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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-11 · Heft 45 (11.11.1898) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
Seite 535 (sequence 7)
Language
German
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535 und Pflichten des Menschen, und gewinnen wir mustergiltige Vorbilder für soziale Beziehungen. Wenn wir nun zur praktischen Durchführung, zur Stoffvertheilung und Unterrichtsbehandlung schreiten, dann kommen in erster Reihe schultechnische Rücksichten, der Schul- und Klaffenorganismus, in Betracht. Das Ideal der Bibelkunde wäre gründliche Kenntniß der ganzen Bibel im Original, womit der Eingang zu dem gesammten übrigen Schriftthum eröffnet ist, zu dem ja die Bibel der Text ist. Im,Original. Den» wenn irgendwo, so ist bei der Bibel jede Uebersetzung nur eine Krücke. Ihren eigentlichen Geist hört man nur in der hebräischen Sprache wehen, die mit Recht die Sprache für Heiliges heißt, da in ihr die wahre Religion ihre erste und allein adäquate Ausprägung bekommen hat. Der Unterricht in der hebräischen Bibel ist für mich die Krone jedes Religionsunterrichts, und ihn muß jeder Lehrer erstreben, der für ein Ganzes wirken nnd leben will. Den Anfang dazu haben wir ja in dem überall üblichen Pentatenchübersetzen, aber dies ist nur ein dürftiger Anfang. Es müßte jedem Religionsschulsystem ein Oberstock aufgesetzt werden, in welchem auf Grund einer eingehenden Kenntniß der hebräischen Sprache eine Einführung in die originalen Quellen unserer Religion erfolgt, derart, daß der Bibelunterricht die Grundlage und der Brennpunkt ist. Diese Stufe soll keineswegs eine Präparandie für die Rabbinerseminarien und das theologische Fachstlldium sein. Ja, ich bedauere es eher, als daß ich es fördere, wenn die Schüler meiner Oberstufe Rabbiner werden, denn ich sage: daß solche Hebräisch lernen, Bibel u. s. w. studiren, darum brauchen wir nicht zu sorgen. Aber sehr wichtig, ja eine Lebensfrage für das Judenthum ist es, daß wir Laien erziehen, die vertraut sind mit den Quellen unserer Religion und im Stande, aus ihnen selbstständige Ueberzeugungen zu schöpfen. Die gegenwärtigen, auf jede Weise zu fördernden Bestrebungen, daß alle jüdischen Kinder Religionsunterricht erhalten, sind erst ein Theil deffen, was uns Roth thut. 'Man denkt immer nur an den Elementarunterricht und die Lehrer dafür, aber man scheint zu vergessen, wie dringend zugleich ein höherer Unterricht für eine Gesammtheit ist. Es ist gewiß rühmlich, wenn es in einem Volke keine Analphabeten giebt, sondern Jeder lesen und schreiben kann, aber ist es rühmlich, wenn Niemand mehr kann als Lesen und Schreiben? So wie für de» profanen Unterricht überall neben der Volksschule das Gymnasium steht, welches die künftigen Führer der Nation erzieht, so muß neben dem elementaren Religionsunterricht, der gewiffermaßen nur Lesen und Schreiben lehrt, die höhere Stufe vorhanden sein, in welcher die künftigen nichttheologischen Führer unseres Stammes und Leiter unserer Gemeinden gebildet werden, unsere Elite, welche, der Natur unserer R e l i g i o n s gemeinschaft entsprechend, eine r e l i g i ö s - gebildete Elite sein muß. Erlauben Sie mir, Ihnen eine Beobachtung zur Erwägung zu stellen. Als in den dreißiger und vierziger Jahren unter dem Einfluß der historischen Schule in Deutschland eine Wissenschaft des Judenthums entstand, da erwartete man von ihr eine Wiederbelebung unseres geistigen und religiösen Lebens. Sie trat auch ein und hielt einige Jahrzehnte an. Wie kommt es denn nun, daß heute, wo doch diese Wiffenschaft sowohl methodischer als vielseitiger, mehr ex professo betrieben wird, wo ihr mehrere Anstalten ausschließlich geweiht sind, wo ihr mehr Arbeitskräfte und materielle Mittel zu Gebote stehen, daß sie, sage ich, trotzdem fast ohne jeden Einfluß auf unsere Glaubensgemeinschaft ist, daß sie lediglich eine Beschäftigung von Gelehrten für Gelehrte ist, daß sie fast nichts zur Belebung unseres darnicderliegenden religiösen Lebens beiträgt? Einmal ist der Grund der, daß diese Wiffenschaft fast ausschließlich historisch, antiquarisch ist. Das Historische wird nie auf die Dauer Leben erzeugen. Sodann aber, weil ihr das Publikum fehlt. Dieses Publikum mit allgemeiner religiöser Bildung hatte sie früher. Das war ein Laienpublikum, das in der Jugend eine gründliche Bildung in den Quellen, in Bibel, Kommentaren und Talmud genoffen hatte und mit Jntereffe und Sachkunde den Verhandlungen der Wiffenschaft folgte. Man kann beobachten, wie sogar die Form der Darstellung durch die Rücksicht auf dieses Publikum bestimmt wurde. Es war ein Publikum, wie das aus dem humanistischen Gymnasium hervorgegangene, das seinen Homer und Horaz durch das ganze Leben lieb behielt. Es waren Männer der verschiedensten Berufe, akademische Lehrer, Schriftsteller, Aerzte. Anwälte, Kaufleute, aber in einem Winkel ihres Herzens bewahrten sie durch das ganze Leben die Jugendliebe zum religiösen Schriflthum, und sie waren in vollem Maße befugt, bei der Neu-' gestaltung religiöser Verhältnisse bestimmend mitzuwirken. Vielleicht keine Gemeinde hat so viele Männer dieser Art gehabt wie — die Herkunft ihrer Bestandtheile macht es erklärlich — die Berliner, und ich glaube, es ließe sich ein sehr erheblicher Antheil an der Totalität des geistigen Berlin aus dieser Quelle Nachweisen. Solche Männer müssen wir wieder erziehen! Mag immerhin im späteren Leben vieles, ja alles vergessen werden, der N'N. der Duft der Thora, schwindet nie wieder und giebt der geistigen Persönlichkeit ein durch nichts zu verwischendes Aroma. Aber Voraussetzung dafür ist durchaus die hebräische Sprache, die Bibel und eine Oberstufe mit diesem Unterricht. Sie kann nicht obligatorisch sein, sie ist nur für die Erlesenen, wie ja auch das Gymnasium nur ein Prozentsatz aller Schulkinder besucht. Aber überhaupt Unterricht in der Bibel muß eine Disziplin auch des elementarsten Religionsunterrichts sein. Er muß also vor den Abschluß der normalen Schulzeit fallen, da? ist in die Tertia und Untersekunda des Gymnasiums und alle diesen Klassen entsprechenden Stufen. Hier aber müffen wir nothgedrungen mit einer Bibelübersetzung arbeite», denn so warm ich für den Unterricht im Original eintrete, die Zusammensetzung der Klaffe wird ihn selten zulassen, besonders wo ein organischer Zusammenhang mit der Religionsschule und deren hebräischem Unterricht fehlt. Es würde sich also sofort die Frage nach einer Schulbibel erheben. Mir hat sich die Auerbach'sche Schul- und Hausbibel als vortrefflich bewährt, aber sie ist vor allen Dingen viel zu theuer (5 Mark). Es wäre zu erwägen, ob nicht eine billige neue Schulbibel herzustellen wäre auf Grund der besten exegetischen Arbeiten, der ein Supplement beizugeben wäre nach Art der helps to the study of the Bible in tlie Teadiers Bible. Es wäre ein schönes Unternehmen gerade für diese geschätzte wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner. Für die Gemeinde aber ist weniger als für die christliche Gemeinde eine kahle Bibelübersetzung als ein Bibelwerk nöthig, wenn erst die Bibel in weit umfaffenderem Maße, als es bisher (durch die Predigt) geschieht, ein Mittel der Gemeindebelehrung wird. Von den zwei wöchentlichen Stunden, die ich an allen allgemeinen Schulen für den Religionsunterricht habe, bestimme ich in den Mittelstufen die eine durchweg für die Geschichte (nachbiblische und Wiederholung der biblischen), die andere durchweg für die Bibelkunde. Ich habe also 40 Stunden, wovon ein Vierteljahr für die Wiederholung des Ritus abgeht, der zuerst in der Unterstufe unterrichtet wird, also drei Jahre zu 30 Stunden. Von selbst ergiebt sich die Dreitheilung: Erstes Jahr: Pentateuch (d. h. die Gesetzgebung des Pentateuch),- zweites Jahr: Propheten, drittes Jahr: Hagiographen. Natürlich ist eine strenge Auswahl zu treffe», wie andererseits die schönsten und wichtigsten Stücke unbedingt auswendig zu

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