Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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ringer Betheiligung die Vorlesungen in diesem Semester noch nicht eröffnet worden. Hoffentlich wird dies im nächsten Jahre sowohl an der genannten Anstalt als auch am Breslauer Rabbinerseminar möglich sein. — Das Büreau des Deutsch-Israelitischen Gemeinde- Bundes versendet zugleich die Nr. 49 seiner Mittheilungen, die einen ausführlichen Bericht über den achten Gemeindetag und ersten Verbandstag bringen sowie einen Fragebogen für das im April k. Js. erscheinende „Statistische Jahrbuch". Es liegt im Interesse der Sache, daß dieser Fragebogen überall, und zwar sorgfältig und zuverläsfig, ausgefüllt werde. t Berlin, 6. November. Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Bnai-Briß-Logen,hat seine bedeutend erweiterten Geschäftsräume am 1. v. M. von der Klosterstraße 44 nach der Rosenthalerstraße 34/35 verlegt. Der Arbeit dieses Vereins ist es gelungen, seit dem 1. Januar d. I. über 1250 Personen in dauernde Stellungen zu bringen. Damit der Verein aber immer mehr leisten könne, und ihm bewährte Kräfte helfen, hat der Vorstand in seiner Sitzung vom 23. Oktober d. Js. die Herren Maurermeister Marcus Adler, Rentier Maximilian Heymann, Rentier Simon Stolzmann und Rechtsanwalt Timendorfer in seinen Vorstand kooptirt. Als besonders wirksam bei Unterbringung des weiblichen Personals hat sich das im Dezember v. Js. für den Arbeitsnachweis eingesetzte Damenkomitee erwiesen, dem fünfzehn Damen aus den Vorständen der verschiedenen jüdischen Frauenvereine Berlins angehören, und das am 24. v. Mts. eine Sitzung abhielt, in der aus der Mitte der Versammlung folgende Fragen zur Berathung gestellt wurden: 1. Was muß geschehen, um unsere Thätigkeit zu einer segensreicheren zu gestalten? 2. Was haben wir zu thun, um den durch uns untergebrachten jungen Mädchen eine dauernde Existenz zu beschaffen? 3. Was können wir für die älteren Leute thun, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen? Es wurde beschlossen: a) Für die durch den Arbeitsnachweis untergebrachten Lehrmädchen Fürsorge zu üben durch Ueberwachung des ferneren Lebensganges seitens zu bestellender Pflegerinnen und eventuell auch durch Bewilligung von Stipendien an dazu geeignete Mädchen, d) Für jedes Lehrmädchen wird aus der Mitte des Damenkomitees eine besondere Pflegerin bestellt, die das ihr zugewiesene Mädchen unter ihre Obhut nimmt, sich um das Wohl ihres Schützlings kümmert und bei ihren Handlungen immer den Zweck im Auge hat, aus einem Kinde ein nützliches Mitglied der Menschheit im Allgemeinen und unserer Glaubensgemeinschaft im Besonderen zu machen. Bezüglich der zur Diskussion gestellten dritten Frage: „was kann für die "alteren arbeitsuchenden Leute geschehen",.war man sich zunächst darüber einig, daß dem Verein hier die schwerste Aufgabe gestellt sei, daß man aber mit allen Kräften versuchen müsse, auch für die alten Leute passende Beschäftigung zu suchen. Der Verein wird den Versuch machen, durch geeignete Schritte bei größeren Instituten rc. die Besetzung der Stellen für Reinmache- und Scheuerfrauen übertragen zu erhalten. Ebenso würden aufs Neue Versuche dahin angestellt werden, daß dem Verein die Besetzung von Portierstellen, Ausseherposten und dergleichen übertragen wird. Nach fast dreistündiger Diskussion schloß der Vorsitzende, Herr Eugen R y se nstiel, der sich um das Werk gryße Verdienste erworben, die Sitzung mit warmen Dankesworten. L2 Berlin, 3. November. Das Komitee für Chanukahbescheerung pocht beim Herannahen des Winters wieder an die Thüren und an die Herzen unserer hiesigen Glaubensgenossen mit dem nachfolgenden Aufruf: Beim Nahen der rauhen Winterszeit bittet wiederum eine Schaar von mehr denn 1100 jüdischen Kindern, welche die Kommunalschule besuchen, das allezeit milde Herz der Glaubensgenossen um Spendung der nöthigsten Kleidungsstücke. Diese Gabe schützt nicht nur die kleinen Körper vor Kälte, sondern wirft auch in ihre jugendlichen Seelen einen Lichtstrahl, der ihrem sonst freudlosen Dasein die ermunternde Gewißheit bringt, daß sie von den Nebenmenschen nicht ganz verlassen sind. Im vorigen Jahre erhielten am Chanukahfeste laut unserem Bericht vom Januar 1898 1117 Kinder Stiefel, Kleider, Wäsche und Lehrmittel. So wurde bitterste Noth an vielen Stellen gelindert. Gleichzeitig gelang es, wie Lehrerkreise bezeugten, einen moralischen Einfluß auf die Schüler zu üben, indem die Würdigsten vorzugsweise bedacht wurden. Beide Erfolge ermuthigen uns, alle Kinderfreunde, besonders die Frauen unserer Gemeinde, herzlichst zu bitten, durch eine freundliche Gabe an Geld, Stoffen, Jugendschristen oder dergleichen dies Liebeswerk wiederum fördern zu helfen. Jede der Unterzeichneten nimmt Beiträge mit innigem Danke entgegen und ertheilt bereitwilligst nähere Auskunft. Berlin, im Oktober 1898. Das Komitee besteht aus den Damen: Frau Julie Neumann, Vorsitzende. Frau Max Benjamin. Frau Julius Boehm. Frau Michael Fiegel. Frau Geheime Sanitätsrath Flatow. Frau Dr. Frankl- Frau Leopold Friedmann. Frau Dr. Ginsberg. Frau Dr. Grabower. Frau Kommerzienrath Emil Jacob. Frau Professor Dr. F. Liebermann. Frau Dr. Maybaum. Frau Sanitätsrath Dr. Mühsam. Frau Louis Oppenheim. Frau Helene Schönwald. Frau Emma Sieskind. Frau Sanitätsrath Stern. Frau Arnold Weiß. R. Berlin, 7. November. Die nächste Sitzung der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin findet im Vereinslokal, Wittners Restaurant, Königstraße 29, am 12. d. Mts. statt. Neben geschäftlichen Angelegenheiten wird über die neuesten gegen die jüdischen Lehrerinnen ergriffenen Maßregeln sowie über den Barmizwah-Unterricht diskutirt werden. Gäste sind willkommen. L2 Berlin, 6. November. Eine hübsche Geschichte erzählen — die hiesigen Antisemitenblätter. Einem jüdischen Getreidehändler, Namens A. Cohn, Brückenallee 3, ist die Erlaubniß ertheilt worden, fortan den Namen Kant zu führen. Dagegen ist das Gesuch eines christlichen Kaufmanns, Namens Cohn, um Abänderung seines Namens in Köhm oder Archibald abschlägig beschieden worden. Darob große Trauer bei den vereinigten Antisemiten. Der Letztere stammt aus einer uralten protestantischen Familie; sein Urgroßvater ist Schäfer gewesen. Interessant ist sein gleichfalls von den antisemitischen Zeitungen veröffentlichtes und, wie diese berichten, abschlägig beschiedenes Gesuch um Namensänderung namentlich wegen der Begründung desselben. Es heißt darin u. a.: „Der Bittsteller ist, wie der anliegende Taufschein ergiebt, evangelischer Religion. Sein Name ist aber ein so ausgesprochen jüdischer, daß er allgemein für einen Juden gehalten wird. Dies hat für'ihn bei der heutigen antisemitischen Strömung sehr empfindliche Unzuträglichkeiten zur Folge. Wird es schon selten einen Christen geben, der es nicht als eine persönliche Kränkung empfindet, als Jude angesehen und behandelt zu werden, so hat der Bittsteller unter dem Odium seines Namens fortdauernd auch mit schweren geschäftlichen Nachtheilen zu kämpfen. Er hat die Generalvertretung eines großen englischen Werkes für den ganzen Kontinent übernommen. Gleich bei seinen ersten behufs Einführung dieses Werkes unternommenen Reisen stieß er auf ungeahnte Schwierigkeiten, indem man von vornherein jede Anknüpfung mit ihm unter den nicht mißzuverstehenden Andeutungen ablehntedaß man mit einem Juden nichts zu thun haben wolle. In Oesterreich ist er als vermeintlicher Jude fast ganz unmöglich. In Frankreich hat er unter dem doppelten Odium des Juden und des „Prusflen" zu leiden. Aber auch abgesehen von der geschäftlichen Seite dürfte das Bestreben eines Christen, von einem stockjüdischen Namen und damit von dem Verdacht Jude zu sein, befreit zu werden, schon aus rein menschlichen Rücksichten nicht ungerechtfertigt erscheinen." Es ist wirklich ein Jammer, daß die Behörde diese „rein menschlichen Rücksichten" nicht zu würdigen vermocht hat. O Königsberg i. Pr., 7. November. Von hier wird der „Frankfurter Ztg." geschrieben: In der letzten Zeit hat die Hand habung der Ausw eisungsbefugniß und der Aufenthalts erlaubniß russischer Unterthanen jüdischen Glaubens wieder sehr harte Formen angenommen. Die seinerzeit erfolgte Hinweisung auf den Zusammenhang der von der Regierung verlangten Auskunft über den Umfang der Börsengeschäfte der einzelnen Kommissionäre niü der Ausweisungspolitik war also nicht ganz grundlos. Dabei wird jetzt eine ganz eigenartige Praxis geübt, von der man kaum annehmen sollte, daß sie in Berlin gutgeheißen wird. Es mag auf den erstell Blick komisch und vielleicht unglaublich erscheinen, und doch ist es Thcu sache: eine Anzahl von Personen hat die Aufenthaltserlaubniß nur unter der Bedingung erhalten, daß sie — sich nicht verheirathen, jetzt nicht und auch in Zukunft nicht, sofern sie hier „Gastfreundschaft" genießen. Diese Zusage mußte in schriftlicher Form abgegeben werden. Den hier jung verheirathet Zugezogenen und Denjenigen, die hier geheirathet haben, wird anfgegeben, daß sie ihre Frauen über d-e Grenze spediren, der junge Ehemann hat zwar die Erlaubniß, hier z" bleiben, die junge Frau aber soll unter dem Szepter Väterchens weilen. Ein seit frühester Kindheit hier weilender, vollständig deutsch erzogener, des Russischen überhaupt nicht mächtiger, angesehener und wohlhabender