Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
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530 Es wurden geboren Kinder aus jüdischen Ehen, Kinder aus Mischehen zur Hälfte gerechnet und uneheliche Kinder jüdischer Mütter: 1875 . . . 11 216 1880 . . . 10 911 1885 . . . 9 949 1890 . . . 8 835 1894 . . . 8 638. Selbst wenn wir die Verminderung durch Taufen, die auch in jedem Jahre steigen dürfte, ziemlich geringfügig annehmen, so ist bei ‘ dieser rapiden Verminderung der Geburtenziffern ein starker Rückgang der schulpflichtigen Kinderzahl selbstverständlich. Für die Zählung im Jahre 1886 kamen im Wesentlichen die Jahrgänge 1871—79 in Betracht, für die zweite 1891 die Jahrgänge 1876—84, für die dritte im Jahre 1896 die Jahrgänge 1880—89, und wenn wir die obigen Ziffern vergleichen, so können wir uns über diesen Rückgang nicht mehr wundern, vielmehr müssen wir uns auf einen weiteren, nicht minder starken, fük die nächste Zählung gefaßt machen. Noch ein Weiteres ergiebt sich aber aus der ersten Tabelle. Es ist bekannt, daß die Juden fortdauernd in die größeren Städte ziehen, wo die höheren Bildnngsanstalten, Gymnasien rc. und höhere Mädchenschulen, verhältnißmäßig viel geringere Opfer von den Eltern erfordern, als wenn diese noch in einer kleinen Stadt ohne höhere Schule wohnen würden und ihre Kinder im gegebenen Fall in Pension weggeben müßten. Man sollte also annehmen, daß die Zahl der jüdischen Schüler in diesen höheren Unterrichtsanstalten hätte namhaft steigen müssen. Das ist nicht der Fall, und die Erklärung dafür kann in zwei Faktoren gefunden werden. Entweder ist die Wohlhabenheit der jüdischen Familien zurückgegangen, so daß sie trotz des Wohnsitzes am Platze der höheren Schulen nicht in der Lage sind, die Opfer zu bringen, welche ein Unterricht ihrer Kinder in diesen Anstalten erheischt, oder die Werthschätzung der höheren Bildung bei den Juden ist zurückgegangen, und die jüdischen Eltern bringen hren Kindern nicht mehr die gleichen Opfer wie früher. Wir glauben, daß beide Faktoren Zusammenwirken, besonders aber der erste von großer Bedeutung ist, wie ja auch die Berufsstatistik ähnliche Resultate bei den Juden ergeben hat, z. B. ein mächtiges Anschwellen der weiblichen Berufsthätigen. Jedenfalls steht fest, daß der Prozentsatz der Juden in den höheren Schulen zurückgeht, weil ihre absolute Ziffer konstant bleibt, während die der anderen Konfessionen ständig steigt. In nicht allzu langer Zeit wird sich dies auch in der Zusammensetzung einzelner Berufe, z. B. des Aerztestandes, der Rechtsanwälte rc., zu denen die Juden einen verhältnißmäßig hohen Prozentsatz stellen, geltend machen. Man wird übrigens nicht umhin können, in allen diese» Erscheinungen ein Symptom der fortschreitenden Assimilation zu sehen, die auch jüdische Vorzüge, wie das stärkere Bildungsbedürfniß der Juden und die größere Opferwilligkeit der. Eltern für ihre Kinder, naturgemäß nach und nach abschwächen muß. Die Assimilation geht eben ihren Gang; ob uns ihre Resultate angenehm sind oder nicht, wir können sie nicht mehr aufhalten. Pit Woche Berlin, 8. November. ie unsere Leser schon aus den Tagesblättern wissen, hat der Kaiser während seiner Anwesenheit in Jerusalem eine jüdische Deputation empfangen, welche ein Album mit Ansichten der in Palästina errichteten israelitischen Kolonien überreichte. Auf eine Ansprache des Führers dieser Deputation ererwiederte der Kaiser, daß „alle diejenigen Bestrebungen auf sein wohlwollendes Interesse zählen könnten, welche auf eine Hebung der Landwirthschaft in Palästina zum Besten der Wohlfahrt des türkischen Reiches und unter voller Respektirung der Souveränität des Sultans abzielten". Wir brauchen wohl nicht erst besonders hervorzuheben, von welcher tiefen Bedeutung diese kaiserlichen Worte sind. „An einem Kaiserwort soll man nicht drehen und deuteln." Aber hier liegt der Sinn offen und klar zu Tage. Es liegt in der kaiserlichen Antwort eine erfreuliche Ermuthigung für die Kolonisationsbestrebungen in Palästina, die wir stets mit warmer Sympathie begleitet haben. Es liegt aber auch eine so entschiedene Abweisung des politischen Zionismus darin, daß dieser, wäre er vernünftigen Gründen zugänglich, schon jetzt die Hoffnung auf eine jemalige Erfüllung seiner Träume aufgeben müßte. Und doch, welche Hoffnungen hatten diese Phantasten auf die Kaiserreise nach Palästina gesetzt! Das war ja das „Geheimniß", ans das seit Wochen in allen Blättern und Versammlungen bedeutungsvoll wie auf die endgiltige Lösung der Palästinafrage hingewiesen wurde. Nun sind auch diese Träume zu Wasser geworden, und man darf gespannt sein ans das, was jetzt folgen wird. Klar und deutlich hat der deutsche Kaiser es auf dem Boden des heiligen Landes ausgesprochen, daß nur diejenigen Bestrebungen auf sein Wohlwollen zählen dürfen, die der Wohlfahrt des türkischen Reiches, d. h. nicht etwa eines jüdischen Staates, dienen, und die die volle Souveränität des Sultans respektiren, d. h. die nicht an einen Halbsouveränen Vasallenstaat denken. * Die Landtagswahlcn sind nun vorüber, und die politischen Blätter ergehen sich in mehr oder minder weisen Betrachtungen über die Erfolge oder Mißerfolge der verschiedenen Parteien. Wir haben bereits in der vorigen Nummer das Fazit dessen gezogen, was wir aus diesen Wahlen gewonnen haben und lernen können. Das wichtigste Ergebniß ist die unbestrittene Thatsache, daß in Berlin wie in Posen Juden gegen die Kandidatur eines Glaubensgenossen aufgetreten siud, und zwar nicht etwa aus politischen Gründen, da dieser streng auf dem Boden ihrer Partei stand, sondern gerade als Juden. In Berlin haben zwei Wahlmänner sich speziell als Juden gegen die Kandidatur des Justizraths Friedemann ausgesprochen und dabei das Ammenmärchen von einer „konfessionellen Kandidatur" vorgebracht. Einer von diesen hat noch im Besonderen gegen diese Kandidatur den Einwurf erhoben, daß sie in einem konfessionelle» Verein zuerst aufs Tapet gebracht wurde, der ein Komitee eingesetzt habe, das aus drei Rabbinern bestände. Man weiß wirklich nicht, was man zu solchen Verdrehungen der Thatsachen und zu derartigen Unrichtigkeiten sagen soll. Noch schlimmer ging cs in Posen her. Dort haben Juden, die vom Judenthum absolut nichts mehr halten, im Namen dieses Juden thums gegen den Kandidaten Dr. Lewinski gestimmt, für den inert würdigerweise gerade die orthodoxen Juden eingetreten sind. Und die „Freisinnige Zeitung" stellt ihnen dafür das folgende günstig-. Zeugniß aus: „Ein glänzendes Beispiel für politische Ueberzeugungstreue haben die Juden gegeben. Sie ließen sich nicht in ihrem politischen Standpunkt beirren durch die Vorstellung, daß Lewinski ihr Glaubensgenosse sei. Gerade in den von zahlreichen Juden bewohnten Stadtgegenden sind ganz verschwindend Stimmen für Lewinski abgegeben worden: beispielsweise in der Judenstraße nur 3, am ganzcn Markt ca. 10-12 Stimmen." Hoffentlich wird die freisinnige Volkspartei dieses Eintreten der Juden für dieselbe in Erinnerung behalten und mit aller Entschieden-