Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 45. jlßW t) Berlin. 11. November 1898. Weiscrge zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 5. November. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" hielt heute Abend unter ziemlich reger Betheiligung eine öffentliche Versammlung ab. Das einleitende Referat erstattete der Vorsitzende des Vereins, Herr Rechtsanwalt Breslauer. Redner erörterte zunächst in ruhiger und streng sachlicher Form die einzelnen Punkte des von den Gegnern ausgestellten Programms. Betreffs des Wunsches nach neuen Synagogen müsse auf den Etat der Gemeinde Rücksicht genommen werden, nur langsam fortschreitend könne die Gemeinde Gutes leisten. Die Synagogenplätze können ebenfalls nur im Preise herabgesetzt werden, wenn es der Etat gestatten werde. Die Forderungen nach neuen Andachtsstätten seien berechtigt, doch thue die Gemeinde in dieser Beziehung schon sehr viel. Die Frage, was obligatorischer Religionsunterricht bedeute, sei noch nicht ausgetragen; man könne sich jedenfalls nicht vorschreiben lassen, wie der Unterricht gegeben werden soll. Die Forderung der Einrichtung von Synagogenbezirken sei keine Verwaltungsfrage und nur nach Aenderung des Gesetzes von 1847 durchzuführen. Es sei sicher, daß eine Zeit kommen werde, wo die Gemeinde nicht alle Funktionen mehr werde leisten können. Jedenfalls dürfe die Einrichtung nicht dazu dienen, in den Parochien nur eine bestimmte Richtung zur Geltung kommen zu lassen. Die Heranziehung sämmtlicher Steuerfähigen zur Steuerpflicht sei bedenklich. Es müsse hierbei erwogen werden, ob und wie weit diese Forderung nur zu dem Zwecke dienen solle, sich eine größere Wählerzahl zu schaffen. Die Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte werde auch von den Liberalen gefordert. Der „Liberale Verein" stelle im Wesentlichen in seinem Programm die Toleranz in den Vordergrund, und zwar mit vollem Recht. Denn tolerant sei man stets nur dann gewesen, wenn liberale Bestrebungen nicht in Frage gekommen wären. Die Toleranz zeige sich in der Frage des Sonntagsgottesdienstes. Der „Liberale Verein" halte seinerseits an der Aufrechterhaltung des Sabbath fest, sei aber der Meinung, daß man die 5800 Mitglieder, die diese Einrichtung wünschen, nicht abweisen dürfe. Tolerant seien die Liberalen ferner in dem Verlangen nach größerer Berücksichtigung der deutschen Sprache in den Gebeten, in der Forderung der Toleranz für die Gemeindebeamten. Es müsse gewählt und nicht gewühlt werden! Die Wahlen zu einer Religionsgesellschaft seien dazu da, daß in Eintracht und in Frieden selbst widerstrebende Ansichten ausgefochten werden. „Alles Alte, soweit es darauf Anspruch hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben!" Bor allem solle man dahin streben, daß der liberale Gedanke, wie er immer in der Berliner Gemeinde gewesen fei, und wie er auch von Abraham Geiger gefordert fei, weiter und weiter sich entwickele zum Segen der Gemeinde! In der sich an das mit reichem Beifall aufgenommene Referat anschließenden Diskussion vertraten die Herren Dr. Grabower und Klausner die gegnerischen Forderungen. Der Letztere wies darauf hin, daß der Gemeindeetat ausreichend sei, um die Forderungen des Centralvereins zu erfüllen. Zur Einrichtung würdiger Andachtsstätten hätte die liberale Verwaltung erst gezwungen werden müssen. Der obligatorische Unterricht müsse gefordert werden mit Dispensationsbefugniß seitens der Eltern. Zur Einrichtung von Synagogenbezirken bedürfe es nur einer Statutenänderung, keiner Gesetzesänderung. In den Parochien sollen die rein religiösen Angelegenheiten selbstständig berathen werden. Bezüglich des Sonntagsgottesdienstes seien die Stimmen legendär in Bezug auf das Gewicht, das man ihnen beilegen wolle. Die Gemeindevertretung müsse endlich dahin nm * daß eine Organisation der Juden geschaffen werde, welche den Staatsbehörden gegenüber die Rechte wahre. Herr Sanitätsrath Dr. Wiesenthal widerlegte die Ausführungen des Vorredners. Das Bestreben sei in der Gemeindeverwaltung schon lange vorherrschend, unangreifbare Lokale für die Andachtsstätten zu erlangen. Auch ' die Synagogenneubauten seien nicht auf das Drängen des Centralvereins hervorgerufen. Die Schwierigkeiten der Gewinnung eines geeigneten Platzes und des Bauplanes für eine Synagoge seien viel größer, als man glaube. Die Plätze in der jüngsterbauten Synagoge seien schon jetzt schwer untergebracht worden. Herr Oberlehrer Dr. Blaschke betonte, daß vom Religionsunterricht nur der Minister dispenfiren könne. Der obligatorische Unterricht sei gefordert durch eine Petition des Gemeindebundes, nicht vom Centralverein. Die Gleichzeitigkeit der Ertheilung mit dem christlichen Religionsunterricht sei vielleicht möglich für die Volksschulen, an den höheren Schulen aber ganz unmöglich, weil hier mehrere Abtheilungen, an der mehrere Klassen betheiligt seien, gebildet werden müssen. Der jüdische Religionsunterricht könne nur, wie es von liberaler Seite verlangt werde und bereits durchgeführt sei, im Anschluß an die lehrplanmäßigen Stunden ertheilt werden. Qualifizirt zur Ertheilung des Unterrichts halte ein gewisser Theil der Gemeinde nur Diejenigen, die auf streng orthodoxem Standpunkt ständen, die Liberalen halten noch eine andere Qualifikation für möglich. Ein einheitlicher Lehrplan habe drei Köpfe, für die Volksschulen, für die Vollanstalten und für die Anstalten mit sechsjährigem Kursus. Ein solcher Plan sei bereits von liberaler Seite ausgestellt worden. Eine Aufsicht des Unterrichts von durch die Gemeindebehörden zu berufenden Inspektoren könne nur Der fordern, welcher niemals einen Einblick in deutsches Schulwesen gethan habe. Der jüdische Religionsunterricht dürfe auch nicht mit dem 14. Jahre der Kinder abschließen. Zum Schluß fordert Dr. Holz die Anwesenden auf, am 24. d. M. sämmtlich an der Wahlurne zu erscheinen und alle Gleichgesinnten in der Gemeinde hierzu zu veranlassen. — Wir knüpfen an diesen Bericht die Mittheilung, daß soeben der Berwaltungsbericht des Vorstandes der jüdischen Gemeinde über die abgelaufene Wahlperiode, ferner der Rechnungsbericht der Hauptkasse, das Verzeichniß der wahlfähigen Mitglieder und — was die Hauptsache ist — der Stimmzettel für die Wahlen den Gemeindemitgliedern zugegangen ist. Wir behalten uns vor, auf diese Schriftstücke noch im Einzelnen zurückzukommen, und möchten für heute nur hervorheben, daß der Bericht auch diesmal einen guten Eindruck hervorzubringen geeignet ist. Trotz der größten Hindernisse, trotz der beständigen latenten oder offenen Obstruktion der sogenannten Neuorthodoxie hat derVorstand doch auchindiesen drei Jahren alles gethan, was in seinen Kräften stand, um die Gemeinde vorwärts zu bringen. Die Zahl der beitragspflichtigen Mitglieder ist von 16 235 auf 21389 gestiegen. Die Zahl der Wähler hat sich also fast um dreitausend vermehrt. Schon hieraus erwächst die Pflicht für jeden Einzelnen, dem der Fortschritt des Judenthums und das Wohl der Berliner Gemeinde am Herzen liegt, am 24. bestimmt an der Wahlurne zu erscheinen und seine Stimme für die liberalen Kandidaten abzugeben, die das Judenthum erhalten wollen, die aber auch die Bedürfnisse der Zeit kennen und deshalb dem religiösen Fortschritt huldigen, die aber nichtsdestoweniger alle religiösen Richtungen innerhalb der Gemeinde zu ihrem Rechte kommen lassen wollen, weil sie überzeugt sind, daß nur so der Friede und die Wohlfahrt innerhalb der Gemeinde zu erhalten seien. S£g Berlin, 8. November. Die Bestrebungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, an den Rabbinerbildungsanstalten Vorlesungskurse für akademisch gebildete Lehrer der jüdischen Religion einzuführen, haben den Erfolg gehabt, daß an der Berliner „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" am 3. d. Mts. die Borlesungskurse für das Wintersemester 1898/99 mit sechs Hörern eröffnet werden konnten. Es lesen: Herr Dr. Baneth: 1. Pentateuch, Montags und Mittwochs 4—5 Uhr Nachmittags. 2. Hebr. Grammatik, Dienstags 4-5 Uhr Nachmittags. Herr Dr. Maybaum.' Bibelkunde, Donnerstags 4—5 Nachmittags. Herr Dr. Schreiner: Geschichte der Juden, Montags und Donnerstags 6—6 Uhr Nachmittags. Am Berliner Rabbinerseminar konnten wegen allzu ge-