Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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544 Politische Ehrlichkeit? Posen, 4. November. ie polnische Presse, die ausnahmslos ein religiöses Motiv trägt, die Duldsamkeit für alle ihre Uebergriffe verlangt, die am erfinderischsten da ist, wo es gilt, ihre wahren Ziele zu verschleiern, diese Presse braucht einen Prügeljungen, den sie verantwortlich machen kann für den Verlust von vier Landtagsmandaten, die fortan anstatt von Polen von Deutschen wahrgeuommeu werden. Die Erfindungsgabe hat die Presse auch dieses Mat nicht im Stich gelassen, der Prügeljunge ist gefunden worden, und natürlich sind es die Juden — unsere Juden, wie sich einzelne Hetzorgane geschmackvoll ausdrücken. Nun giebt es ja viel Schöneres in der Welt, als sich mit den Auslassungen der polnischen Hetzpreffe zu beschäftigen. Die Journalistik im Osten weiß davon ein Liedchen zu singen. Aber die qu. Organe bedienen sich diesmal einer Sprache, die zu den ärgsten Mißdeutungen Anlaß geben könnte, ließe man sie ungerügt verhallen. Es kommt in dieser Presse jetzt zu förmlichen Denunziationen gegen einzelne Juden, man genirt sich nicht mehr, Namen zu nennen und mehr oder weniger unverblümt zum Boykott jüdischer Geschäfte aufzufordern. Wer die Sprache polnischer Blätter kennt, wird sich einen Begriff machen können, welcher Ausdrücke man sich hierbei bedient. Wenn es heißt, die Juden haben uns (die Polen) verrathen, so ist hiermit noch lange nicht die häßlichste dieser „Redewendungen" charakterisirt. Mit einem Wort gesagt: In der polnischen Presse ist die Begriffsverwirrung so weit gediehen, daß sie ihren Wörterschatz aus den Aeußerungen antisemitischer Blätter zu bereichern beginnt, daß man sich fragen muß, ob hier nicht ein Antisemitismus gezüchtet wird, der sich von dem eines Ahlwardt nur wenig unterscheidet. Geschähe alles dieses aus gekränktem politischen Empfinden, es wäre, wenn auch nicht entschuldbar, so doch begreiflich. Aber es soll der Anschein erweckt werden, als ob nicht lokale politische Konstellationen die Polen erregten, sondern als ob eine besondere — eine Judenpartei — die seither willenlos den Pole» verpflichtet war, jetzt schmachvoll die Polen im Stich gelassen hätte. Der unbefangene Leser polnischer Blätter — und wie unbefangen solche „Zeitungsleser" sind, geht daraus hervor, daß solche „Organe" meist die einzige geistige Nahrung ihrer Anhänger bilden —, der unbefangene Leser der polnischen Hetzblätter muß zu der Einsicht gelangen, daß die Juden geradezu sündhaft an den Polen gehandelt hätten, und daß es an ihm wäre, hierfür Vergeltung in einer oder der anderen Beziehung zu üben. Er muß das Verständniß dafür verlieren, daß der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht jüdischer, sondern der Parteipolitik nachgeht, chacun ä sou gout, ganz wie bei anderen Parteien. Die Hetze wird en gros 'betrieben nach bewährtem Muster. Ein Wort der Abwehr, das zugleich eine Klarstellung der bezüglichen Verhältnisse bedeutet, mag deshalb wohl am Platze sein. Nie hat es im ganzen deutschen Osten das Judenthum je versucht, aus religiösen Motiven irgend einer Partei seine Signatur aufzudrücken. Nie haben die Juden, wo es auch sei. Politik auf eigene Hand gemacht, nie haben sie sich von der Partei, zu der sie ihr politisches Empfinden hindrängt, bei einer Parlamentswahl abgesondert. Niemals hat es also den geringsten Anlaß gegeben, ..die Juden für die Stellung, welche die ihrer politischen Neigung entsprechende Partei einnahm, verantwortlich zu machen. Wenn die Juden eine andere politische Richtung unterstützen, nie haben sie es als Juden gethan, sondern weil es ihrer Partei richtig erschienen. Für die Angriffe der Hetzpreffe fehlt daher jede Grundlage- und die nothwendige Voraussetzung für diese Schmähungen, daß es im Osten eine jüdische cko ut äes-Politik gegeben hätte, ist eine Erfindung, bei der man nur im Zweifel sein kann, ob die Böswilligkeit oder das geringe Verständniß ihrer Urheber größer ist. Indessen, diese Presse ist es gewöhnt, daß man ihre Evolutionen ignorirt. Im Bewußtsein, daß sich das Judenthum gegen ihre perfiden Unterstellungen nicht wehren wird, wagt sie eS, eine moralische Entrüstung zu markiren, die dem Empfinden der Bevölkerung »ich; entspricht. Und will sie sich nicht jede Fühlung mit der Bevölkerung verderben, will sie nicht, , daß das friedliche Zusammen leben der verschiedenen Religionsgemeinschaften und Nationalitäten ernstlich gefährdet wird, so wird sie diese Hetzerei, den» anders kann man so etwas nicht bezeichnen, einstellen niüssen und statt Ha> Freundschaft predigen müssen. Auf wessen Seite das Recht ist, weiß Jeder, der es wissen will, das wissen sogar die Hetzblätter! Nie fünfzigjährige Jubelfeier der Bildungsanstalt für jüd. Lehrer?u Hannover Von M. Steinhardt-Magdeburg. us allen Gauen des deutschen Vaterlandes, ja sogar aus dem Aus lande waren die ehemaligen Schüler herbeigeeilt, um durch die Theilnahme an der Jubelfeier ihre Anhänglichkeit an die Mutter anstatt zu bekunden. Am Vorabend der Festlichkeiten versammelten sich dieselben in den Räumen der „Börse" zu einem zwanglosen Beisammensein Es waren herzerhebende Stunden, die fie dort verbrachten. Greise und Jünglinge, im Dienste Ergraute und soeben erst in das Lehramt Ein getretene mischten sich hier untereinander, gar manche Thräne der Freud über das Wiedersehen nach langjähriger Trennung sahen wir fließen und in stiller Wehmuth wurde der Braven gedacht, die nicht mehr unter uns weilten, die vor der Zeit in das kühle Grab gesunken. — Froh sinn gepaart mit Wehmuth, Optimismus und weltschmerzlerischer Stimmung, jene' eigenthümliche Charaktermischung unseres Stammes, sie war die Signatur dieses Abends. Um 11 Uhr Morgens fand dann in dem großen Saale der „Börse" der Festaktus statt. Der große festlich dekorirte Saal war längst vor Beginn mit Teilnehmern ge füllt. Zunächst trug der Chor der Seminaristen unter Leitung des Herrn Dirigenten Rose den von diesem komponirten Psalm 34 vor eine meisterhafte Komposition in meisterhafter Weise vorgetragen. Als dann hielt Direktor Dr. Knoller die Festrede. In einstündigem Vortrag führte derselbe etwa Folgendes aus: Die Bildungsanstalt für jüdisch Lehrer zu Hannover sei ein Produkt des Jahrhunderts, Religion un Wissenschaft, jüdische Gesinnung und deutsche Gesittung hätten sich hür harmonisch vereinigt. Staatliche Institute hätten die Anregung zu d r Gründung dieser Anstalt gegeben, deutscher Kultur seien ihre Leistung a auf allen Gebieten zu verdanken, mit Ausnahme auf dem der Religio.. Bei aller Empfänglichkeit für fremde Kultureindrücke hätten die Jud-.n stets die Eigenart ihrer religiösen Weltanschauung sich zu wahren c - wußt. Jüdische Pädagogen in dem modernen Sinne des Wortes hält n die vergangenen Jahrhunderte nicht gekannt. Die Pädagogik sei l i den Juden nicht sowohl eine Wissenschaft als vielmehr eine Km il gewesen; diese Kunst aber habe im grauen Alterthum schon jeder jüdische Vater gekannt und geübt. Ausgang und Ziel aller Entwickelung -ei nach der Bibel die Gottähnlichkeit, die Erziehung zur Heiligkett, d. h zur höchsten sittlichen Vollkommenheit, das Mittel zur Heiligung jei die Erfüllung der göttlichen Gebote. Insofern nun das Lesen und das Studium der Thora ausdrücklich geboten sei, leite die Religion von selbst zum Lesen und Schreiben an. So wird dem König geboten, ßch eine Abschrift der Thora zu machen; so heißt es bei anderer Gelegen' heit: „Du sollst sie schreiben". Dem Vater wird die Erziehung und der Unterricht seiner Kinder zur religiösen Pflicht gemacht; so heißt ,