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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-18 · Heft 46 (18.11.1898) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 46 (18.11.1898)
Date
1898-11-18
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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546 Herren Seminarlehrer Gottlieb und Levy auf die Gemeinde Hannover bezw. auf die ehemaligen Schüler, die Lehrer Horwitz-Kassel und Steinhardt-Magdeburg auf die früheren Direktoren Dr. Prager und Dr. Kroner, diese wiederum auf den Unterstützungsverein und auf die gegenwärtigen Zöglinge der Anstalt und schließlich Lehrer Levysohn- Hannover auf die Damen. Dazwischen wurde noch von den Zöglingen eine Operette, „Die Zopfabschneider" von Genee, aufgeführt und eine Reihe von turnerischen Uebungen vorgesührt, die den Beweis lieferten, daß die Bildungsanstatt für jüdische Lehrer zu Hannover in jeder Beziehung eine durch und durch moderneAnstalt geworden ist. Mit einem Hoch auf das Wohl und Gedeihen des jüdischen Lehrerstandes schloß dann der Vorsitzende gegen 2 Uhr den offiziellen Theil des Kommerses. Bereits die Morgenzüge führten den größten Theil der auswärtigen Gäste wieder zurück zu ihrem Berufe, in die Stätten ihres Wirkens. Mögen die schönen Stunden, die fie gemeinschaftlich verbracht, ihnen zur dauernden angenehmen Erinnerung werden, mögen fie mit dazu beitragen, ihnen hinwegzuhelfen über so manche Widerwärtigkeit und Bitterniß des jüdischen Lehrerlebens; möge auch die Mutteranstalt weiter fröhlich blühen und gedeihen zum Wohle der Schule, zum Heile der Lehrerschaft, zur Ehre des Judenthums! Aas amerikanische Israel. Dargestellt an der Hand von Berichten über die Rabbinerkonferenz in Atlantic City. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati, O. i. Amerikanische Einflüsse auf das religiöse Leben. er erwartet, daß durch eine Rabbinerversammlung alle Uebel u»seres religiösen Lebens geheilt werden würden, daß die Definition der wesentlichen Grundlagen des jüdischen Glaubens einfür allemal festgesetzt werden, daß der Jndiffcrentismus auf der einen Seite und der Aberglaube auf der anderen Seite besiegt, daß das moralische und soziale Niveau der Juden auf das höchste zulässige Maß erhoben, kurz, daß das religiöse Millennium verwirklicht werden würde, der wird sich bei der Lektüre meines Aufsatzes enttäuscht finden. Eine regelmäßig wiederkehrende Versammlung wird naturgemäß zumeist Routinewerf zu Tage fördern. Dessenungeachtet liegt gerade darin ein ermuthigendes Zeichen. Ruhige Fortentwickelung ist einer noch so kräftigen vor. übergehenden Begeisterung vorzuziehen. Ein guter Besuch des Sabbathgottesdienstes wäre ein günstigeres Symptom für die religiöse Macht im Judenthum als das Strohfeuer überfüllter Synagogen mit Filialgottesdiensten an den hohen Festen, zu denen gähnend leere Bänke am Sukkothfeste das Pendant bilden. Meine Absicht in der Darstellung der Vorgänge bei der Rabbinerkonferenz ist es auch nicht, dieselbe als ein Ereigniß von centraler Bedeutung darzustellen, als vielmehr an der Hand der Debatten und Beschlüsse ein Bild von dem inneren Leben des amerikanischen Judenthums in ähnlicher Weise zu zeichnen, wie ich das in meinen amerikanischen Briefen, die in früheren Jahren erschienen sind, versuchte. Dabei befestigt sich in mir die Ueberzeugung, daß das amerikanische Judenthum bestimmt sei, eine ebenso maßgebende Rolle in der innergeschichtlichen Entwickelung des Gesammtjudenthums des 20. Jahrhunderts zu spielen, wie sie das deutsche Judenthum im 19. Jahrhundert gespielt hat. Die Anzeichen dafür mehren sich. An Zahl dürften die Juden Amerikas die jedes anderen Landes der Welt, mit Ausnahme Rußlands, übertreffen. Der merkwürdig amalgamisirende Einfluß des Landes, das aus so heterogenen Elementen eine einheitliche Nationalität geschaffen hat, wird unzweifelhaft im Laufe einer Generation eine homogene jüdische Bevölkerung erzeugen, wir sie kein Land der Erde besitzt. Eine Gemeinde im Transvaal such! schon jetzt einen „Minister" mit amerikanischer Erfahrung. In Australien machen sich kräftige Regungen gegen den bis jetzt noch immer dominirenden englischen Einfluß geltend, die sich an amerikanische Vorbilder anlehnen. Der Einfluß der Eigenart des amerikanischen Lebens auf die inner-kirchliche Entwickelung macht sich auch außerhalb des Judenthums in unverkennbarer Weise geltend. Im Katholizismus, cherkonservativsten und kosmopolitischsten aller Religionen, wird eine amerikanistrende Tendenz von der einen Seite befürwortet, von der anderen Seite als Warnungsruf in die Welt hinausgeschrieen. Hier ist es Erzbischof Jreland, welcher der Kurie rieth, mit dem konfessionslosen Staate Frieden zu schließen; in Rom hat der Prüfe!- des amerikanischen Kollegiums, O'Connell, der Kirche die Dece» tralisation der amerikanischen Verfaffung als Vorbild angerathem selbst in Deutschland und in Frankreich machen sich innerhalb bei katholischen Kirche Tendenzen geltend, welche die „theologisch-praktischc Ouartalschrift" amerikanisirende nennt.') Diese Tendenzen machen sich in den antijesuitischen Strömungen bemerkbar, welche Professor Schell in seinen Flugschriften vertritt, und welche in den aus deutscher Seite mit großer Freude begrüßten Veröffentlichungen aus Kardinal Mannings Nachlaß promulgirt werden. Diese Tendenzen werden insofern mit Recht als amerikanisirende bezeichnet, als sic dem Geiste widersprechen, welcher Syllabus und Encyclika geschaffen und das mittelalterliche Ideal der Herrschaft der Kirche über den Staat festzuhalten geschworen hat. Die katholische Kirche, so mächtig sie auch in Amerika ist, verliert stetig. Und das war Erzbischof Jrelands Standpunkt, wenn er zu Konzessionen rieth, um diejenigen Elemente, welche die konfessionslose Schule der Pfarrschule vorziehen, der Kirche zu erhalten. Die Katholiken Amerikas laffen sich eben von ihrem Pfarrer nicht vorschreiben, wo sie ihre Kinder zur Schule schicken sollen. Ebenso ist es wiederholt vorgekommen, daß Priester ihre Bischöfe gerichtlich verklagt haben, daß Priester gegen den Willen ihres Bischofs Gemeinden gegründet und daß Gemeinden gegen den Willen ihres Oberhirten Priester gewählt haben. Wenn solche Erscheinungen in einer Kirche zu Tage treten, die, auf der Basis strikter Autorität gegründet, ein mit allen dialektischen Feinheiten ausgebildetes Kirchenrecht besitzt, wie mußte erst das Judenthum von der amerikanischen Luft beeinflußt werden, welches keine Spur von Kirchenrecht besitzt, und in welchem seit Abrahams Zeiten immer der Vizepräsident zur Linken ging, wenn der Präsident den Weg zur Rechten einschlug! Der große Spielraum, welchen das öffentliche Leben in Amerika der Subjektivität des Individuums läßt, zeigt seine Wirkung auch im inneren Leben. Auf der anderen Seite erzeugt gerade dics- Subjektivität das Bedürfniß nach Einigung und Centralisirung n wesentlichen Fragen, während sie dem Individuum gestattet, in allen anderen Dingen sich jede Freiheit zu nehmen, ja, es geradezu reizt durch allerlei sonderbare Streiche sich vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Ich gestatte mir, durch einige Beispiele aus dem amerika nischen Leben dem deutschen Leserkreise einen Begriff davon zu geben, was alles hier zu Lande möglich ist. Die Legislatur dcc> Staates Minnesota hat sich vor einiger Zeit mit dem Antrag beschäftigt, über der Thür jeder Bierwirthschaft ein rothes Trans parent anbringen zu laffen, welches die Worte: Laloon dangerous: (Bierhaus; gefährlich!) in acht Zoll großen Buchstaben zeigen müsse. Die Legislatur des Staates Indiana hat wieder über den Antraa ') 53. Jahrgang, .Seite 704.

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