Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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547 verhandelt, der Ueberbürdung der Schuljugend dadurch abzuhelfen, indem man gesetzlich feststelle, die ludolfische Zahl betrage 3'2. Im kirchlichen Leben kommen ähnliche Fälle vor. Da ist z. B. in New- Aork eine Baptistenkirche, zu deren Patronen der berühmte Petroleumkönig John Rockefeller gehört. Rockefeller und eine Anzahl von Mitgliedern beschließen die Entlassung des Pastors Potter. Herr Potter bleibt aber im Pfarrhause wohnen, und da man ihn nach amerikanischen Gesetzen nicht ohne Weiteres exmittiren kann, verschanzt sich der Herr Pastor in seinem Hause lind hält wochenlang eine regelrechte Belagerung aus, um den Detektives, welche ihm den Gerichtsbefehl der Exmittirung überbringen wollen, den Eintritt unmöglich zu machen. Der Pastor hält vom Fenster herunter Ansprachen an die versammelte Zuschauermenge, die Zeitungen bringen alle Tage lange Artikel über diesen Krieg, bis endlich der Pastor, da man ihm das Leitungswasier abgedreht hat, kapituliren muß. In dem Städtchen Lowling Green, im Staate Ohio, wird der Bürgermeister an einem schönen Lenzesabend sinnlos betrunken auf der Straße gefunden und nach dem Polizeiarrest gebracht. Am nächsten Morgen flingirt der ernüchterte Bürgermeister als Polizeirichter und verurtheilt als solcher den nach dem Polizeirapport als sinnlos betrunken eingelieferten Bürgermeister zu fünf Dollars Strafe und in die Kosten des Verfahrens. In demselben Staate Ohio sind Theatervorstellungen am Sonntag verboten. In der Regel wird das Verbot mehr oder weniger stillschweigend übertreten. In Cleveland aber wüthet ein hitzköpfiger Methodistenprediger gegen die „Sabbathschändung" und zwingt dadurch die Polizeibehörde zur Kenntnißnahme von der Thatsache, die ihr trotz zwei Meter hoher Plakate und trotz der Anzeigen in den Tagesblättern unbekannt geblieben war. Die Theaterleitung ist auf ihrer Hut. Sie hält ein religiöses Konzert ab. Das Orchester spielt einen Choral, dann hält der sogenannte Rabbiner Darmstatter eine Ansprache, und das religiöse Konzert findet mit der Aufführung einer Operette seinen Abschluß. Man muß derartige Thatsachen sich vor Augen halten, wenn man liest, daß eine so respektable und konservative — ich gebrauche dieses Wort hier nicht im dogmatischen Sinne, sondern in Bezug auf äußeres Kirchenregiment — Gemeinde wie der Tempel Beth-El in New-Aork bei dem Freitag-Abendgottesdienst von einer Dame einen Vortrag halten läßt. Dinge, die in Europa als-revolutionär gelten würden, erregen hier zu Lande kein Befremden mehr. Man thäte Unrecht, diese Erscheinungen immer aus der Sucht nach Sensationellem zu erklären. Das mag ja hier und da der Fall sein. Im Großen und Ganzen aber sind die Veränderungen im synagogalen Leben aus den geänderten Verhältnissen zu erklären. Man vergesse nicht, daß der polnische oder orientalische Rabbiner ebenso kopfschüttelnd seinen deutschen Kollegen beobachten würde, wie dieser bei einer Hochzeitstafel einen Toast ausbringt. Ein Vergleich von Atlantic City mit einem deutschen Seebade wird diesen Unterschied sofort klar zu Tage treten lassen. Hier giebt es keine Badeanstalten, sondern man badet an irgend einem Punkte der auf fünf Meilen Länge von einem Bürgersteig umsäumten Küste. Beide Geschlechter verkehren im Bade mit der für das amerikanische Leben typische» Freiheit der gesellschaftlichen Formen. Uabbr ZeYra. Ein palästinensischer Amoräer aus dem Anfang des n. Jahrhunderts?) Von Prof. Dr. Wilhelm Bacher. f abylonien hat ihn geboren, Palästina ihn sich zur Wonne großgezogen; wehe mir, so spricht Tiberias, denn es hat seinen kostbaren Schmuck verloren!" Dieses Trauerlied stimmte ein Klagedichter an, als Zelra^) starb. Wie nur wenige unter den babylonischen Eingewanderten, hatte Ze'ira im heiligen Lande Wurzel gefaßt, wo er einer der beliebtesten und angesehensten Gesetzeslehrer wurde, während auch die babylonischen Schulen mit Vorliebe die Aussprüche und Erlebnisse ihres ehemaligen Mitgliedes bewahrten. Thatsächlich giebt es aus der Zeit nach Jochanan keinen palästinensischen Amora, über den beide Talmude so viel Anekdoten und kleine Nachrichten enthalten, als Zelra. Das liegt nicht nur an seiner immerhin hervorragenden Bedeutung als Gesetzeslehrer, sondern namentlich an einem Zuge der Originalität, der seine Art, zu sein und sich zu äußern, kennzeichnet, aber auch an der Mannigfaltigkeit seines zum Theil intimen Verkehrs mit allen irgendwie nennenswerthen Mitgliedern der palästinensischen Schulen in den ersten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts. Das Interesse, welches so die Persönlichkeit Zeiras zu wecken geeignet ist, macht es erklärlich, daß ihm hier ein größerer Raum zu Theil wird, als er vermöge der Dürftigkeit seines agadischen Nachlaffes verdiente. Zelra verlor sehr früh seine Eltern. Er pflegte voll Schmerz zu sagen: O, hätte ich Vater und Mutter, damit ich sie ehre und das Paradies erbe! Als er aber die Tradition über die Tannaiten Jsmael und Tarphon und die Klagen ihrer Mütter vernahm, rief er aus: Gelobt sei Gott, daß ich weder Vater noch Mutter habe. Ich hätte weder wie R. Tarphon thun können (der seiner Mutter die Hände unterlegte, wenn sie am Sabbath im Hofe spazieren ging),.noch hätte ich das geduldet, was R. Jsmael dulden mußte (dem seine Mutter, wenn er ins Lehrhaus ging, die Füße wusch). Abba b. Kahana scheint während seines Aufenthaltes in Babylonien das Vaterhaus Z.’S kennen gelernt zu haben. Die Lehrer Z.'s in Babylonien waren Jehuda ben Jecherkel und Huna. Im Halise des Letzteren versah er einmal den Dienst bei Tische, an welchem Huna und sein Sohn Abba sich befanden. Abba zog sich durch einen Verweis, den er Z. ertheilte und damit dessen Würde als Aharonide verletzte, eine Rüge des Vaters zu, der ihn zur Strafe die Rolle Z.'s übernehmen hieß. In Hunas Lehrhause finden wir Z. hinter Giddeb sitzen. In Palästina tradirte er Hunas Aussprüche, auch eine von ihm als „Perle" bezeichnete Deutung Hunas zu Prov. 14,23. Auch zu dein Anderen der beiden „Alten von Sura", zu Chisda, stand Zelra im Schülerverhältniß. Nach Huna in Sura war Jehuda ben Jecherckel in Pnmbeditha der Lehrer Zelras. Es hat sich, jedenfalls auf Grund der Erzählung Z.'s selbst, ein interessanter Bericht darüber erhalten, wie Z. einmal seinen Lehrer Jehuda am Eingänge zum Hause seines Schwiegervaters in besonders guter Laune antraf: „wenn er über alle Weltenränme an ihn Fragen gerichtet hätte, so hätte er sie ihm beantwortet". Die Fragen Z.'s betreffen Beobachtungen aus der Thierwelt und über zwanzig >) Aus dem unter der Presse befindlichen III. Bande der „Agava der palästinensischen Amoräer" mit Weglassung der Anmerkungen (s. litterarische Mittheilungen der Nummer). *) xlTi (auch JTVDT), im babylonischen Talmud immer (zuweilen auch anderwärts, z. B. j. Sanh. 19 b; Echa r. Prooemien, 34 Ende) X'V? geschrieben. Der Name kommt schon in tannaitischer Zeit vor (s. Ag. d. T. II, 352, 4). Ich schreibe ihn nach Daniel. 7, 8 (m’i»)-