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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-04 · Heft 44 (4.11.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 44. ffigg Lertin, 4. November 1898 zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 1. November. Wie die Blätter berichten, sind in der letzten Zeit städtische Bolksschullehrerinnen, welche mit Genehmigung der Regierung als ordentliche Lehrerinnen angestellt waren, und die in ihrer ganzen Dienstzeit sich nie etwas hatten zu Schulden kommen lassen, auf Anweisung der Regierung durch den Kreisschulinspektor des betreffenden Schulkreises vom Ordinariat ihrer Klasse enthoben worden mit der ausdrücklichen Motivirung, daß für die Maßregel kein anderer Grund vorliege, als daß die Lehrerinnen jüdischer Religion sind. In einem Falle ist eine Lehrerin davon betroffen, die seit 1876 ununterbrochen im Ordinariat gewesen war. Wie die Regierung, sagt die „Lib. Korr.", sich die Fortsetzung der Lehrthätigkeit dieser Lehrerinnen nach einer derartig beschämenden Maßregel denkt, ist bis jetzt unklar. Jedenfalls wird sich zunächst der Berliner Magistrat darüber zu äußern haben, denn die Stadtverordneten Dr. Preuß, Kreitling, Dinse, Drenske, Deter, Karl Goldschmidt I, Riemer, Weiß, Kalisch, Witkowski, Dr. Paul, Rosenow, Frick und Jaequet haben in der Stadtverordnetenversammlung folgenden Antrag eingebracht: Die Versammlung wolle an den Magistrat folgende Anfrage richten: „Seit dem 24. Oktober sind die Rektoren mehrerer hiesigen Gemeindeschulen von den Schulinspektoren angewiesen worden, einigen Lehrerinnen das Ordinariat, das sie seit 22, 19 und 16 Jahren vorwurfsfrei führen, abzunehmen und sie nicht mehr als Klaffenlehrerinnen zu beschäftigen, weil diese Lehrerinnen jüdischen Glaubens sind, und sich in ihren Klassen keine genügende Zahl von Kindern desselben Bekenntnisses befindet: 1. Ist dem Magistrat bekannt, auf wessen Anordnung die Schulinspektoren gehandelt haben? 2. Stehen weitere ähnliche Maßregeln in Aussicht? 3. Billigt der Magistrat dieses Vorgehen? oder: 4. Was will der Magistrat thun, um jene Maßregeln rückgängig zu machen, oder, falls er dazu nicht die Macht hat, wie will er diesen Lehrerinnen eine weitere ersprießliche Wirksamkeit und ein mit ihrer persönlichen Würde vereinbares Ausharren im städtischen Schuldienst ermöglichen?" £2 Berlin, 30. Oktober. Das Büreau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat an die Leiter der jüdischen Lehrerseminare in Deutschland das nachfolgende Rundschreiben gerichtet: Der I. Israelitische Berbandstag, der am 17. Oktober dieses Jahres in Berlin tagte und von 13 Landesprovinzial-und Bezirksverbänden sowie verschiedenen staatlichen Behörden für jüdische Angelegenheiten beschickt war, hat folgende Beschlüsse gefaßt, die die verehrlichen Lehrerbildungsanstalten interessiren, und die wir deshalb ihrem wohllöblichen Institute zur gütigen Beachtung, Berathung und Beschlußfassung ergebenst mittheilen.! Erstens: Der Berbandstag beschließt, den Verbänden zu empfehlen, daß in mittleren und kleineren Gemeinden solche Lehrer angestellt werden, welche befähigt sind, Predigten zu halten. Da zweifellos in nächster Zeit die Verbände auf die Ausführung dieses Beschlusses bedacht sein werden, so würde es wohl rathsam sein, bei der Ausbildung jüdischer Lehrer in Zukunft das homiletische Moment zu berücksichtigen. Zweitens: Der Berbandstag hält es für wünschenswerth, daß im Anschluß an die bei einzelnen Lehrerseminaren bestehenden Einrichtungen zur Ausbildung von Kantoren ein Nachkursus zur Vervollständigung der Ausbildung von solchen Kantoren, die sich für größere Gemeinden eignen, eingerichtet werde. Betreffs der näheren Begründung dieses letzteren Beschlusses müssen wir auf den demnächst erscheinenden stenographischen Bericht verweisen. Der Berbandstag war der Ansicht, daß eine solche Einrichtung ein dringendes Erforderniß gerade für die größeren Gemeinden fei, die jetzt so vielfach zu Opfern für ihre kleineren Schwestergemeinden herangezogen werden. Andererseits liegt es im Interesse solcher Lehrer, die besondere musikalische und stimmliche Begabung besitzen, eine ausreichende Ergänzung ihrer kantoralen Ausbildung von berufener Seite innerhalb der jüdischen Lehrerbildungsanstalten selbst zu erhalten. Wir würden einer verehrlichen Anstalt außerordentlich dankbar fein, wenn sie uns freundlichst das Ergebniß ihrer über diesen Punkt gepflogenen Berathungen mittheilen wollte. Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, (gez.) Philippfon. 8. Berlin, 30. Oktober. In der jüngsterbauten Synagoge in der Lützowstraße fand heute die erste Einsegnungsfeier statt. Die Synagoge war dicht gefüllt, das linke Seitenschiff und ein Theil der Emporen wurde von den Schülern und Schülerinnen der III. Religionsschule eingenommen, die unter Leitung ihrer Lehrer zu dieser Feier erschienen waren. Herr Rabbiner Dr. Weisse leitete die heilige Handlung, zu der fünf Mädchen zugelafsen waren. Nach dem Einleitungsgesange des Chors („Dies ist mein Bund mit ihnen, so spricht Gott" (Jesaias) und „Es keimt, von Gottes Hand gesät, die Saat in tiefem Grunde") ergriff Dr. Weisse das Wort zu einer zu Herzen gehenden Predigt, die gerade in ihrer Schlichtheit besonders auf das Gemüth der jungen Schaar wirkte. Er ging davon aus, daß die Weihegedanken der jüngst beendeten Festeszeit in der heutigen Feier eine Fortsetzung erhalten, um das Gelöbniß und das Gebet junger Herzen mit anzuhören. Innig bewegt und aufs Froheste erfüllt seien alle Herzen, da Israel einen neuen Zuwachs empfange. Innig bewegt sei auch er, da es ihm zum dritten Male vergönnt sei, aus der Schule, die mit bangem Zagen in diesem Stadttheil errichtet sei, wieder aufs Neue reife Früchte dem Leben zuführen zu können. Als Geleitwort gab er den Konfirmandinnen das Wort jenes Propheten, der in ernster und trüber Zeit gelebt, mit auf den Weg: „Liebe und Gerechtigkeit bewahret und hoffet auf den Herrn immerdar!" Sodann sprach eine der Konfirmandinnen ein längeres Gebet, das dem Dank der Kinderherzen für Gott und der Eltern Liebe, für der Lehrer Mühen um ihre Erziehung Ausdruck verlieh, während eine andere ein längeres Glaubensbekenntniß mit tiefer Empfindung ablegte. Nachdem darauf die Mädchen die von ihnen gewählten Sprüche verständnißvoll und mit Wärme vorgetragen hatten, folgte seitens des Predigers die eindringliche Mahnung an die Konfirmandinnen, im Leben das zu beweisen, was sie in dieser Stunde gesprochen hätten, die Worte nicht nur im Heiligthum, sondern auch in ihrem Herzen niederzulegen. Nach der Segenspende beendete ein Schlußgesang (Psalm 115) die harmonisch ausklingende Feier, die eine tiefe und nachhaltige Wirkung auf die zahlreichen Zuhörer hinterließ. 8. Berlin, 30. Oktober. Am Sonnabend den 5. November, Abends 81/2 Uhr, veranstaltet der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" in dieser Wahlperiode seine erste öffentliche Versammlung im Saale des Brüdervereins, Unter den Linden 4a, zu der besondere Einladungen an die Repräsentanten er-! gangen sind. Auf der Tagesordnung steht: „Die bevorstehende Wahl zur Repräsentantenversammlung". Das Referat hat der Vorsitzende des Vereins, Herr Rechtsanwalt Breslauer, übernommen. "Berlin,31. Oktober. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur sprach am Dienstag, den 26.d.M., Herr Rabbiner Dr.Rosenberg aus Thorn über Kohelet und Faust. Der Vortragende stellte interessante Vergleiche zwischen diesen beiden Dichtungen an, welche, obwohl zu verschiedenen Zeiten entstanden, doch in ihrer Grundtendenz völlig übereinstimmen. Das ungestüme Suchen nach Wahrheit, die endliche Zuflucht zum Unsichtbaren sei beiden Dichtungen eigen, ziehe sich wie ein rother Faden durch beide in ihrem Jdeengange einander auffallend ähnlichen Geisteswerke. Der in Form und Inhalt geistvolle Vortrag verfehlte nicht seine Wirkung auf die zahlreich erschienenen Zuhörer, welche dem Redner wohlverdienten Beifall zollten. An den Bortrag schloß sich eine kurze Diskussion, an der die Herren Dr. Heinrich Meyer Cohn und Dr. M. Schäfer sich betheiligten. £2 Berlin, 1. November. In den jüdischen Litteraturvereinen regt sich mit Beginn des Herbstes wieder neues, frisches, kräftiges Leben. Wie in früheren Jahren, so werden wir auch diesmal

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