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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-04 · Heft 44 (4.11.1898) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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MWMMWMNWW^WWWWMWWWWWWWWSWWN^NWMMWWZWVW 526 Zwar sind auch sie nicht lediglich lehrhaft, aber sie enthalten die Lehre. Auch die in der späteren Religionsgeschichte, für welche in erster Reihe — meist sogar allein — der Talmud in Betracht kommt, ausgeführten Lehren können stets an sie angeknüpft werden. Nach meinen, allerdings beschränkten, Wahrnehmungen scheint es mir, daß diese Theile, also die Bibel in ihrer Gesammtheit, nicht zu dem Rechte kommen, das ihnen nach ihrer grundlegenden Bedeutung im Unterricht zusteht. Zwar, wie sollte es irgend einen Unterricht geben, welcher die Kinder nicht mit der Lehre ihrer Religion bekannt macht? Dies ist ja im eigentlichsten Sinne Religionsunterricht. Aber man schreitet dazu auf einem Wege, der mir nicht der natürliche erscheint, nämlich auf dem Wege des systematischen Religionsunterrichts, und mit diesem muß ich mich daher zuerst auseinandersetzen. Als man anfing, über Juden und Judenthum in deutscher Sprache zu diskutiren, da bediente man sich in Ermangelung einer ausgebildeten Terminologie derjenigen Ausdrücke und Schlagwörter, von denen man den Kampfplatz der christlichen Religionsparteien beständig widerhallen hörte, ohne daß ihnen bei uns dieselben Vorstetlungskomplexe entsprachen. Es waren gleichsam fertige Etiketts, die auf Gefäße mit anderem Inhalt geheftet wurden. Solche Etiketts sind z. B. die Worte: Religion, Konfession, Dogma, Gebetbuch. orthodox, liberal und dergleichen mehr. Jeder Kundige weiß, zu welchen Begriffsverwirrungen dies führt. Derselbe Jrrthum, und nicht blos in der Sprache, sondern auch in der Sache, ist auch im Unterricht in der jüdischen Lehre begangen worden. In Verkennung ihres wahren Charakters hat man den Unterricht der christlichen Gemeinschaft nachgeahmt, welche sich durch den reichen dogmatischen Inhalt ihrer Lehre, die sich zum Theil den Verstandeskategorien entzieht und als Mysterium auftritt, zur katechetischen Lehrform, zur Deduktion, zum systematischen Vortrag gezwungen sieht. Man führte also auch bei uns „systematischen Religionsunterricht" ein. Es wurden eine Menge Schulbücher verfaßt mit katechetischer Gliederung. Frage — Antwort — Beweis durch Bibelstelle. In der Regel fangen diese Bücher mit Definitionen Gottes und seiner Eigenschaften, vielleicht sogar Beweisen für sein Dasein und für die Nothwendigkeit der Religion an. Dann folgt die Glaubens-, dann die Pflichtenlehre. Pflichten gegen Gott, gegen uns selbst, gegen unsere Nebenmenschen. Gegen den Einzelnen, gegen Gemeinschaften — religiöse, politische —, kurz das ganze schnurgerade Fächerwerk des Systems. So viel ist gewiß, daß dies niemals die Art gewesen ist, auf die im Judenthum Religion erzeugt und gelebt worden ist, am allerwenigsten von der Bibel. Sie hat durchaus nicht den indogermanischen Fanatismus für das System und den Beweis. Niemals behandelt sie etwas systematisch, und kaum nimmt sie einen schwachen Anlauf zu einem physiko-theologischen Beweis vom Dasein Gottes, ob sie doch gleich von einem Ende bis zum anderen davon widerhallt. Ueberhaupt war metaphysische Spekulation nie recht Sache des jüdischen Geistes, nur Bestreitung nöthigt dazu. Sein Geschäft war ethische Spekulation, nicht Philosophie, sondern Weltweisheit. Wenn nian endlich, wie man im systematischen Religionsunterricht zu thun pflegt, den Satz an die Spitze stellt und durch eine Bibelstelle beweist, so beruht dies auf einem Jrrthum über die Beweiskraft der Bibelstellen. Sie haben nämlich diese Kraft nur für Denjenigen, der innerhalb des biblischen Gedankenkreises steht, nicht jedoch für Denjenigen, der außerhalb steht oder, wie das Kind, erst in diese Vorstellungswelt eingeführt werden soll. So kann der Midrasch alles durch Bibelverse beweisen, denn ihm sind sie die zugestandene höchste Wahrheit, mit der jede andere nicht blos erhärtet werden kann, sondern muß. Die ganze jüdische Religionsphilosophie beruht auf dieser Voraussetzung. Wenn der Prediger Bibelstellen anführt, um seine Gedanken als biblisch zu legitimiren, so thut er dies, weil zwischen ihm und seinen Zuhörern das stillschweigende Abkommen herrscht, für religiöse Erörterungen das Schriftwort als Legitimation gelten zu kaffen. Der Schüler aber stellt gar nicht die Forderung, daß die Behauptung biblisch erwiesen werden solle, wie denn auch die Wirkung nur eingebildet ist. Damit soll über den systematischen Religionsunterricht nicht durchaus der Stab gebrochen werden. Zunächst weiß ich wohl, daß außer dem theoretischen Jrrthum auch ein sehr praktischer Grund zu seiner Einführung getrieben hat — der Mangel an Zeit. Weil man sah, daß eine so intensive Versenkung in die Urkunden des Judenthums wie früher aus Mangel an Unterrichtszeit nicht mehr möglich sei, und doch so vollständig wie möglich sein wollte, so griff man zur gedrängt systematischen Darstellung. Aber abgesehen davon, daß Vollständigkeit der religiösen Erkenntnisse weder nöthig noch möglich ist, so wäre für den Endzweck dieselbe Zeit bester im Bibelunterricht anzulegen. Durchaus ersprießlich halte ich den systematischen Religionsunterricht am Ende, z. B. in der obersten Stufe und im Konfirmandenunterricht, der — der Unterricht, nicht durchaus die Konfirmation — für Mädchen allgemein durchzuführen wäre. Auf diesen Stufen ist er eine willkommene Zusammenfaffung und Klärung und eine Anleitung zu einem zusammenhängenden Denken über religiöse Dinge. Aber es muß immer wieder der wichtige pädagogische Grundsatz betont werden, daß jedem systematischen Aufbau zuvor ein induktives, analytisches Sammeln und Zurechtlegen der Bausteine vorangehen muß. Scheine es immerhin, als ob sie regellos zusammengetragen worden, dem Lehrer liegt es ob, sie mit dem vorausschauenden Bedacht eines künftigen lückenlosen Zusammenhanges auszuwählen. Worauf es im Religionsunterricht vor allem ankommt, ist, daß das kindliche Gemüth mit religiösem Inhalt allererst gefüllt werde. Aus Religion mache man dann ein System, nicht aus System Religion. Laßt die Jugend erst umhergestreift sein in den Gaffen der Heimathstadt, bevor ihr mit ihr den Stadtplan studirt. (Schluß folgt.) UILLETON Are Asse von Saron. Line Erzählung. XIX. nweit der königlichen Burg war der Königin von Saba und ihrem Gefolge ein Palast eingeräumt worden, welcher auf dem Abhang des Hügels Zion lag. Es war am frühen Tage, als in den Gemächern Jvas eine erschütternde Szene vorfiel. Die Königin hatte das kühle Gemach eben verlaffen, auf deffen prächtigen Kiffen sie die Nacht zugebracht hatte. Sie trat mit raschen Schritten heraus, und all ihre Reize schienen wie frisch aufgeblüht durch den Schlummer der Nacht. Die Fürstin wandte sich etwas überrascht um. als eine Dienerin vortrat und, indem sie Stirn und Brust demüthig berührte, das einfache Wort sagte: „Reson." Die Fürstin bebte. Ihre Wangen erbleichten, und ihre Augen drückten einen ängstlichen Zweifel aus. Dann winkte sie plötzlich mit einer heftigen Geberde der Dienerin, und diese verschwand.

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