Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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528 Der Krieger biß die Zähne zusammen, und seine Augen sprühten Wuth ob dem Mißlingen eines theuren PlaneS. „An jenem Abend", murmelte er bitter, „raubte ein Geier Edoms Hoffnung — und Reson ward gelähmt und gefangen." (Fortsetzung folgt.) Das Gehermniß. Historische Erzählung von A. Stern. IV. ier Tage später trat Wilibald in Jbn Wakars Eeniach, als dieser eben beschäftigt war, Bücher und Manuskripte in eine feste Kiste zu packen. In dem anderen Ende des Zimmers saß Marie (so hieß Jbn Wakars Pflegetochter) und nähte Eotdstiicke in einen Gürtel, wie ihn die jüdischen Glaubensgenoffen damaliger Zeit um den Leib zu tragen pflegten. „Ich komme, Abschied von Dir zu nehmen, alter Freund!" sagte Wilibald. „Der hohe Senat der Universität, bei dem ich längst nicht sonderlich angeschrieben war, hat mich relegirt, da er mich mit Gewalt für den Stifter des neulichen Tumultes hält. Binnen vierundzwanzig Stunden verlasse ich Prag und mein Vaterland." „Uns trifft ein gleiches Loos," erwiederte Jbn Wakar, „meine Mitbrüder im Glauben haben mich, einem Aussätzigen gleich, in den Bann gethau. Wie ein räudiger Hund werde ich geflohen und von der Synagoge heiligen Stufen mit Entsetzen weggestoßen." „Dir das? Dir, deffen Leben ein Wohlthun war? Und warum?" rief erstaunt Wilibald. „Ach, meinetwegen," seufzte Marie und strich die blonden Haare von den bethauten Wimpern zurück. „Mardochai Jaffe hat ihn bei der Gemeinde verklagt, daß er mich erzogen, unterrichtet, geliebt hat; diese hat es dem Prager Rathe angezeigt, und meinetwegen ist er verflucht, verdammt. Ich soll ihn meiden; ich kann nicht, will nicht. Ich verlasse ihn nicht, bis er einen sicheren Zufluchtsort gefunden hat, wo er seine Tage in Ruhe beschließen kann." „Alter, wir ziehen zusammen!" sagte Wilibald. „Nicht doch!" erwiederte er, „vergeßt nicht, daß es ungefähr gleichbedeutend ist. mit einem Juden oder mit einem Ketzer reisen. Ueberdies, wißt Ihr," fuhr er fort, „wißt Ihr, was es heißt, junger Herr, im Bann sein? Ueber mich ist der Bann gesprochen; wehe Dem, der mit mir weilt!" „Und Marie?" fragte Wilibald statt aller Antwort. „Ich will nach Spanien; dort wird sie in ein Kloster gehen, wenn mir auch da der Aufenthalt nicht gestattet wird." „In ein Kloster gehen," rief Marie, „nimmer!" „Marie!" sagte Wilibald und sah ihr fest und treu in die Augen; „wir bleiben bei ihm in Noth und Tod!" „In Noth und Tod!" erwiederte sie, tief gerührt. „Gott sei gelobt, der Euch sendete, ein fester, treuer Schutz!" „Wohl bedarf ich deffen nicht!" versetzte der Arzt. „Die Haare auf meinem Haupt sind gezählt wie die Stunden meines irdischen Daseins. Verlange ich denn etwas von den Menschen? Meine Rechnung ist abgeschlossen." „Du magst sagen, was Du willst, wir bleiben zusammen!" sagte der Jüngling. Aber Jbn Wakar schüttelt« mit dem Haupte und schwieg. „Du willst mir keinen Dank schuldig sein," fuhr Wilibald fort, „ich'aberDir. Nimm mich an zu Deinem Freunde, Deinem Schüler. Deinem Diener. Ich will Sorge tragen für Dich auf der Reise. Ihr bedürft einer kräftigen Hand, die Euch vor rohen Neckereien beschützt. Wir tauschen. Du giebst mir Weisheit und Ruhe, ich leihe Dir die Stärke meines Armes, meine an das Schwert gewöhnte Hand. Dein Weg geht nach Süden, der meinige in die weite Welt. Laß uns zusammen ziehen!" „O, laß uns, Vater!" flehte Marie. Nach kurzem Besinnen antwortete Jbn Wakar: „Es sei. Der Herr könnte mich rufen. Die schwache Rebe bedarf des starken Ulmbaums. Dir oder dem Kloster vertraue ich sie allein; am liebsten Dir, denn dem wahren Herrn werde ich sie wohl nicht überliefern können. Wir reisen in der Mitternachtsstunde des morgenden Tages. Bis dahin leb' wohl!" Als Wilibald wegging, begleitete ihn Marie bis an die Thür. „Morgen um Mitternacht!" sagte sie und faßte seine Hände, die sie herzlich an die Brust drückte. „Gott segne Euch! Ihr seid ein edler Mensch!" Von nie gekannten Gefühlen erfüllt, eilte Wilibald fort. Auf seinem Zimmer traf er eine Menge Studenten an. „Wir wollen Dich komitiren, Bruderherz!" rief der Böhmensenior. „Herzlichen Dank, liebe Freunde!" erwiederte Wilibald, „mein Weg ist einsam, ich betrete ihn in stiller Mitternacht." „Du bist ein absonderlicher Kerl," sagte derselbe Pole, der in der Neujahrsnacht so ungezügelt auf Marie losstürmte; „aber," fuhr er fort, „soll mich Gott strafen, der bravste Kerl, den ich je gesehen habe. Hör' einmal, so wunderlich mußt Du nun nicht sein; ich glaube, Kerl, Du bist verliebt." „Verliebt." entgegnete Wilibald. „warum nicht gar?" „Hör', Herr Bruder," versetzte der Pole, „die blonde yiavxwme ’Afhrjvi], die blauäugige Dirne da im Judenquartier hat Dir's angethan. Gesteh's nur!" Jetzt erkannte Wilibald erst plötzlich, daß nicht allein Jbn Wakars Wesen und Gelehrsamkeit der Magnet sei, der ihn so unwiderstehlich anziehe. Er schlug, von unbegreiflichen Gefühlen bestürmt, die Augen nieder und suchte verlegen nach einer Antwort, da fuhr ihm glücklicherweise ein anderer Student dazwischen mit der Frage „Aber sag' mir, zum Teufel, wozu haben Dich die alten Duckmäuser denn eigentlich geschickt?" „Weil die Hunde Mores haben," schimpfte der Pole, „daß wir ihnen über den Kopf wachsen. Straf' mich Gott, treff' ick den Magnificus einmal ohne seine zwölf Sperlinge, die Pedelle, an, ich will's ihm so einreiben, der Kerl soll noch daran denken!" „Nun, und warum haben sie es gethan," knirrschte ein Anderer, „weil er zu viel und zu öffentlich mit dem alten weisen Juden umging. Ich habe einmal mit einer hübschen, braunäugigen Rahel ein wenig sponsirt, da haben sie mich gleich ins Gebet genommen und vom Sündenfall im Fleisch, altem Adam und was dergleichen Erbaulichkeiten mehr waren, gesprochen. Ich hab's aber doch nicht gelassen. Daß ich ein Narr wäre!" „Ueber die Hunde!" knirrschte ein Senior; „mir ist vor Aerger der Hals ganz trocken geworden. Komm Wilibald, Du mußt noch einmal mit uns kommersiren bei Simon Kachel, daß es eine Lust ist; wir wollen den Kerlen zeigen, daß wir ihre weise Lehre: Nulla dies sine linea, weise zu vertiren wissen: Kein Tag ohne Strich!" „Du mußt mit!" riefen die Uebrigen. „In Gottes Namen!" erwiederte Wilibald. „Hoch Wilibald Bischer!" erklang eS bald darauf in der Weinstube des dicken Simon Kachel, daß die Fenster und Thüren klirrten, und dem ehrlichen Jungen traten mehr als einmal die Thränen in die Augen. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für di« Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.