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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-04 · Heft 44 (4.11.1898) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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-527 „Reson," murmelte die Fürstin fast fassungslos, „er — hier in Jerusalem? — Welch ein Geschick setzt ihn so schrecklicher Gefahr aus?" Die Thür öffnete sich wieder, und Reson stand vor der Fürstin — eine bleiche, wankende, entsetzliche Erscheinung! Die Fürstin wich instinktmäßig und mit lautem Schrei zurück. Dann gewann das Mitleid über den Schrecken die Oberhand. Sie stürzte herbei, und indem sie in das hohle Gesicht des Edomiters mit einem Ausdruck voll Liebe und Schmerz blickte, rief sie in klagenden Tönen: „Reson — und diese Gestalt? — Reson — Unglücklicher!" Die hohe Gestalt des Edomiters wankte, seine Stimme zitterte, als er antwortete: „So sieht mich Iva wieder — so ist Edoms Hoffnung vernichtet worden!" Der Unglückliche zeigte auf seinen rechten Arm. welcher bewegungslos herabhing und unordentlich verbunden war. Die Königin verstummte — der Schmerz verzerrte ihre schönen Züge — das Entsetzen sprach aus ihren Augen. Aber Reson begriff den Schmerz Jvas, er antwortete rasch und mit hohler Stimme: „Der Arm ist todt — wie Edoms Hoffnung. Verräther verwundeten mich und hielten mich gefangen. Siehe, diese Stadt — sie hat gräßlich Unglück über Edom. über mich und noch ein zartes Wesen gebracht. In mein Ohr drangen verwirrte Gerüchte — meine Seele ward wahnsinnig vor Zorn." Der Edomiter, von mächtiger Leidenschaft gerüttelt, verstummte. Aber bald löste sich der Sturm seines Innern wieder in Worte auf, während Iva noch immer schwieg. „Verflucht sei die Stadt!" rief der Edomiter mit heiserer Stimme. „Verflucht sei das Volk, das sie baute! Siehe, gewaltsam ist dies Volk ehemals in diese Fluren eingedrungen und hat Millionen friedlicher Menschen seinem Gott geopfert! Aber Mutter Isis hört unsere Klagen! Mutter Isis ist mild, ist voll Liebe und wird ihre gepeinigten Kinder rächen! —" Der Edomiter wankte erschöpft auf einen der Divane hin und schloß die Augen. Iva hatte nur Bewußtsein für das in diesem Augenblick Nothwendigste. Ein Schlag an die Thür rief die Dienerin herbei. Einige Minuten später stellte die Dienerin ein großes Becken mit kühlem Wasser neben den bewußtlosen Krieger und außerdem eine Vase, gefüllt mit jenem köstlichen, heilbringenden Balsam, deffentwillen das südliche Arabien und insbesondere die Gegend der Sabäer so berühmt war. Iva aber kniete nieder, und mit thränenvollen Augen löste sie den schlechten Verband von dem Arm Resons. Dann wusch, sie die Wunde mit kühlem Wasser und tropfte heilenden Balsam hinein. Als Reson aus halber Bewußtlosigkeit erwachte, und der wüthende Schmerz des Armes geschwunden war, fiel sein klar blickendes Auge auf die Fürstin, welche »och immer kniete und vergebens ihre Thräuen zu stillen suchte. „Iva, Iva!" rief er mit zitternder Stimme, „diese Stellung, Du tödtest mich Undankbaren!" Die Fürstin erhob sich, aber sie blieb vor dem Verwundeten stehen und hielt seine Hand fest. „Erzähle mir, Reson," sagte sie mit bebender, nach Fassung strebender Stimme, „o, Dir ist Schreckliches begegnet!" Sie neigte sich über ihn, unwillkürlich, voll bewußtloser, mächtiger Zärtlichkeit. „Ich war", begann Reson, „mit wenigen meiner Männer nach Jerusalem gekommen, um ein theueres Gut, die Hoffnung Edoms, in die Hände einer treuen Frag zu geben, einer Stammgenossin aus der Heimath Edom. Dies theure Gut, die Hoffnung Edoms, war Na«mi, die thronlose, junge Fürstin, die sich meinem Schutz übergeben, und die lange Wochen hindurch in öder Wüste sich verbarg vor den Spähern Salomos. Wehe mir, daß ich sie aus der Wüste führte! Ein wüthender Geier hat sie geraubt, Edoms Stern, Edoms Ehre, Edoms Hoffnung ist gefallen! Sie ist in den Händen des Königs von Zion!" „Ihr Sterne!" rief die Fürstin mit gefalteten Händen, „sollte es Sulamith sein?" „So ist es, ganz gewiß!" fuhr der Edomiter, durch die Zähne sprechend, fort. „Edoms Stern ist entehrt, gefallen, verloren, und den Namen der Heimath tauschte er um gegen die schmeichelnde Benennung des treulosen Volkes. Ich hatte sie in die Hütte einer treuen Frau gebracht, und dann schied ich von dannen, weil mich ein schlauer und für Edoms künftigen Aufstand wichtiger Mann zu den Gräbern der Könige bestellt. Der Mann war Ahija, der Prophet von Silo." „Ahija?" rief die Fürstin von Saba erstaunt, und vor ihren Geist zog eine alte Geschichte von der Jugend dieses Mannes. „Ahija," bestätigte Reson, ohne Jvas Erstaunen zu bemerken. „Siehe, ich will Dir das Gewebe eines schändlichen Planes enthüllen, welche diese treulosen Hebräer gesponnen. Ahija und ein Feldherr der Hebräer, Namens Jerobeam — Du kennst ihn-sind es, welche den letzten Aufstand gegen Salomo geleitet haben. Während Jerobeam kämpfte und verjagt wurde, zog Ahija nach Aegypten au den Hof des Pharao, welchen er wahrscheinlich für seine Pläne zu gewinnen wußte, denn ich sah einen Schurken aus des Pharao Dienst, der mir ehedem Nachrichten aus Thebais zu bringen pflegte, neben Ahija, und dieser Schurke handelte im Dienste des Propheten, als er mich verwundete und gefangen setzte. Es kann nicht anders sein — denn siehe, der Pharao hatte seine Hilfe der Fürstin Edoms und mir versprochen, und da ich zu Ezjon-Geber verweilte, erhielt ich Weisung von Thebais, zu zögern und bessere Uinstände zu erwarten. Unterdessen hatte sich der zweizüngige Aegypter wohl für Ahija und Jerobeam erklärt, und nun mochte ihm daran gelegen sein, Edoms Aufstand und Abfall von Israel zu verhindern. Es ist geschehen, und treulose Männer haben Edoms Hoffnung vernichtet. Naömi ist in Salomos Gewalt, und Reson ist verwundet und von seinen Treuen getrennt, ohne Hilfe von Aegypten, ohne Hilfe von Edom!" „Unglücklicher!" sagte die Fürstin ernst nachsinnend, „cs muß sein, wie Du sagst. Der Pharao hatte die ungewisse und gefährliche Sache Deines Aufstandes und Nasmi zugleich aufgegeben. Auch Jerobeam zog nach Aegypten — muthmaßlich, um ein Hilfsheer herbeizuführen. Da ich zu Ezjon-Geber verweilte, sprach er zu mir von diesen Dingen." „Und wie wurdest Du gefangen?" fragte die Fürstin, welche rasch wieder zum eigentlichen Gegenstand zurückkehrte. Der Edomiter fuhr fort zu erzählen : „Zu Ezjon-Geber hatte ich eine Zusammenkunft mit Ahija und Jerobeam, wo ich die Männer bewegen wollte, gegen Salomo anfzubrechen, wenn Reson das Schwert des Aufruhrs in Edom herumtrüge. Zwar, die Männer niochten nicht einwilligen, daß Edom von Israel getrennt werde, doch schieden wir hoffend auf künftige, bessere Uebereinkunft. Der Prophet versprach mir, wichtige Nachrichten von ThebmS mitzutheilen, da ich eben auf dem Zuge begriffen nach Jerusalem. Als Ort der Zusammenkunft bezeichnete er die Gräber Sauls und Davids. Ich betrachtete ihn wie einen Bundesgenossen und schritt sorglos jenem Orte zu, nachdem ich Nasmi treuen Händen überlasten und meine Treuen zurück nach der Wüste gesandt hatte."

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