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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-18 · Heft 46 (18.11.1898) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 46 (18.11.1898)
Date
1898-11-18
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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543 iichen Beaniten befördert, sobald er seine Befähigung dargethan hat und sobald Niemand von höherem Dienstalter da ist, der die gleiche Befähigung hat. Nach diesem Grundsatz hat auch die städtische Zchuldeputation längere Zeit unter Zustimmung der Vorgesetzten Behörde Verfahren. Daun aber wurde plötzlich und unerwartet ein neuer Grundsatz oerkündigt. Eine Jüdin kann zur ordentlichen Gemeindelehrerin nur dann befördert werden, wenn dafür ein besonderes Bedürfniß >achgewiesen wird. Und dieses besondere Bedürfniß kann nur darin gesunden werden, daß irgendwo ein jüdischer Religionsunterricht inzurichten ist, der einer dazu befähigten Lehrerin übertragen werden uiuß. Ist eine jüdische Lehrerin einmal zu dem Zweck angestellt, jüdischen Religionsunterricht zu ertheilen, dann steht allerdings nichts ■nt Wege, ihr auch andere Fächer zu übertragen. Eine Jüdin,, die ich außer der Ablegung des Lehrerinnenexamens nicht auch das Aabbinatszeugniß über ihre Befähigung zur Ertheilung von Religionsmiterricht erworben hat, kommt für die Anstellung überhaupt nicht hi Betracht. Dann sind wir vor wenigen Wochen mit einem zweiten Grundsatz bekannt geworden. Eine jüdische Lehrerin, die eine ordentliche Anstellung erhalten hat, ist darum noch nicht ohne Weiteres befähigt, die Stelle einer Klaffenlehrerin auszufüllen. Ob ihr eine solche Stellung überhaupt anvertraut werden kann, hängt nicht allein von den Eigenschaften ab, die ihr persönlich anhaften, sondern von äußeren Umständen, die von ihrem Willen völlig unabhängig und, nämlich davon, ob in der Klaffe eine gewisse Anzahl, wir glauben zehn, jüdische Schülerinnen vorhanden sind. Ueber die Unzweckmäßigkeit der verkündeten Grundsätze brauchen -vir uns nicht erst weitläufig auszulaffen. Eine jüdische Lehrerin ist befähigt, geographischen Unterricht zu ertheilen, wenn sie zugleich Religionsunterricht ertheilt, sonst nicht. Eine jüdische Lehrerin darf Klaffenlehrerin sein in einer Klaffe, die neben zehn jüdischen vierzig christliche Schülerinnen umfaßt, aber nicht in einer Klasse, die neben :eun jüdischen dreißig christliche Schülerinnen umfaßt. Ein Versuch, wiche Anordnungen zu rechtfertigen, ist auch gar nicht unternommen worden, aber es ist klar, daß sie dem Grundsatz von der Gleichberechtigung der Konfessionen Abbruch thun müsse». * Kürzlich ging die Meldung durch verschiedene Blätter, ein sächsischer Reservist sei in den Leipziger Militärverein nicht ausgenommen worden, weil er Jude sei. Zu dieser Nachricht bemerkt die „Deutsche Tageszeitung": „Wir halten die Zurückweisung für vollkommen begründet, da die Voraussetzung echter Kameradschaftlichkeit das gleiche Re- Ugionsbekenntniß ist. Sollten die jetzigen Satzungen der Militäroereine die Ausschließung von Jude» nicht begründen, so müßten sie unseres Erachtens entsprechend abgeändert werden. Das Vorkommniß regt wieder die Frage an, ob es nicht zweckmäßiger sei, die israelitischen Mitbürger vom Dienste mit der Waffe ganz zu befreien." Vielleicht lesen wir noch einmal in dem Bündlerblatte, daß es zweckmäßig sei, die Juden auch von allen anderen Rechten zu „befreien", die sie mit ihren christlichen Mitbürgern gleichstellen, sie ins Ghetto zu sperren und ihnen zur Kennzeichnung einen gelben Flicken anzuheften, damit es wieder so werde, wie es im herrlichen Mittelalter war. * Einer der hervorragendsten Männer der englischen Judenheit, Sir Samuel Montagu, der - zugleich ein aufrichtiger Förderer der Kolonisation Palästinas ist, hat jüngst auch dem Zionisinns den Fehdehandschuh hingeworfen. In einer großen Versammlung der keckeration of Synagogues hielt er eine Rede, die in London das Ereigniß der Woche bildet. Samuel Montagu war jahrelang Großschatzmeister der „Choveve Zion Association“ und ist derjenige Mann, der vor zwei Jahren einem Interviewer mittheilte, daß er für die Kolonisationsfreiheit in Palästina zwei Millionen Pfund Sterling dem Sultan zu bezahlen sich erbiete. Wenn von großen Geldquellen in England für zionistische Zwecke gesprochen wurde, so war darunter immer auch nur Sir Montagu gemeint. Er sagte nun in seiner Eröffnungsrede: er habe nichts gegen den Zionismus in denjenigen Ländern, wo die Juden unter den Verfolgungen zu leiden haben. Die zionistische Bewegung habe viel Gutes geleistet, indem sie den im Herzen eines jeden Juden schlummernden Wunsch nach der Wiederherstellung seiner eigenen Heimath wiederbelebte. Im vorigen Jahr habe er eine Einladung zum Baseler Kongreß erhalten, die er jedoch aus drei Gründen ablehnte: erstens weil er glaube, daß sich die Juden zur Erreichung eines politischen Zieles nicht international verbinden sollen; zweitens, weil er glaube, daß die Juden in Maffen nach Palästina nur dann zurückkehren würden, wenn sie einen Führer hätten, der ihr vollstes Vertrauen besäße; und drittens, weil er dagegen sei, die Juden in großer Anzahl unter den gegenwärtigen Verhältnissen den türkischen Gesetzen zu unterordnen. In seinen weiteren Ausführungen rügte Sir Montagu den Mangel des religiösen Gedankens in der zionistischen Bewegung, sprach sich gegen die Kolonialbank aus und schloß damit, daß ohne eine Protektion der Großmächte die Idee eines jüdischen Staates in Palästina keine Verwirklichung finden könne. * Inzwischen wimmelt es namentlich in Amerika immer von neuen Projekten, die Auswanderung der Juden betreffend. Kaum daß die Amerikaner Portoriko und die Philippinen den Spaniern abgenommen haben, sind bereits Berufene und Unberufene, Inden und Christen dabei, Pläne zu entwerfen, wie diese neuen amerikanischen Kolonien für eine jüdische Einwanderung nutzbar gemacht werden könnten. Ein gewisser Barnet Pruzan in Kansas City hat einen Plan entwickelt, wie Portoriko kolonisirt werden soll. Er hat diesen Vorschlag veröffentlicht, und sofort haben sich viele Hunderte von jüdischen Familien aus allen Städten Nord-Amerikas an ihn gewendet und wollen an der beabsichtigten Ansiedelung theilnehmen. Obwohl Pruzan von jedem Theilnehmer mindestens ein Vermögen von 500 Dollars 2000 Mark verlangt, so werden sich doch ganz unzweifelhaft so viele finden, wie er nur verwenden kann. Es ist beabsichtigt, sich von der spanischen Regierung ein Stück Land bei Portoriko anweisen zu laffen, und solle» in der neuen Ansiedelung alle Berufe vertreten sein, außer Landarbeitern auch Fabrikarbeiter, Handwerker und Kaufleute. Die nöthige Geldsumme soll von den Jntereffenten selbst aufgebracht werden, allenfalls hofft man auf eine Beihilfe des amerikanischen Gouvernements. Ein anderer Projektmacher, ein gewiffer Abraham in New-Aork, hat bereits di'e Philippinen, über deren Schicksal die Konferenz in Paris noch nicht einmal entschieden hat, für eine jüdische Kolonisation mit Beschlag belegt. Er hat noch gar keinen Plan, aber er veröffentlicht bereits seine Absicht, einen solchen Plan auszuarbeiten, und bereits finden sich eine ganze Anzahl von Interessenten, die sich an ihn wenden, um bei der neuen Unternehmung betheiligt zu sein.

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