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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-18 · Heft 46 (18.11.1898) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 46 (18.11.1898)
Date
1898-11-18
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
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545 es: „Du sollst. sie deinen Kindern einschärsen" „Tu sollst deinem Kinde verkünden" Unterricht und Erziehung seien ebenso alt wie das Judenthum überhaupt, charakteristisch sei, daß das Grundbuch desselben den Namen Thora, d. h. die Lehre, nicht Gesetz führt. Die Zeit des Talmuds sei in ihrer Art einzig dastehend in der Geschichte der Menschheit. Theologie und Jurisprudenz wurden hier nicht von Fachgelehrten, sondern von Landleuten und Handwerkern getrieben, die Judenheit habe damals gewissermaßen ein großes Schulhaus gebildet. Freilich sei die Bildung ausschließlich eine einseitig religiöse gewesen, aber sie habe zur höchsten Moral geführt, fie habe Charaktere gebildet. Mögen die Verleumder des Talmuds sagen, was sie wollen: Die Talmudjuden seien Menschen von höchster Sittlichkeit. Redner schildert sodann in großen Zügen das Emporblühen der weltlichen Wissenschaften unter den Juden Spaniens und wiederum den geistigen Verfall innerhalb des Judenthums infolge der entsetzlichen Verfolgungen und Leiden im Mittelalter. Er spricht von den Mussar-Büchern, die dieser Periode angehören, und schildert die Anhänglichkeit der Juden an die deutsche Sprache, die selbst in dem Jargon, dem Judendeutsch, sich bekundet. Nach Mendelssohn, dem großen Befreier der deutschen Judenheit aus der mittelalterlichen Umnachtung, sei die Aufgabe der Juden in diesem Jahrhundert gewesen: Allgemeine Bildung in sich aufzunehmen, ohne ihre religiöse Bildung aufzugeben. Er geht sodann auf die Geschichte der Anstalt über, die in diesem geschätzten Blatte durch die Feder des Herrn Dr. Lewinsky bereits eine Würdigung erfahren, weist auf daS Entgegenkommen und wiederum auf die Unterstützung hin, die der Anstalt von Seiten der Behörden, dem Provinzialschulkollegium und dem Landesdirektorium zu Theil geworden. Einen warmen Nachruf widmet Redner dem ersten Leiter der Anstalt, dem im Jahre 1880, nach 32jähriger Thätigkeit an der Anstalt, selig entschlafenen Professor Frensdorff, der bei größter Anspruchslosigkeit, bei völliger Hingebung an den Lehrerberuf wahre Herzensgüte, aufrichtige Frömmigkeit und große Gelehrsamkeit sein Eigen nennen konnte; auch die Verdienste der späteren Leiter der Anstalt, des jetzigen Landrabbiners Dr. Prager-Kassel und Kirchenraths Dr. Kroner-Stuttgart, werden in entsprechender Weise gewürdigt. Im Jahre 1869 erhielt das Seminar eine Uebungsschule, im Jahre 1876 wurde eine Präparantenanstalt mit ihm vereinigt, die bis jetzt von insgesammt 164 Zöglingen besucht worden ist. Im Jahre 1879 bildete sich auf Anregung des seligen Landrabbiners Dr. Meyer der Verein zur Unterstützung der Seminaristen, dessen rastlosen Bemühungen in Verbindung mit anderen ausschlaggebenden Faktoren es gelungen ist, schon im Jahre 1882 ein Internat für die Seminaristen zu errichten sowie ein Seminar zu erbauen, das am 7. November 1892 bezogen werden konnte, und in welches auch das Internat verlegt wurde. Seit dem Jahre 1885 wird auf Veranlassung des Vereins zur Förderung des Ackerbaues und des Handwerks unter den Juden ein diesbezüglicher Unterricht am Seminar ertheilt, ferner wurde in den letzten zehn Jahren dem Musikunterricht und dem damit verwandten Unterricht in den kantoralen Fächern eine erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet, der Turnunterricht wiederholt verbessert, die Stundenzahl erhöht. Gegenwärtig werden an der Anstalt wöchentlich 150 Unterrichtsstunden von drei Lehrern und acht Hilfslehrern ertheilt, die Gesammtschülerzahl der Anstalt während ihres fünfzigjährigen Bestehens habe 363 betragen, von denen 256 die Lehrerprüfung bestanden haben. So sei die Anstalt unter Gottes Beistand durch die weise Förderung der Behörden, durch das rege Interesse von Privaten immer weiter fortgeschritten, und für die Zukunft gelte es von der Vergangenheit zu lernen: Weltliche Wissenschaften zu pflegen und festzuhalten an den religiösen Idealen, vor allem durch das Lernen der Thora den Geist frisch und das Herz rein zu erhalten! Herr Geheimer Regierungs- und Provinzialschulrath Wendland überbrachte sodann die Glückwünsche des Provinzialschulkollegiums sowie des Oberpräsidenten Grafen von Stolberg-Wernigerode, welcher leider im letzten Augenblick durch Amtsgeschäfte am Erscheinen behindert worden sei. Er betont, daß das Verhältniß der Behörden zu der Anstalt stets ein freundliches gewesen sei, daß stets ein treues Zusammenwirken stattgefunden habe. Zum Schluß erfleht Redner den Segen des Himmels für das fernere Wohlergehen der Anstalt und schließt mit den Worten: Möge sie ferner wachsen, blühen und gedeihen zur Ehre Gottes, zum Wohle der Heranwachsenden jüdischen Jugend, zum Besten des geliebten preußischen und deutschen Vaterlandes! Herr Landrabbiner Dr. Gronemann überbringt die Glückwünsche der Landrabbinate der Provinz, Herr Schatzrath Lichtenberg weist im Namen des Landesdirektoriums darauf hin, daß dasselbe während des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt die Zuschüsse mehr als verdoppelt habe. Herr I. Kaufmann, erster Vorsteher der Gemeinde Hannover, schildert den Segen, der von dem Seminar ausgegangen sei. In dem tausendjährigen Kampfe, den mächtige und übermüthige Feinde gegen uns führen, habe die Schule den Bekennern des Judenthums die geistige und sittliche Kraft gegeben, in diesem Kampfe nicht unterzugehen. Herr Justizrath Dr. Bensey überbringt die Glückwünsche des Gemeindebundes und verliest ein Schreiben desselben, in welchem die Hoffnung auf Verbesserung der Position der jüdischen Lehrer ausgesprochen wird. Herr Dr. vom Berg, Direktor des evangelischen Lehrerseminars zu Hannover, betont das Verbindende und Gemeinsame der beiden Anstalten. Das letzte Ziel aller Erziehung sei nach des Psalmisten Wort: Gottesfurcht will ich euch lehren, oder nach dem Ausspruch des großen Pädagogen Comenius: Nach Bildung, Tugend und Frömmigkeit zu trachten! In gleichem Sinne spricht sodann der Stadtschulrath von Hannover, worauf Herr Jsaac Hirsch als Vorsitzender des Vereins zur Unterstützung der Seminaristen die Glückwünsche seines Vereins überbringt. Im Namen der ehemaligen Schüler spricht Herr Lehrer Philipp-Lüneburg, gleichzeitig eine Ehrengabe derselben überreichend, bestehend aus etwa 500 Mark für die Ergänzung der Seminarbibliothek, während Blumenfeld- Adelebsen die Glückwünsche des Vereins israelitischer Lehrer der Provinz Hannover übermittelt. Herr Landrabbiner Dr. Prager-Kassel überbrachte seine Glückwünsche und die des israelitischen Lehrerseminars zu Kassel; er vergleicht die Anstalt mit der Jakobsleiter, die, fest auf der Erde stehend, aufwärts bis in den Himmel ragte. In ähnlichem Sinne spricht Herr Kirchenrath Dr. Kroner-Stuttgart, er feiert das Amt eines Seminardirektors, denn dieser sei ganz besonders dazu berufen, mit jungen Leuten an der Zukunft der Menschheit zu arbeiten, nach des Propheten Wort eine einzige Menschheit herbeiführen zu helfen. Nachdem noch Herr Konsul Simon im Namen des Vereins zur Förderung des Ackerbaues und Handwerks gesprochen und Herr Manfred Berliner eine Glückwunsch- Adresse der bekannten Anstalt zu Ahlem verlesen, spricht Herr Dr. Knoller allen Rednern und Festtheilnehmern seinen herzlichsten Dank aus. Mit dem Schlußgefang „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn" endete die Feier, die sicherlich nicht verfehlte, bei allen Theilnehmern den tiefsten, nachhaltigsten Eindruck hervorzurufen. Gegen 3 Uhr begann sodann das Festessen, an welchem sich etwa 120 Gäste betheiligten; die Stimmung wurde bald eine animirte, und heitere und ernste Reden wechselten in lebhafter Aufeinanderfolge. Im großen Saale der „Börse" fanden Abends die Jubelfestlichkeiten in herrlichster Weise ihren Abschluß. Nach einem Prolog, gesprochen von dem Seminarabiturienten I. Katzenstein, folgte die Aufführung eines sonst unbekannten Schauspiels „Lonoda" von Hölty. Das Stück selbst spielt zur Zeit Salomos; Lonoda (Anonymus) soll der Verfasser des Buches Hiob sein. Die Darsteller waren, außer zwei Damen, Fräulein Friedberg und Fräulein Berliner, lediglich Seminaristen, die Ausführung jedoch eine so vorzügliche, daß die Zuschauer kaum noch daran dachten, daß sie Dilettanten vor sich hatten. Minutenlanger, stürmischer Applaus belohnte die Darsteller. An die Aufführung schloß sich ein Kommers, an welchem sich etwa 600 Personen, Damen und Herren, betheiligten. Die Leitung des Kommerses wurde dem Schreiber dieser Zeilen übertragen. Mit den Worten „Lassen Sie uns den Ausspruch aus Lonoda: „Der Wahrheit die Ehre", mit hinaus ins Leben nehmen, jetzt aber soll die Devise lauten: Dem Humor sein Recht! übernahm derselbe den Vorsitz. Die Versammlung machte diese Worte bald zur Wahrheit. In fröhlichster Heiterkeit verliefen die Stunden unter dem Absingen von fröhlichen Kommersliedern und einer Fülle von trefflichen Reden. Nachdem Herr Landrabbiner Dr. Gronemann das Hoch auf den Kaiser ausgebracht, toastete Herr Dr. Knoller auf die Behörden, Herr Julius Frensdorff auf Herrn Dr. Gronemanu, die Herren Rechtsanwälte Dr. Meyer, Emil Meyer und Justizrath Benfey auf die Anstalt, den Direktor und das Lehrerkollegium, die

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