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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-11 · Heft 45 (11.11.1898) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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540 treuesten, verschwiegensten Diener hinzuscnden! Und siehe, hier ist der Dolch!" Die Königin nahm die Waffe und neigte das Haupt. Dann verschwand sie samnit dem Edomiter in dem Inneren des anstoßenden Gemaches. Aber das Wort „Gethsemane", welches der Edomiter geäußert, hatte einen neuen Schmerz in Jvas Brust geweckt, welchen sie jedoch in Resons Gegenwart nicht zu äußern wagte. Der Leser weiß, daß Iva ihre alte, mütterliche Freundin Zeruha zu Jerusalem aufsuchen wollte. Die ausgesandten Diener hatterr auf Gethsemane eine zerstörte, menschenleere Hütte gefunden. Zeruha, von Schrecken und Schmerz ob Naömis Schicksal betäubt, vernahm die Stimnien des Volkes nicht, welche von Jvas Ankunft auf Zion sprachen. Die Edomiterin irrte unstät um ihre zerstörte Hütte herum. Ob dem dunkeln Schicksal der alten, mütterlichen, nun verlorenen Freundin trug Iva tiefen Schmerz. (Forts, folgt.) Bas Gehrimniß. Historische Erzählung von A. Stern. V. ls Wilibald in der Mitternachtsstunde des folgenden Tages reisefertig in Jbn Wakars Gemach trat, fand er nur Marie daselbst vor. Sie war in köstliches Pelzwerk, doch wie ein fahrender Schüler damaliger Zeit, gekleidet. Unter hoheni Barett mit wehenden Schwungfedern wallte ihr langes, blondes Haar hervor; die schöne, weiße Lilienhaut ihres Gesichtes hatte durch den Anstrich eines gelben Saftes männliche Farbe bekommen, unter der das zarte Roth ihrer Wangen desto süßer hindnrchschimmerte. Ueber der grünen Kleidung hing auf der Brust eine lange goldene Kette mit dem Bildniffe Karls des Vierten, und um die Hüften schlang sich ein reicher Gürtel, an dem ein zierlicher Stoßdegen hing. Zu ihren Füßen lag ein großer Wolfspacker, der furchtbar anschlug, als der neue Reisegefährte eintrat. In den Händen hatte sie eine Laute, der sie zarte Melodien entlockte. Sie beschwichtigte den auffahrenden Hund, ihn streichelnd, und sagte: Ruhig Strutho, wer wird denn seine Reisegefährten anfallen. Ihr werdet bald mit einander bekannt werden, und du wirst manches Futter aus seiner Hand empfangen. Sie wandte sich darauf zu Wilibald, der sich an dem schönen Schauspiel, das sie ihm darbot, weidete, und sagte: „Guten Abend, mein theurer Freund!" „Wo ist Jbn Wakar?" fragte nach den ersten Begrüßungen der Jüngling. „MardochaiJaffe", erwiederte sie, „liegt seit gestern an den Folgen jener Schreckensnacht gefährlich danieder. Er hat, da er seinen Zustand genau kennt, nicht unterlaffen können, zu ihm zu gehen und bei ihm zu bleiben, da sich der Ausgang in wenigen Stunden entscheiden muß, bis sich das Zünglein der Waage »ach Leben oder Tod hinneigt." „Mardochai Jaffe?" fragte Wilibald, „ist das nicht derselbe, der die Ursache an seiner Verbannung ist?" „Eben der," erwiederte die Jungfrau. „Wahrlich, solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden," rief Wilibald. „Lernt nur den alten herrlichen Mann erst näher kennen,"^ entgegnen sie, „und Ihr werdet den Augenblick segnen, der Euch mit ihm zusammenführte." Sic strich gedankenvoll über die Laute hin. „Während der Zeit seiner Abwesenheit," Hub sie an, „müßt Ihr schon mit meinem leeren Geplauder vorlieb nehmen. Für die Reise ist alles angeordnet, und wir brechen sogleich auf, sobald er zurückkehrt. Da wir doch nach Spanien ziehen, so könnt Ihr ein Stückchen von der Poesie jenes Landes unterdeflen kennen lernen. Ich will Euch eine Romanze auf den Tod Pedro des Grausamen Vorsingen, der von seinem natürlichen Bruder, Heinrich von Trastamara, ermordet wurde." „Ei, Ihr seid in der Welthistorie wohlbewandert," scherzte Wilibald. „Man kann alles brauchen," erwiederte sie. „Setzt Euch und hört!" . Er that, wie ihm geheißen wurde, und sie begann nach kurzem Vorspiel: Zu den Füßen Don Henriques Hingestreckt lag König Pedro. — „Wenn es so anfängt, liebe Marie," unterbrach fie Wilibald, „wie will es denn enden? Die Spanier sollen Meister sein in zärtlichen Liebesliedern; ein solches möcht' ich lieber von Euch hören als derbe Grabesromanze, die mir immer klingt wie Glockengeläute. Bitte, ein anderes." „Ihr seid ein wunderlicher Mensch, Wilibald," entgegnete Marie, „zu Liebesliedern sind weder meine Guitarre noch ich gestimmt." Während sie dies sprach, richtete sich plötzlich der Hund auf und schlug an. „Besuch zu dieser Stunde?" rief sie. „Wer mag das sein? Wenn es nur nicht neue Unbill ist. die man dem guten Vater zufügen will!" Die Thür öffnete sich; die Schwungfedern eines Studentenbaretts drängten sich durch die Oeffnung, und plötzlich stand Wilhelm vor ihnen. „Ich konnt's nicht länger aushalten auf meinem Lager, Wilibald," rief er, „ich mußte Dich noch einmal ans Herz drücken. Wer weiß, ob Dich diese Arme jemals wieder umschlingen werden. Sieh', nun steh' ich ganz allein." „Du treue Seele," entgegnete Wilibald, ihn fest an sich ziehend, „so gut wie Du hat es von jeher Keiner mit Wilibald Bischer gemeint, und wer weiß, ob ich je Einen finden werde, der es so meint." „Sei getrost," sagte Wilhelm, „Dir werden statt meiner dunklen braunen Sterne jetzt ein Paar hellere auf Deinem Lebenswege leuchten, die es gewiß ebenso redlich meinen. Sieh' in diese klaren, blauen Augen. Nicht wahr, schöne Dirne, Du wirst ihm den Freund ersetzen und ihm noch mehr sein, als ich ihm je sein konnte? Denn wenn er es auch nicht gesteht, er liebt Dich wie Gottes Engel den Allvater." Marie und Wilibald schlugen die Augen nieder in peinlicher Verlegenheit, aus der Jbn Wakars Eintreten sie erlöste. „Er hat die gefährliche Krisis überstanden," sagte der Greis; „unter Gebeten und Verwünschungen ist er beffer geworden und hat seinen Gott um Verzeihung gebeten für die Sünde, Arzenei aus meiner Hand anzunehmen. Aber fort, ehe der Tag anbricht!" „Eins mußt Du mir noch zu Gefallen thun, Wilibald." sagte Wilhelm; „laß uns zum Andenken mit den Schlägern tauschen; an dem meinigen ist eine sehr gute Klinge, und im Nothfall kannst Du die Scheide auch gebrauchen." Lächelnd willigte Wilibald ein, gab ihm seinen Degen und schnallte den Wilhelms um, nicht bemerkend, daß dieser in einer ungewöhnlich dicken Scheide stecke. Unter herzlichen Umarmungen trennten sie sich. Eine Stunde später hatte unser vertriebenes Kleeblatt Prags Thore hinter sich und eilte unaufhaltsam der Grenze zu. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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