Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWW 542 dasselbe Recht, und ihr Gefühl sagt ihnen, daß es jedenfalls anständiger und vernünftiger ist, in der deutschen Sprache zu beten als hebräisch — nicht zu beten oder die Gebete in der hebräischen Sprache ohne Verständniß und oft auch ohne Verstand herunter zu leiern. , Von der Abschaffung der hebräischen Gebetsprache kann natürlich bei uns nicht die Rede sein; denn die heilige Sprache muß uns «fort thener sein; sie ist das Band, das sich um die ganze jüdische Glaubensgenoffenschaft windet. Aber jeder Sachkundige weiß, daß das eigentliche Gebet nur wenige Stücke enthält, deren Recitation kaum eine Viertelstunde in Anspruch nimmt. Diese sollen hebräisch bleiben: Hingegen können alle anderen liturgischen Stücke, die in späterer und spätester Zeit nur für die Andacht und die Erbauung der Gemeinde in die Liturgie ausgenommen worden sind, sehr gut durch solche in der Muttersprache ersetzt werden. Ja, sie sollen durch deutsche Gebete ersetzt werden, da säst sämmtliche Mitglieder der Gemeinde, sogar die Gelehrten unserer Orthodoxen inbegriffen, hebräisch kaum lesen können; von Verstehen kann bei ihnen gewiß nicht die Rede sein, sonst würden sie sich nicht allerhand unsinniges Zeug aufbinden lassen. Wir sind somit noch „orthodoxer" als der Talmud« Die wirklichen Gebete sollen hebräisch bleiben. Die Andachts- und Erbauungsstücke können in der deutschen Muttersprache abgefaßt sein. Sie werden gewiß viel zur Hebung des religiösen Gefühls in der Judenheit beitragen und jedenfalls vor Gott besser Gefallen finden als das Herplappern von Worten, die man nicht versteht, da doch das andächtige Erfassen der Gebete die erste Bedingung einer wirklichen religiösen Erhebung ist. Natürlich bleibt es Jedermann unbenommen, nach wie vor „orthodox" zu beten, da Gemeindesynagogen ausreichend dafür vorhanden sind und eventuell noch vermehrt werden können. Man soll jedoch Niemanden von Gemeindewegen zwingen, an einem Gottesdienst theilzunehmen, der ihn nicht befriedigt, oder ihn vor die Wahl zwischen völligem Jndifferentismus und Austritt aus dem Judenthuni zu stellen. Denn dies ist ja gegnerische Parole: Wem es bei uns nicht gefüllt, der kann gehen! Es bleiben dann nur die orthodoxen Zierden des Judenthums. So sehen die Retter des Judenthums in Berlin aus! Wem in unserer Mitte daran liegt, die Judenheit vor Stürmen zu bewahren, die immer mit einer allgemeinen Apathie, mit dem massenhaft auftretenden Abfall von dem Judenthum enden, der erfülle am 24. November seine Pflicht und wähle Männer in die Repräsentanz, die tolerant und weitsehend sind und wirklich jüdische Gesinnung hegen. Jude sein, heißt dem Fortschritt huldiget,, ohne das Alte zu mißachten. Auf dem Boden des Vorhandenen soll weiter gebaut werden, das war stets die innere Lebenskraft des Judenthums. Wir wollen keine Schulchan-Aruch-Mumien sein. Möge jeder Jude nach seiner Auffaffung fromm sein, aber Niemand darf sich anmaßen, sich als Gewissensrichter über Andere zu erheben. In der Gemeinde Berlin muß Raum sein für jede Regung im Judenthnm, niemals aber für Zelotenthum und Ketzerriecherei. Der Prophet Sacharia wurde nach der Rückkehr der jüdischen Gemeinschaft aus dem babylonischen Exil gefragt, wie man es nunmehr mit den zur Erinnerung an die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels eingesetzten Fasttagen zu halten hätte. Die Antwort des Propheten lautete hierauf: „So sprach der Ewige Zebaoth, der Fasttag im vierten und der im fünften und der im siebenten und der im zehnten Monat können für das Haus Juda in Freude und in frohe Feste umgewandelt werden — liebet aber Wahrheit und Frieden! Ob liberal oder orthodox — liebet Wahrheit und Frieden! Berlin, 15. November. m 3. d. Mts. brachten die Tagesblätter zur allgemeinen Ueberraschung der zunächst interessirten Kreise nachfolgende Drahtmeldung des offiziellen Telegraphenbüreaus: „Jerusalem, 2. November. Der Kaiser empfing den franzöfischen Konsul und sodann eine jüdische Deputation, die ein Album mit den in Palästina errichteten israelitischen Kolonien überreichte. Auf die Ansprache des Führers der Deputation erwiederte der Kaiser, daß alle diejenigen Bestrebungen auf sein wohlwollendes Interesse zählen können, die auf die Hebung der Landwirthschaft in Palästina zum Besten der Wohlfahrt des türkischen Reiches unter voller Respektirung der Souveränität des Sultans abzielen." . Da in dem offiziellen Progranim von den, Empfang dieser Deputation nicht die Rede war, wandte,, sich Kolonisatiousfreunde mit dem telegraphischen Ersuchen um genauere Einzelheiten, namentlich über die kaiserliche Antwort, nach Jerusalem und erhielten folgenden Drahtbescheid: „Nicht Juden, sondern Templer überreichten Album ihrer Kolonien." Danach hätte das Wölfische Telegraphenbüreau sich eines groben Fehlers schuldig gemacht, was kaum angenonnuen werden dürfte, was aber auch in der That nicht der Fall gewesen ist. Des Räthsels Lösung brachte am 11. das Wiener Organ der Zionisten „Die Welt" mit folgender Drahtmeldung: „Am 2. November wurde die zionistische Abordnung von Seiner Majestät dem deutschen Kaiser in Jerusalem empfangen. Die Abordnung bestand aus: Dr. Theodor Herzl, dem Führer der Zionisten, Dr. M. T. Schnirer, dem Referenten des Aktionskomitees, D. Wolffsohn, dem Obmann des- Bankkomitees der jüdischen Kolonialbank, Dr. I. Bodenheimer, dem Präsidenten der Zionisten Deutschlands, und dem Ingenieur Seidener, dem technischen Beirath des Komitees. Staatsminister von Bülow wohnte der Audienz bei. Dr. Herzl hielt eine Ansprache an den Kaiser. Seine Majestät antwortete eingehend in freundlichster Weise." Es war also keine Deputation von Kolonisten, sondern eine solche von Zionisten, die am 2. d. empfangen wurde und jene Antwort erhalten hat. die so vernichtend für den politischen Zionismus ist, die deshalb das Wiener Blatt auch in dieser Notiz absolut verschwiegen hat. Kommentar überflüssig. Aber es ist intereffant, was der „Jewish Chronicle" noch an weiteren Einzelheiten über diesen Empfang nach den Mittheilungen eines angesehenen Diplomaten zu berichten weiß. Danach hat der Kaiser die Schrift über den Judenstaat vor zwei Jahren gelesen und auch mit dem Sultan über den Zionismus sich unterhalten. Eine Folge dieser Besprechung war sicher die Antwort, die die Zionisten erhalten haben. Was nun? * Die Angelegenheit der jüdischen Lehrerinnen zieht immer weitere Kreise. Soweit wir übersehen können, liegt die Sache folgendermaßen: der Zulaffung jüdischer Lehreriunen zum Vorbereitungsdienst wird bisher kein Hinderniß in den Weg gelegt; man nimmt wohl an, daß die Meldungen dazu von selbst aufhören werden, wenn sich erst die Ueberzengung verbreitet, daß der Weg, der hier betreten wird, nicht zum Ziel führt. Wenn nun aber eine solche Lehrerin, nachdem sie sich im Vorbereitungsdienst jahrelang bewährt und ihre Kräfte der Stadt unentgeltlich oder gegen nur gelegentliche Vergütung zur Verfügung gestellt hat, für eine ordentliche Stellung in Vorschlag gebracht wird, dann beginnen die Schwierigkeiten. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge und bei gerechter Behandlung durch die Vorgesetzten Behörden wird ein Hilfsbeamter zum ordent-