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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-18 · Heft 46 (18.11.1898) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 46 (18.11.1898)
Date
1898-11-18
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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- 550 si'SVS'^ft'JVW**1 f ■i’*T" ":•$•>?. Es stieg ein Pilger, der plötzlich hinter den Hügeln hervortrat, langsam den Abhang zu der Höhle empor. Der Richtung nach schien dieser Pilger von Jerusalem zu kommen. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, die, wie es schien, mit absichtlich gebücktem Haupte einherging. Auch klirrte unter dem langen Pilgergewande zuweilen eine Waffe von Stahl gegen die ragenden, den Fußpfad hindernden Felsblöcke. Der Prophet richtete auf den Ankömmling einen seiner scharfen, prüfenden Blicke. Der Pilger stieg immer höher und war bald im Angesicht der Höhle. Der Prophet erhob sich mit mächtig überraschten Zügen. Der Pilger stand am Eingang der Grotte. Ahija stieß einen Ruf des Staunens und der Freude aus. Der Pilger trat ein und riß sein Pilgerkleid von den Schultern. Eine kraftvolle, männlich schöne, bewaffnete Gestalt stand vor dem Propheten. Es war Jerobeam. Das Auge Ahijas leuchtete, ja es schien in seinen Zügen eine gewisse tiefere, zärtliche Empfindung zu walten. Er faßte beide Hände des Kriegers und rief mit einer Begeisterung von Stolz und Triumph: „Sei mir gegrüßt! Möge Jehovah Deinen Schritt segnen, den Du wieder richtest nach dem Lande Deiner Väter!" Der hohe, in Kraft und Schönheit stolz entwickelte Krieger legte seine Hand auf des Propheten Schulter und sagte mit blitzenden Augen: „Möge Dein väterliches Auge Jerobeams Siege schauen! Ich grüße Dich freudiger im Lande meiner Väter als zu Ezjon-Geber unter den Sklaven Israels!" Es war ein begeisterter, fast liebevoller Stolz, mit welchem der Prophet den Krieger anblickte, welchen er auf den Thron von Zion leiten ivollte. „Du kommst von Thebars?" fragte der Prophet, welcher nicht müde wurde, die Heldengestalt des Kriegers mit glänzenden Augen zu meffen. „So ist es," versetzte Jerobeam, den Sitz einnehmend, welchen der Prophet eben verlaffen. „Schnelle Schiffe des Pharao führten mich nach Ezjon-Geber hinüber. Hierauf trugen mich die flüchtigen Rosse der Kinder Amalek bis Bersaba an den Grenzen Israels. Dort warf ich ein Pilgergewand um die kriegerische Gestalt und wanderte eilig der heiligen Stadt zu, unter deren Mauern ich diese Nacht vorübergestrichen. Denn siehe, ich suchte vor allem die Spuren Deiner Schritte." „Welche Nachrichten von des Pharao Rüstungen?" fragte der Prophet, sehr zufrieden mit den Worten Jerobeams. „Meine Zunge wird sprechen, wenn es Zeit ist," versetzte der Krieger. „Siehe, es ist mir Seltsames begegnet, da ich das Thal Josaphat hcraufgekommen!" Der Prophet blickte den Sprecher fragend und mit einiger Ungeduld an. Dieser fuhr fort: „Der Morgen graute über der Wüste Jericho, als ich am Oelberge vorüber eilte und den Thau der Gräser mit meinen Füßen streifte. Es war eine zarte Dämmerung, welche über dem Berge hing. Da kam ein Weib von den Oelbäumen herab und strebte den, Kidron zu. Hart am Ufer kreuzten sich unsere Schritte. Das Weib blieb stehen. Siehe, sie rührte fast mein Herz, denn sie war bleich, krank und voll Leid. Und ich hatte Mitleid mit ihr, obgleich sie vom Geschlechts Edoms." Der Prophet fuhr mit einem Ausruf empor. Zwar suchte er sich sogleich zu faffen, aber die erzwungene Ruhe verzerrte nur seine Züge, und augenscheinlich blieb er erregt. Er sagte mit dumpfer Stimme: „Ein Weib Edoms! Waruni hielt sie Dich auf?" „Sie blieb stehen," versetzte Jerobeam, etwas überrascht durch die Bewegung des Propheten, „doch sie sprach nichts — aber sie blickte mich seltsam an. Da stand ich und fragte sie. Sie horchte meiner Stimme — dann schüttelte sie traurig das Haupt. Endlich sprach sie mit zitternder, sanfter Stimme: „Woher des Weges, einsamer Pilger? Und ^wandelst Du einer mütterlichen Hütte entgegen?" — Siehe, das Wort verwunderte mich, denn ich habe keine Mutter.-Mein Vater, welche Unruhe oder welcher Schmerz bewegt Dich?" „Fahre fort," sagte der Mann von Silo. „Was redete das Weib von Edom ferner zu Dir?" „Als sie mich fragte," versetzte der Krieger, „antwortete ich also: Mein Pfad geht keiner mütterlichen Hütte zu. Ich kenne meine Erzeuger nicht. Ich war eine Waise schon ehemals. Da zuckte das Weib sichtlich zusammen, und ein Thränenstrom floß aus ihren Augen nieder. Siehe, sie war voll Schmerz, als gedenke sie eines Sohnes. Ich aber erinnerte mich eines Wortes, welches mir ein thörichter Weibermund zu Ezjon-Geber sagte: meine Mutter sei vom Geschlechte Edom." Der Prophet stieß einen wilden Ausruf hervor und wandte sich heftig ab. Aber da Jerobeam hocherstaunt nun aufsprang, unterdrückte der Prophet mit Riesenkraft eine gewaltige Bewegung. Doch blieben seine dürren Wangen bleich, und in seinen Augen hätte ein schärferer Blick eine angstvolle Unruhe lesen können. „Staune nicht, mein Sohn," sagte der Prophet mit gefaßter Stimme. „Und das Weib von Edom redete nicht mehr zu Dir?" „Sie wandte sich mit ihren Thränen ab," fuhr Jerobeam, der sich wieder gesetzt hatte, fort, „und ich nahm Abschied. Das Weib aus Edom nickte mir mit dem Haupte zu, und es war ein seltsamer, rührender Blick, welchen sie auf mich heftete. Dann ging sie hinab zur Stadt mit schwankenden Schlitten, ich aber eilte zu Dir." Der Krieger schwieg, Ahija aber knirschte unbemerkt mit den Zähnen, und sein Auge sprühte wieder jenes Feuer, das es bei dem Sturm von Zeruhas Hütte gezeigt. Nach einer Pause wandte er sich ruhiger an Jerobeam und sagte: „Und nun melde mir den Erfolg Deiner Anwesenheit zu Thebw's!" Jerobeam, durch diese Aufforderung, welche seine theuersten und größten Pläne berührte, aus tiefem Sinnen gerissen, erwiederte mit belebten Zügen und raschen Worten: „Da ich zu Thebais ankam, empfing mich der große Pharao mit Prangen und Fröhlichkeit, als nahe ein mächtiger Fürst seinem Hofe. Danach erfuhr ich die Uebereinkunft, welche Dein tiefer und schlauer Geist zwischen unseren Plänen und des Pharao Macht getroffen. Ich erfuhr, daß der große Pharao die Vermählung Namnis mit Jerobeam wünscht, damit zweier Länder Kronen auf ein mächtiges Haupt kommen. Ich erfuhr, daß Sethron abgesandt worden, den Edomiter hinzuhalten, daß er Briefe an Dich habe, worin die Gefangennehmung Rcsons befohlen worden." „Der Edomiter ist gefangen," versetzte der Prophet mit tiefer Stimme. Jerobeams Züge sprühten unverhohlenen Triumph. „Ferner, großer, heiliger Mann," fuhr er fort, „wünschte der Pharao, daß Naömi in unsere Gewalt käme." „Fluch lag're über dem Haupte Desjenigen, welcher sie raubte!" schrie der Prophet mit rasch aufloderndem Zorn. „Wie?" rief Jerobeam fast erschrocken. „Der Edomiter," fiHr Ahija fort, „brachte sie herbei — in die Hütte eines einfältigen Weibes. Den Edomiter fingen wir — Naömi wurde von Salomo geraubt und heißt nun Sulamith und gebietet in des Königs Harem!"

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