Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-11 · Heft 45 (11.11.1898) · p. Seite 538

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228303--55031-3291219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

558 zugleich an, daß ich in einigen Tagen den Brief des Vorstandes, wenn er eingetroffen sein wird, in obiger Weise beantworten werde. Dieses Schreiben ist nicht die Wirkung einer augenblicklichen Aufwallung, sondern mein vollkommener, ruhiger Ernst. Darum kann ich auch in jedem übrigen Punkte Sie nur meiner innigen, zu jedem Dienste bereitwilligen Freundschaft versichern." Nachschrift vom 29. Dezember: „Theurer Freund! Das Obige vom 26. d. M. blieb bis heute zurück, weil Sie mir schrieben, ich werde diese Woche ein offizielles Schreiben vom Vorstand bekommen, das aber noch immer nicht eingetroffen ist. Hingegen erhalte ich heute Ihre Anzeige, daß Sie mir ein Quartier gemiethet. Eine neue Verlegenheit! . . . Wie kann ich an den Vorstand, wie Sie wünschen, wegen des Quartiers schreiben, so lange nicht die genügende Bestätigung da ist, da, wenn diese nicht erfolgt, ich nicht nach Berlin gehen kann? Wahrlich, Berlin muß eines von den flülÖ sBortheilenj sein D’HID'D ldie nur unter Qualen zu erlangen stndjy, denn ich habe bisher nur quälende Sorgen und Unruhe gehabt, sehr wenig hingegen, was nach Wunsch gegangen wäre. Was mich aber am meisten dabei quält, ist die Wahrnehmung, daß Sie, Freund, mit einer bewunderungswerthen Aufopferung arbeiten, und es bieten sich auch für Sie immer neue Verlegenheiten dar. Der Brief Arnims hat mich vollends einen Blick in das Versprechen der Großen thun lassen. Die genügende Bestätigung ist durch nichts garantirt, und wenn nun, wie das Gerücht sagt, Eichhorn weggeht, so haben Sie gar keinen Anhaltspunkt, und auch wenn er bleibt, worauf können Sie hoffen, da er doch mündlich einer Deputation des Vorstandes erklärte, er könne sich auf nichts einlassen! Ich wiederhole Ihnen nochmals: es ist mein Entschluß, nach Berlin zu gehen, und ich wünsche sobald als möglich meine Stelle anzutreten, da das Zögern nur verderben kann. Aber ohne Bestätigung kann ich nicht kündigen, und zwar ohne ehrende Bestätigung; da ich, wenn sie nicht erfolgt, von hier nicht weggehe. Diese Bestätigung zu beschleunigen, muß dem geehrten Vorstand obliegen, da auch nach der Kündigung noch einige Zeit vergehen muß, bis hier ein neuer Rabbiner gewählt ist. Dieses habe ich übrigens auch in dem Schreiben an den Vorstand bemerkt. Sie werden mir hoffentlich bald das Nähere über die Bestätigung mittheilen; möge es genügend und keine bloßen Versprechungen sein, damit ich doch endlich aus dieser qualvollen Lage erlöst werde. Haben Sie gelesen das Pasquill in der „Leipziger Allg. Zeitung" vom Montag den 26.' Dezember auf den Berliner Vorstand über die Rabbinatswahl? Ich weiß nicht, ob der Vorstand noch länger ganz schweigen soll? Will er aber antworten, so theile ich Ihnen Folgendes mit: Das Schandlibell in der „Spener'schen Zeitung" auf mich wurde mir frankirt eingeschickt. Die Adresse hatte dieselben Schriftzüge wie alle im vorigen Sommer an mich gelangten anonymen Briefe. Es rührt also alles von einer Hand her, die anonymen Briese, die Artikel in der „Leipziger Allg. Zeitung" und in der „Spener'schen Zeitung". Ich schließe in der verdrießlichsten Stimmung und wünsche, daß ein Schreiben von Ihnen mich aufheitere, und ich diejenige Freude finde, die zu einem so großen Unternehmen nöthig ist." Zweite Nachschrift von demselben Tage: „Ich habe Ihnen noch zu bemerken, daß dem sei, wie ihm wolle, ich die Woche oder auch den Monat meines Hinkommens nie ganz genau, bis alles dort und hier geordnet ist, bestimmen kann. Allein da die Miethe in Berlin wahrscheinlich so wie hier halbjährig ist, so muß freilich zur Zeit vorgesehen werden. Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung; möge Gott nur geben, daß ich bald über alles beruhigt bin und endlich nach meinem Bestimmungsort gelange. Ich bemerke nochmals, daß vom Vorstand noch kein Schreiben eingegangen ist; ich schreibe Ihnen heute, weil Ihr Brief eine dringende Antwort nöthig machte." Nach Empfang dieses Briefes von Frankel war jedoch Muhr in der Lage, feinen Freund über die Absichten der preußischen Regierung zn beruhigen; er schickte ihm ein Schreiben des Ministers Eichhorn zu, in welchem dieser seinem lebhaften Wunsch, Frankel in Berlin zu sehen, Ausdruck gab. Letzterer solle nur seine Naturalisation in Preußen nachsuchen, die ihm in der denkbar ehrendsten Form werde bewilligt werden. Frankel gab nun sein Bedenken auf und übersandte am 2. Januar 1843 die nöthigen Dokumente, um das Bürgerrecht in Preußen zu erbangen. Er schrieb an Muhr unter demselben Datum: „Sie erhalten hierbei das Schreiben vom Minister Eichhorn zurück. Es schmerzt mich sehr, daß mein voriges Schreiben Sie betrübte; aber ich bin mir bewußt, daß meine Absicht redlich ist. Ich wollte nämlich hier in Dresden gern bald kündigen, damit die Gemeinde fich in der Zeit umsehen kann und mich nicht zu lange aufhalte. Soll der Schritt geschehen, so schadet dann jede Verzögerung. Die Furcht und Angst ist, Gott sei Dank, geschwunden, ich wünsche jetzt vielmehr den baldigen Antritt meines neuen Amtes. Nur dringe ich auf die Bestätigung, die allen.gegen mich gerichteten Machinationen die Spitze bieten soll...." Am 20. Januar schrieb Frankel: „Ich habe den letzten Artikel in der „Vosfischen Zeitung" gegen den Vorstand und mittelbar auch gegen mich erhalten. Ich kann Ihnen aufrichtig versichern, daß Schritte dieser Art in mir gerade den Eifer erwecken, nach Berlin zu gehen. Jeder Angriff reizt mich, und er will durch die Thal widerlegt sein; wenn' diese sNarrenj wüßten, daß ihre Zeitungsinserate gerade die entgegengesetzte Wirkung Hervorbringen, wie würden sie doppelt über diese Wirkung und über verlorenes Geld und Zeit verdrossen sein!" So niuthvoll aber, wie sich Frankel in diesen Zeilen giebt, war er in jenen Tagen gewiß nicht, wiewohl er in der That über die schmachvollen Angriffe in den Zeitungell erhaben war. In der Zeit der politischen Windstille, die damals in Europa herrschte, zunial den Zeitungell in Deutschland nicht gestattet war, sich eingehend Nlit innerpolitischen Fragen zu beschäftigen, boten die jüdischell Angelegenheiten den willkommenen Stoff für kleinliche Klatschereien und Jntriguen. Die „politischen" Journale jener Tage öffneten nur allzu gern den Zänkereien innerhalb der jüdischen Gemeinde ihre Spalten, während wiederum von jüdischer Seite von dieser Erlaubniß ein weitgehender Gebrauch gemacht wurde. Indessen war Frankel noch immer darüber besorgt, wie sich die preußische Regierung zu seiner Amtsthätigkeit in Berlin stellen werde. Nach vielen Tagen der schweren inneren Kämpfe und der Selbstprüsullg entschloß er sich zu einem Schritt, der damals mit Recht großes Anssehen machte. Er richtete am 7. Februar an den Minister Eichhorn einen inhaltreichen Brief, der auch heutzutage aus mehr als einem Grunde lesenswerth erscheint. Obwohl dieser Brief bald darauf die Runde durch die jüdische und politische Presse Deutschlands machte, wollen wir ihr: nichtsdestoweniger hier mittheilen, da dies der Zusammenhang unserer Darstellung erfordert; außerdem ist das Schreiben Frankels, das damals eine herrliche That bedeutete, jetzt nur sehr Wenigen bekannt. Are Rose oon Saron. Eine Erzählung. EUILLETON XX. ls ich zu den Gräbern kam," fuhr der Krieger nach einet Pause fort, „war Niemand in der Nähe, und die Sonne ging eben unter. Ich lehnte sinnend an einem Stamm, denn meine Seele war von Schmerz bewegt ob dem Geschick Nasmis Da hörte ich durch Gräser Fußtritte Bitzler — ich sprang auf, und i) Vergleiche Traktat Berachoth f. 5 a.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.