetto und seine Bewohner, das jüdische Familienleben, die Trachten des Mittelalters, die Judenfreunde wie Judenfeinde u. s. w. finden wir hier durch prachtvollen Bilderschmuck verewigt, was um so erfreulicher ist, als man sonst nirgends solche Schätze zusammen vereinigt findet, der Verfasser aus den verborgensten Winkeln der alten Städte und Ruinen, aus Bibliotheken, Archiven, Staats- und Privatsammlungen diese interessanten und bedeutsamen Abbildungen sich verschafft hat. Wenn der Autor auch mit anziehender Wärme und augenscheinlicher Sympathie seinen Gegenstand behandelt, so läßt er doch nie die Aufgabe des Historikers aus den Augen, objektiv und gerecht zu sein und die Wahrheit zu erforschen. Der Preis dieses Hausbuchs für die jüdische Familie ist trotz seiner glänzenden Ausstattung nur auf 20 Mark für das etwa 800 Seiten Text und zahlreiche farbige und schwarze Tafeln, Bilder, Vignetten u. s. w. umfassende Merk festgesetzt. Die Erscheinungsweise in 10 Volllieferungen ä 2 Mark bezw. 20 fealb; Lieferungen ä 1 Mark ist gewählt, um auch dem Minderbemittelten die Beschaffung zu ermöglichen. Die vorliegende erste Bolllieferung enthält nach einer geistreichen orientirenden Einleitung im ersten Abschnitt die Schilderung der ersten Einwanderung der Juden in Deutschland bis zum Beginn der Kreuzzüge 1096. Wir lernen hier u. a. die Stellung der Juden im römischen Reich, unter den fränkischen Königen, den Merowingern, den Karolingern und den sächsischen Kaisern kennen. Wir verfolgen die Entwickelung des Begriffs der „Kammerknechte" und sehen, wie im Anfang des Mittelalters in den ausblühenden rheinischen Städten die Juden den Christen fast überall gleichgestellt waren, und wie sie sich namentlich unter Heinrich IV. und Ludwig dem Frommen großer Freiheiten und blühenden Wohlstandes erfreuten. Erschütternd und viel Neues bringend sind die darauf folgenden Kapitel über die Kreuzzüge und den unheilvollen Einfluß derselben auf das Schicksal der deutschen Juden. Der Verfasser benutzte dabei auch manche bisher unbekannten hebräischen Quellen, welche ein ganz neues Bild uns von der Geschichte, namentlich aber der Kulturgeschichte, des Mittelalters bieten. Ein wohlthuender Geist versöhnender Humanität im Urtheil über die Zeitereignisse verleiht der Darstellung des Verfassers, obwohl er aufs Entschiedenste gegen die abscheulichen Ausschreitungen und Brutalitäten jener düsteren Jahrhunderte Stellung nimmt, einen eigenartigen Reiz. Das vorliegende Werk ist ein rechtes Hausbuch, das namentlich als Lektüre für die reifere Jugend, in deren Seele noch Ideale leben, sich ganz besonders eignet. Wir können es aufs Wärmste empfehlen. 8. L. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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