Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
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539 sogleich umstanden mich wohl zehn bewaffnete starke Männer und unter ihnen Sethron, jener schurkische Aegypter. — „Ergieb Dich, Edomiter!" rief der Schelm ohne weitere Umstände. Ich that einen Schritt zurück und ritz mein Schwert aus der Scheide. Der Aegypter lachte. „Weg mit dem Schwert!" rief er spöttisch. „Wir handeln im Auftrag des Pharao und seines Vertrauten Ahija!" „Ahija?" schrie ich entsetzt. „Bindet ihn nur rasch!" fuhr der Aegypter fort und wandte sich gleichgiltig ab. „Bei der großen Mutter! es soll Euch nicht leicht werden!" rief ich. und schwang mein geprüftes Schwert, entschlossen, mich bis zum letzten Athemzug zu vertheidigen. Der Aegypter blickte mich mit einem sonderbaren, höhnischen Blick an. „Greift ihn an!" gebot er seinen Knechten, „und lähmt ihm womöglich den rechten Arm, denn wir niüssen ihn lebendig haben." Ich schäumte vor Wuth, die feigen Schurken fielen alle zugleich über mich her. Mein Schwert entsank der zerschmetterte» Hand, und ich war gefangen." „Abscheulich!" rief die Fürstin, ebenso empört als vom Schmerz bewegt. „Sie brachten mich", fuhr der Edomiter fort „in eine armselige Hütte an den Abhängen von Bezctha. Dort sah ich Sethron und Ahija täglich sich unterreden. Ich lag auf schlechtem Stroh, und der gräßliche Schmerz meines Armes machte mir fast jede Bewegung unmöglich. Die Treulosen bemerkten dies, und aus diesem Grunde wohl ward ich nur nachlässig bewacht. Da regte die Hoffnung zur Flucht meine letzte Lebenskraft auf. In dieser verfloffenen Nacht erhob ich mich von meinem Lager, Anfangs halb ohnmächtig vor Schmerz, dann erstarkend, da meine Wächter sorglos schliefen, und die Fenster der Hütte einen leichten Fluchtweg boten. Mit der unverletzten Linken zerbrach ich die Läden und stieg hinaus ins Freie. Das Geschick begünstigte meine Flucht, denn ich schlich unbemerkt zwischen den unzähligen Heerden hindurch, die dort weiden. Bor Jerusalems Thor wartete ich still, bis die Wächter bei dem Aufgang der Sonne das Thor öffneten. Dann schlich ich mit Landleuten und Hirten vermengt hinein und suchte Dich auf — meine letzte Hoffnung, Dich, die edle Fürstin, die einen Undankbaren, aber Aufrichtigen nicht verrathen wird!" „Reson!" rief die Königin der Wüste, erbebend bei dem Gedanken, welchen der Krieger eben ausgesprochen. Dann faßte sie feine Hand und blickte ihn mit einem Ausdruck des Grams und der Liebe an. Der Edomiter wich diesem Blick aus; die Empfindung, die derselbe in ihm weckte, war peinlich. „Iva," begann er nach einer Pause, „an Dein edles, großmüthiges Herz richte ich eine Bitte, die noch kein Liebender wagte, wo er ein theures, liebevolles Herz zu kränken fürchtete." „Sprich!" sagte die Königin der Wüste und blickte den unruhig sich Bewegenden mit ihren dunkle» ernsten Auge» an. „Du hast Mitleid mit meiner Qual," versetzte Jener mit stockender Stiinme. „Ach, Du kannst das Leiden begreifen, daß diese Seele drückt — es verzehrt nnch Liebe, Augst." „Sprich," wiederholte die Königin der Wüste mit milder Stimme, aber diese Stimme zitterte. „Da wir beide zu Ezjon-Geber weilten, mahntest Du mich, die Fürstin der Sabäer nicht zu vergeffen, wenn ein unglückliches Geschick über mich käme. Du bist mächtig, Iva, und Du bist geehrt an Salomos Hof, der König wird Dir eine Bitte nicht abschlagen -laß mich mit Nasmi sprechen!" Die Königin der Wüste behielt ihre Fassung, nur ihre geschlossenen Lippen bebten leise. „Und wie soll ich dieses bewirken, Reson?" fragte sie mild. Der Edomiter war fieberhaft bewegt, als er erwiederte: „Ich kann in Deinem Gefolge in Salomos Gärten dringen, wer kennt den einsamen Abenteurer? Und die Gewänder Deiner Knechte werden mich verhüllen vor schärferen Blicken. Siehe, Du weisest mich zurecht in den Gärten, und ich suche Nasmi auf, während Du den König beschäftigst. O, fürchte nicht einen wahnsinnigen Ausbruch meiner Leidenschaft! Ich will Nasmi nur fragen, ob sie Edom vergeffen und — Reson. Und that sie dies, ist sie jetzt glücklicher, dann fahre wohl, du treuer Stahl! Dann zieht Reson in die Wüste und stirbt in Gram und Klage um das betrogene Leben. Siehe, ich bin stark, aber vor diesem Mädchen bin ich ein Kind. Laß' mich sie sehen, ich will nur wiffen, ob sie glücklich ist." „Reson," sagte die Königin mit weichem Ausdruck des Mitleids. „Da ich sie sah unter den Blumen der Gärten, da war sie voll Glück, voll leidenschaftlicher Freude." Die Lippen Resons zitterten, er fand keine Antwort. Iva bemerkte seinen Schmerz und brach ab. „Es sei wie Du sagst," sprach sie ruhig. In meinem Gefolge wirst Du Salomos Gärten betreten. Möge Dein Schicksal dort sich entscheiden und nach schweren Opfern ein heiteres werden; um Deiner Leiden willen hat Iva Gram." Der Edomiter drückte seine Hand an die Stirn und neigte tief das Gesicht. Seine Seele war stürmisch bewegt, aber er hatte keine Worte für Iva. Sie jedoch blickte ihn mit ihrem dunkeln, ernsten Auge an, und ihr Angesicht, welches vom Ausdruck des Grames allmälig in stille Faffung überging, spiegelte den schmerzvollen, aber endlich sich ebnenden Kampf eines großmüthigen Herzens zurück. Und dann gewann die zarte, immerwache Sorge des Weibes wieder die Oberhand in ihrem grausam verletzten Herzen. Der erschöpfte Zustand Resons ließ ihr nicht Zeit zu Klagen. „Du bist erschöpft, Du bist bleich," sagte sie mit milder Stimme. „Gehe ein in meine Gemächer, und ruhe aus! Iva wird Deine Wunde verbinden und heilsamen Balsam darein gießen. Und wenn ich an den Hof Salomos ziehe, dann werden meine Diener Dir die Kleidung der Sabäer bringen. — Fürchte keinen Verrath! In diesem Hanse bleibst Du verborgen und sicher. Komm', ich will Dich führen!" Der Edomiter erhob sich mit schmerzlichem Lächeln. Iva ergriff seinen 91m und leitete ihn vorsichtig nach den inneren Gemächern. Der Krieger blieb plötzlich stehen. „Noch eine Bitte, Iva!" sagte er rasch. Die Königin blickte ihn fragend und mit ruhigem Auge an. „Sende Deinen treuesten Diener", fuhr Reson fort, „nach der Wüste an den Ufern des Todten Meeres! Dort verweilen meine Treuen und sind in Sorge um Resons Schicksal. Laß' ihnen, sagen, Reson verweile zu Jerusalem und entbiete seine Treuen zu sich. Hier — der Diener nehme diesen Dolch mit sich! Meine Männer werden folgen, wohin dieser Dolch getragen. Sie werden auf den Pfaden der Nacht und der List diese Stadt erreichen." „Unglücklicher," unterbrach ihn die Königin erschrocken, „willst Du unter Salomos und seiner Krieger Angen mit einer Handvoll Verwegener das Schwert des Aufruhrs heben? Laß' ab von so unglücklichem Beginnen!" Der Edomiter blieb ganz ruhig. „Dein Diener rufe meinen Männern das Wort „Gethsemane" zu, und sie werden kommen! Das ist meine Bitte." Die Königin schüttelte traurig das Haupt. „Ich will das Schwert des Aufruhrs nicht heben." fuhr Reson ruhig fort. „Aber wenn ^das unglückliche Geschick über mich käme, will ich an der Seite meiner Treuen erliegen. Versprich mir, Deinen