Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 russischer Unterthan jüdischen Glaubens, der an der Spitze einer Anzahl prssperirender industrieller Etablissements steht, ist dem Ausweisungsbefehl gleichfalls verfallen; er ist jung verheirathet und soll demnächst das Reichsgebiet verlassen. Neustadt, O.-S., 4. November. Fabrikbesitzer Hermann Fränkel ist vor feiner Ueberstedelung nach Berlin zum Ehrenbürger unserer Stadt ernannt worden, eine Ehrung, die ihm infolge seines Wohlthätigkeitsstnnes und seines humanen Wesens namentlich auch in seinem so umfangreichen Wirkungskreis zu Theil geworden ist. Der Weggang des Herrn Hermann Fränkel von hier ruft in den weiten Kreisen unserer Bevölkerung lebhaftes Bedauern hcrvor, ebenso wie der feiner Gattin, die sich insbesondere durch ihre rege und aufopfernde Thätigkeit im hiesigen Vaterländischen Frauenverein verdiente Anerkennung erworben hat. M. Hamburg, 6. November. Dr. John Israel, ein angesehenes Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, einer der bedeutendsten Rechtsanwälte unserer Stadt, ist plötzlich im 65. Lebensjahre verstorben. Mit ihm verliert Hamburg einen seiner tüchtigsten Bürger und einen der beliebtesten Männer. Er war jahrelang Major beim ehemaligen Bürgermilitär, im Jahre 1868 wurde er in die Bürgerschaft gewählt und gehörte derselben bis zu seinem Tode ununterbrochen an. Von der Bürgerschaft in die Oberschulbehörde entsandt, hat er lange Jahre hindurch seines Ehrenamtes in hervorragender Weise gewaltet. In zahlreichen Stiftungen und Institutionen war er als Vorstandsmitglied thätig, die Hermann Heine'sche Stiftung, das israelitische Waisenhaus für Mädchen, die Stistungsschule von 1815 u. s. w. haben der unermüdlichen Thätigkeit des Verstorbenen gar viel zu danken. Von allen Parteien der Bürgerschaft wurde er wegen der Lauterkeit seines Charakters und. der Güte seines Herzens verehrt und geliebt. Die Bestattung des Heimgegangenen fand vom Sterbehause (Heimhuderstraße) unter großartiger Betheiligung aller Kreise der Bevölkerung statt, die Leidtragenden hatten sich so zahlreich eingefunden, daß die zur Verfügung stehenden Räume dieselben kaum zu fassen vermochten. Am Sarge ergriff Herr Dr. Hermann May das Wort, um in einer zu Herzen gehenden Rede dem verstorbenen Freunde einen Nachruf zu widmen. Redner betonte, daß der Verstorbene im Gemeinwesen Hamburgs Großes geleistet habe, aber auch in den Dienst der Wohlthätigkeit habe er seine Kräfte gestellt, und in einer Reihe von Stiftungen, an deren Spitze er stand, hat er hervorragenden Antheil an den Verwaltungen genommen, Redner schließt seine ergreifende Rede mit den Worten des Dichters, daß man auf den Entschlafenen mit Recht sagen könne, er war edel, hilfreich und gut. Die Leiche wurde hierauf auf den Leichenwagen gehoben, neben dem eine Deputation des Vereins des ehemaligen Bürgermilitärs mit Fahne Aufstellung genommen hatte. Langsam setzte sich der lange Trauerzug nach dem jüdischen Begräbnißplatz in Bewegung. Nach Vortrag der rituellen Gebete wurde der Sarg von Freunden zur Gruft getragen, tief bewegt trennten sich die Leidtragenden von der Stätte, wo die irdischen Ueberreste Dr. John Israels ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. GD Frankfurt a. M., 3. November. Gelegentlich des Einzuges des deutschen Kaiserpaares in Jerusalem hat das Central- Komitee für Erbauung eines Krankenhauses daselbst ein Huldigungstelegramm an den Kaiser gesandt und von demselben eine Antwort erhalten, die wir bereits mitgetheilt. Das Huldigungstelegramm lautete folgendermaßen: „An Seine Majestät den deutschen Kaiser, König von Preußen. Jerusalem. Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Kaiser, Allergnädigster König und Herr! In diesem für alle Zeiten denkwürdigen Augenblicke des Einzuges Eurer Kaiserlich Königlichen Majestäten in die heilige Stadt Jerusalem wagt es das unterthänigst Unterzeichnete, zu Frankfurt am Main bestehende „Centralkomitee zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Jerusalem" in Vertretung dieser in Ausführung begriffenen Anstalt in den Jubelruf begeisterter Huldigung ebrerbietigst einzustimmen, mit welchem in diesem Augenblicke an der Zionsstätte Millionen Seelen des Orients und Occidents in dem einen Gebete sich vereinigen, daß der Segen des Allmächtigen, der so sichtbar auf Eurer Majestät geweihtem Haupte ruht, auch fernerhin Eure Majestät — unseren erhabenen großmächtigen Kaiser, König und Herrn! — sowie Ihre Majestät, unsere erhabene allergnädigste Kaiserin und Königin und das ganze Allerhöchste Kaiserliche Königliche Haus beschirmen und geleiten möge immerdar! Wie alle Nationen in Ew. Majestät den vom Allmächtigen zum Segen seiner Völker an höchste Stelle berufenen hohen und mächtigen Schirmherrn des Friedens und Förderer des Heils erblicken, so dürfen wohl auch wir uns der gewissen Hoffnung hingeben, daß auch unsere der Linderung menschlicher Leiden gewidmete Anstalt, welche sich bereits seit Beginn der Bauausführung an der Jaffastraße der hohen Förderung seitens Ew. Kaiserlich Königlichen Majestät hohen Behörden, Botschaft und Konsulat zu erfreuen hat, auch fortdauernd der allerhöchsten Gnade und des huldvollen Schutzes Ew. Kaiserlichen Königlichen Majestät gewürdigt bleibe. In tiefster Unterthänigkeit verharret ehrfurchtsvoll das Centralkomitee zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Jerusalem. Frankfurt am Main, 27. Oktober 1898. Rabbiner Dr. Salomon Breuer, Vorsitzender. Dr. Israel Roos, Schriftführer." st. Cassel, 3. November. Vom 24. bis 26. v. M. fand am hiestgen israelitischen Seminar die zweite Lehrerprüfung statt. Es hatten sich derselben 7 Kandidaten unterzogen, von welchen folgende 4 bestanden: 1. Stern-Einbeck, 2. Spier-Ahlem bei Hannover, 3. Lachmann-Wittmund (Ostfriesland), 4. Katzenstein Steinheim (Westfalen). Die schriftlichen Themen lauteten: 1. Pädagogischer Aufsatz: „Die ersten Schulwochen bei den Kleinen." 2. Religion: „Wie machen Sie Ihren Kindern den Religionsunterricht lieb und Iheuer." 3. Realien: Die Weser (Lehrprobe). 4. Hebräisch: „Der Gesang am Meere" fafl JfTO), grammatisch und exegetisch behandeln. Die mündliche Prüfung fand am 26. v. Mts. unter Vorsitz des Provinzialschulrathes Herrn Dr. Otto und des Regierungsrathes Herrn Sternkopf statt. Dieselbe verbreitete sich über die Methodik aller Fächer des Unterrichts. «Ag Nürnberg, 28. Oktober. Eine interessante Verhandlung fand hier wegen Vergehens wider die Religion statt. Dem Handelsmann Isidor Freißing in Roth, der anscheinend mit seinen dortigen Glaubensgenossen in Zwist lebt, war zur Last gelegt, daß er eines Tages, als er sich in die dortige Synagoge begab, die Thür derselben ungemein heftig zugeschlagen, hierdurch den Gottesdienst gestört und einen der bereits Anwesenden derart erschreckt habe, daß derselbe fast umfiel. Da nach dem Gutachten des Herrn Rabbiners Dr. Ziemlich nach israelitischem Ritus nur dann ein öffentlicher Gottesdienst anzunehmen sei, wenn 10 Erwachsene anwesend seien, in dem vorliegenden Falle dies aber nicht der Fall gewesen, daher nur von einer Privatandacht gesprochen werden könne, wurde vom Gerichtshof nicht wie von der Anklage ein Vergehen wider die Religion nach § 167, sondern ein Vergehen wider die Religion nach § 166 des R.-Str.-G.-B. angenommen und eine dreitägige Gefängnißstrafe ausgesprochen. Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 7. November. Die jüngste Nummer der hiesigen „Wage" bringt die Ansichten von drei geistlichen Würdenträgern verschiedener Konfessionen über die Feuerbestattung im Allgemeinen und bei einer Epidemie-Gefahr im Besonderen. Ober-Rabbiner Dr. Güdemann betont, daß die jüdische Religion die Verbrennung der Leichen unbedingt verbiete. Wo Lebensgefahr drohe, sei jedoch manche Modifikation der Vorschriften gestattet. Da seien dem Ermessen der Rabbiner weitere Grenzen gezogen. — Der Kaiser hat dem jüdischen Arzt Dr. Max Mayer, der sich gleichfalls bei Behandlung der Pestkranken zur Verfügung gestellt hatte, das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Die Pestgefahr ist glücklicherweise für Wien vorüber — für die Antisemiten bedeutet sie nur eine schöne Erinnerung an eine neue Blamage. — In Krems ist der antisemitische Gemeinderath Leopold Steinhäusel wegen Betrugs und Wechselfälschung dem Gericht eingeliefert worden. Der Verhandlung sieht man mit Spannung entgegen, der angeklagte Gemeinderath ist Hauptagitator der Christlich-Sozialen, Kassirer der klerikalen Raiffeisen-Kasse und Präsident des christlich-sozialen Vereins. — Eine originelle Entscheidung wurde dieser Tage anläßlich einer Ehrenbeleidigungsklage des Konzipienten Dr. Karl Samuely gegen den Magistratsbeamten Leonhard Fohr getroffen, der Ersteren mit dem Worte: „Judenbub" insultirt hatte. Der Beamte leistete eine umfassende Erklärung und Abbitte und verpflichtete sich außerdem, 20 fl. zu Gunsten hiesiger jüdischer Armen zu erlegen, worauf die Klage zurückgezogen wurde und der Freispruch erfolgte. — Der Kaiser hat dem Sekretär der österr-ung. Handelskammer Herrn Adolf St roß das Ritterkreuz des Franz - Josefs - Ordens verliehen. — Anläßlich des November-Avancements wurden zahlreiche jüdische Offiziere befördert. — Hier ist der Großindustrielle Wilhelm Ritter