Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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534 lichen Schäden leiden wie die Gesammtheit, daß aber einzelne besonders schwer auf ihnen lasten. Der Großhandel verdrängt den Kleinhandel, die Lehrlingszüchterei schädigt die kaufmännischen Angestellten. Es giVt, den Mittelstand zu erhalten. Das ist nur möglich, wenn Handwerkschaft und Gewerbe mehr gepflegt werden. Schon die Kinder müssen dazu erzogen werden. Die ganze Verhandlung wurde als Besprechung des im April dieses Jahres vom Oberrath Regierungsrath Dr. Mayer versendeten Memorandums, das wir ein anderes Mal mittheilen werden, geführt und hatte das Resultat, daß ein zumeist aus Karlsruher Herren bestehendes Komitee ernannt wurde, welchem es obliegt, die Gründung einer Gartenbauschule vorzubereiten, die zugleich durch Handfertigkeitsunterricht die Heranbildung von Handwerkern erleichtert, als Lehrlingsheim dient und den Besuch von Werkmeisterschulen ermöglicht. Der Schluß dieser Besprechung war durch eine Trauerkunde getrübt worden, die die Schlußsitzung und den Abschluß der zweiten Tagung umflorte. Herr Oberrath Bensheim, Vorsteher der Gemeinde Mannheim, war in der Nacht vorher einem Leiden erlegen, das ihn vierzehn Tage zuvor in Gailingen, nach der Einweihung des Friedrichsheims, befallen hatte. Er sollte nicht mehr der Freude theilhaft werden, allseitig gebilligt zu sehen, was er als zuerst in Angriff zu Nehmendes aus den Vorschlägen des Herrn Regierungsrathes Dr. Mayer bezeichnet hatte. In den Synodalausschuß wurden durch Akklamation gewählt die Herren: B. Dukas-Freiburg, Stadtrath Homburger, Dr. Friedberg- Karlsruhe, Dr. Rawicz - Offenburg. Ersatzmänner wurden: Halle- Hockenheim, Morse-Bruchsal, Dreyfuß - Offenburg, Dr. Hachenburg- Mannheim. Dem Präsidenten dankte Stockheim-Mannheim. Der Präsident betonte in seiner Schlußrede, daß die Synode hinwirke auf das Eintreten für die Gesammtheit, unter Wahrung unseres Eigenwesens. Er spricht dem Oberrath Anerkennung aus für die Leitung der Geschäfte überhaupt und die Vorbereitung der Vorlagen im Besonderen. Herr Regierungsrath Dr. Mayer schließt die Synode, gedenkt des dahingeschiedenen Oberrathes Bensheim, der ein Vorbild des Wirkens für das Gemeinwohl bleibe. Die Synode habe einträchtig und versöhnlich, fleißig und gründlich gearbeitet. Wohl lebt nicht vom Brode allein der Mensch, doch bedarf er der Kräftigung der materiellen Existenz, um frei und voll zu wirken. Das Verbessern der äußeren Organisation ist nur die Vorarbeit, daß für das Seelenleben der Einzelnen und das religiöse Leben der Gemeinden Ersprießliches geleistet werde. Dazu soll das Zusammenwirken des Oberrathes und der Synode führen, daß Streben nach Klarheit und Wahrheit gemehrt werde in Liebe und Duldsamkeit. Nach einem kurzen Gebet des Konferenzrabbiners Dr. Sondheimer schließt der Präsident mit einem Hoch auf Großherzog Friedrich die Synode. Ein beabsichtigtes Festessen unterblieb. — Eine Abordnung der Synode wird der Bestattung des Oberrathes Bensheim in Mannheim beiwohnen. — So gingen die Synodalen von einander, erfüllt von der Erkenntniß: Der Mensch vergeht, aber was gewirkt wird für das Ganze, das besteht und wird zum Segen. Und an ihrem Theile hat die zweite badische Synode Gutes gewirkt und Segen bereitet. A. D. Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht. Vortrag, gehalten in der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin von Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttingen. (Schluß.) ^lso nehmen wir die Bibel zur Hand und unterweisen die Jugend inBibelkunde, worunter ich nicht dasDrum und Dran der biblischen Bücher, Titel, Litterarisches und dergleichen verstehe, sondern, wie das Wort besagt, Kenntniß der Bibel, d. h. ihres Inhaltes. Anstatt mit Gott und seinen Eigenschaften zu beginnen und dann erst fortziischrciten zu seinen Bezeugungen, deren eine eben die Bibel ist, setzen wir Gott ohne Weiteres als eine Thatsache des Bewußtseins, als eine Anssage des Gefühls, als eine Versicherung des Herzens und reinigen und verfeinern, stärken und bereichern sie, indem wir die Seele des Kindes in das Gotteswort versenken und nicht blos davon streifest lassen. An die Stelle blasser Abstraktionen, trockener Definitionen setzen wir die lebendige Anschauung einer religiösen Idee in einer bestimmten individuellen Färbung. Die religiöse Idee wird dann zwar nicht so aufdringlich in das Gemüth eingeführt, aber sie haftet um so bleibender wegen der Anschaulichkeit, die sie an der konkreten Darstellung erhält, und wegen der begleitenden Umstände, mit denen sie in das Gedächtniß einzog, z. B. sprachliche, ästhetische, persönliche Bemerkungen. Dies würde für die pädagogische Rechtfertigung des Bibelnnterrichts genügen, aber es seien auch die untergeordneten Gründe nicht ganz übergangen. Die Entwickelung des Volksunterrichts und die christliche Predigt haben es ergeben, daß die Bibel noch immer ein wichtiges Ferment der allgemeinen Bildung ist, und nächst dem englischen bei keinem Volke so sehr wie bei dem deutschen. Es lädt zu einer sprachlichen Untersuchung ein, die, umfassend genug und historisch geführt, interessant werden müßte: wie die deutsche Sprache mit biblischem, israelitischem Geiste durchtränkt ist. Dies Argument von der allgemeinen Bildung ist an sich schwach, wenn auch agitatorisch wirksam. Denn wenn Bibelkunde zur Legitimation eines Gebildeten gehörte, wie etwa Kenntniß der neueren Litteraiur, dann würde ihr Studium uilter uns sicherlich, einen Aufschwung nehmen. Höher steht die Korrektur und Vertiefung des ästhetischen Urtheils gegenüber der alleinherrschenden klassischen Bildung. Der Zweck des humanistischen Unterrichts ist: in der abgeschlossenen griechisch-römischen Kultur ein Vorbild und das maßgebende Element unserer eigenen nachzuweisen. Es läßt sich aber noch streiten, ob der Einfluß des israelitischen Genius bei der modernen Kultur nicht ein größerer sei. Denn das klassische Alterthum hat ihn immer nur auf die oberen Zehntausend geübt und ist für ihre Litteralur bestimmend gewesen. Aber bei den unteren Hunderttansenden des Volkes hat die Bibel tiefere, nachhaltigere Spuren hinterlassen als die gesammte griechisch-römische Kultur. Abraham, Moses, David sind noch immer bekanntere Gestalten als Achill, Solon, Cäsar. Wie ganz anders bewegen selbst die Gebildeten die Forschungen über die Bibel als einst die über Homer, obgleich sie denselben Gang nehmen und denselben litterarischen Charakter haben. Ebenso sind die Formen der klassischen Kultur, z. B. die litterarischen, nicht die allein gütigen. Eine Jugend, die die Bibel nicht kennt — denn unter Erwachsenen, die sich mehr umgesehen, kann hierüber kein Zweifel sein —, wird leicht verführt, alles »ach den klassischen Normen zu messen und alles Abweichende, z. B. die eigenthümlichen poetischen Formen der Bibel, für barbarisch zu halten. Es muß ihr gezeigt werden, daß die Bibel ihr eigenes Leben, ihre eigenen Gesetze des Ausdrucks und der Darstellung hat, die ihren singulären Werth bewahren, entsprechend der singulären Natur des israelitischen Genius, der sie geboren. Aber auch dies: Verständniß und Würdigung des israelitischen Genius, ist noch von untergeordnetem Werth gegenüber dem wahren Zweck, den wir bei der unmittelbaren Unterweisung in dem göttlichen Wort verfolgen: daß wir vertraut, verwandt und eins werden mit dem Göttlichen und»Ewigen, wie es sich im Israelitischen offenbart Hot, daß wir an dieser Offenbarung lernen alle Dinge im Lichte Gottes, sud §pecie aetemitatis, zu sehen, daß wir von hier die Bestimmungen für ben zu heiligenden Willen nehmen. Aus der Bibel stellen wir die Regeln zu einem Kanon zusammen, nach dem wir die Welt und unsere Stellung in ihr beurtheilen. Aus den Propheten lernen wir das Volksleben nach sittlichen Ideen messen, aus der Bibel studiren wir am besten die sittlichen Probleme, die Neigungen