Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-11 · Heft 45 (11.11.1898) · p. Seite 536

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228303--55029-3291217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

- 536 - lernen sind. Nur das ist des Menschen wirklicher und dauernder Besitz, was er jederzeit unversehrt aus dem Schatze seines Gedächte nifles hervorholen kann. Die auswendig gelernten Gedichte halte ich für die schönste Gabe, die die Schule für das Leben mitgiedt. Danach gestaltete sich mein Pensum im letzten Jahr (und insgesammt ist es in jedem Jahr dasselbe) folgendermaßen: Realschule Oberstufe I—HI Bibelkunde: Die Gesetzgebung des Pentateuchs. Auswendig gelernt wurde eine Anzahl Gebote in Exodus und Leviticus. Gymnasium Mittelstufe Ilb—III Bibelkunde: Lektüre und Erklärung der prophetischen Bücher, insbesondere Jesaja und Jeremia. Auswendig gelernt wurden Jesaja 2, 2—5; 6. 2—8; 11, 1—10. 40, 1-7; Jeremia 9, 22—23; 10, 2,10, 23-24; 27, 5; 29, 4-6; 31, 36. Mädchenschulen Oberstufe II—IY Bibelkunde: die Hagiographen, Psalmen und Sprüche. Auswendig gelernt wurden 3; 6; 19; 51; 73. 1. 22-28; 84; 103; 127; 130; 139. Dazu wurde früher Gelerntes wiederholt, denn angesetzt wird mit der Bibelkunde bereits in den Unterstufen, wo im Anschluß an die biblische Geschichte die zehn Gebote, die wichtigsten Sitten- und Festgesetze und eine Anzahl Psalmen erklärt und auswendig gelernt werden, nämlich in 3 Jahren 12 leichtere Psalmen, das ist in jedem Vierteljahr einer; Psalm 1, 15, 23, 91 (als Nachtgebet), 92, 95, 100, 113, 121, 124, 137, 146. Sie sehen also, daß eine Hauptrolle im Bibelunterricht die Psalmen spielen. Denn die religiöse Lehre ist zwar aus jedem Buche zu schöpfen, aber aus keinem in dem Umfange und der Stärke wie aus dem Psalter. Manche Bücher sind in der Harmonie religiöser Gedanken und Empfindungen auf einen Ton besonders gestimmt, aber alle Akkorde ertönen im Psalter Quod pectus in corpore, psalterium in Sancta Scriptura. Er ist das Herz oder, wenn man will, das Auge der Bibel. Fast jeder religiöse Gedanke, der überhaupt im biblischen Kreise liegt, findet hier den angemessensten Ausdruck. Die persönliche Erfahrung und Empfindung des Dichters giebt ihm Wärme und Tiefe. Weil er vereinzelt austritt, kann der Gedanke voll und rein austönen. Die poetische Form folgt seinem Schwünge und erhöht ihn. An den Psalmen zeigt sich vielleicht am hervorstechendsten das Wunderbare an der Bibel, daß sie jeder Lebensstufe die ihr zuträgliche Seelennahrung reicht. Sie sind das Manna, das nach der Sage Jedem wie seine Lieblingsspeise schmeckte. Was der Psalmist ursprünglich nur als sein individuelles Gefühl aussprach, darin haben unzählige Menschen den Widerhall ihres eigenen Herzens gehört, und zwar ertönt er hier so rein menschlich, daß das Kind wie der Gereifte, der Gelehrteste und der Ungelehrte gleichermaßen den vollen Ausdruck ihres Herzens finden. Wenn die Welt beten kann, so hat sie es von David gelernt. Die Psalmen ertönen noch heute in allen Kirchen, sie betet man in Anfechtung ' und Leiden, in Noth und Gefahr, zu Trost, Dank und Jubel. Wo daher die Unterrichtszeit die äußerste Beschränkung gebietet, da sind jedenfalls Psalmen zu erklären. Bei der Auswahl kommt zuerst die Mannigfaltigkeit der religiösen Gedanken in Betracht. Man wird sich daher nöthigenfalls begnügen, aus einer ganzen Klasse gleichartiger nur einen auszuwählen, z. B. von den zahlreichen Krankenpsalmen den sechsten, und zwar gerade diesen unter anderen auch, weil er im Gebetbuch steht. Denn auch dies ist ein wichtiger Gesichtspunkt der Auswahl, die Rolle, die ein Psalm in der Liturgie spielt. Und kein biblisches Buch ist so vielfach in unserem Gebetbuch verwandt wie der Psalter. Enthält es doch mehr als ein Drittel aller Psalmen. Israel hat nie das Beten nach Art der Bibel verlernt. Bei solchen Psalmen kann der Bibelunterricht mit dem Gebetübersetzen Hand in Hand gehen lind Eines sich auf das Andere beziehen. Denn das Gebetbuch ist das andere Hauptbuch des Religionsunterrichtes. Die Bibel ist das erste, das Gebetbuch das letzte Wort der Religion, die Bibel die Quelle, das Gebetbuch-das Sammelbecken. Wo der Religionsunterricht nicht, wie hier immer vorausgesetzt, ein dualistischer ist (Religiönsschule — allgemeine Schulen), sondern es nur die eine Religionsschule mit beschränkter Unterrichtszeit giebt, da ergiebt sich von selbst die organische Verbindung beider Fächer. Es kommt ferner bei der Auswahl in Betracht die leichte Verständlichkeit des Ausdrucks, der Umfang des Psalms ii. o. Man wird die Motive der Auswahl am besten erkennen, wenn ich die Psalmen nenne, welche ich für eine Erklärung im Unterricht am geeignetsten halte, es sind folgende 50: 1. 3. 6. 8. 15. 16. 19. 20. 23, 24, 27, 29,33, 34, 36 (halb). 37, 42-43, 50, 51. 63. 73. 21 (22-28); 84, 90, 91, 92, 93, 95, 98, 100, 101, 103, 104, 113, 114, 115, 116, 118, 121, 124, 126, 128, 129, 130, 137, 139, 145, 146, 148, 150. Nicht alle können mit gleicher Ausführlichkeit behandelt werden, einige wird man mit wenigen Bemerkungen erledigen, besonders solche, die nur ihrer liturgischen Bedeutung wegen gelesen werden, deren Gedankengehalt aber bereits durch andere vertreten ist.- Ich hätte, wenn ich methodisch-erschöpfend sein wollte, nunmehr über die Unterrichtsbehandlung zu sprechen und sie an einer Lehrprobe zu erläutern. Aber für das Letztere brauchte ich Schulkinder, und das Erstere brauche ich nicht vor Schulmännern. Endlich wollte ich in diesem Vortrag überhaupt nicht nach irgend einer Seite hin erschöpfend sein. Die Ausführung einzelner hier nur angeschlagenen Themen hätte noch zu erfolgen.- Einen Weckruf wollte ich ausstoßen, den Weckruf, uns um das zu schaaren, was durch alle Stürme der Jahrhunderte unser Panier gewesen ist: um die Thora, um die Bibel. Unsere Bibel muß wieder unsere Bibel werden in Wissenschaft und Unterricht. „Es möge das Buch dieser Lehre nicht weichen aus deinem Munde. Forsche darin Tag und Nacht. Thue alles, was darin geschrieben steht. Dann wirst du die wahre Weisheit und das wahre Glück finden." Zacharias Frankel in Berlin. Bon Dr. S. Bernfeld. X. f er Vorstand der Berliner Gemeinde ermangelte nicht, dem von Seiten des erwählten Oberrabbiners in ihn gesetzten Vertrauen zu entsprechen, da durch die Ungewißheit die ganze Gemeinde in Spannung gehalten wurde. Auch die Regierung stand der Wahl Frankels überaus freundlich gegenüber. Am 18. Dezember schrieb Frankel an Muhr: „Ihr liebes Schreiben vom vorigen Mittwoch konnte ich bis jetzt noch nicht beantworten, da das Schreiben vom Vorstand, auf welches Sie hinwiesen, erst heute eingegangen ist. Nun vor allem meinen Dank für Ihren freundlichen Gruß, für die Versicherung Ihrer Freundschaft, die nie aüfhören wird, wie ich auch Ihnen in Liebe und Treue zugethan bin. — Und nun ein Wort nur über das amtliche Schreiben des Vorstandes: ich bin zufriedengestellt! Alle Bedenklichkeit, alle sonstigen Grübeleien pnb JVK*! Storni DW ^21 *), will ich verlernen; ich fühle es, es winkt mir ein hoher Beruf, und ich will mich stärken, ihm *) „Oder wie fie sonst heißen mögen" (die in Ehescheidungen bei Schreibung der Namen übliche Formel).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.