Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-04 · Heft 44 (4.11.1898) · p. Seite 525

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228302--55013-3291200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

525 meinde erblicken, der berufen ist. ihr das Wort Gottes zu verkünden ' und sie für die erhabene Aufgabe zu begeistern, die Israel geworden - ist. Nicht die Rücksicht, durch die fortgeschrittensten Einrichtungen eine Anziehung auf Nicht Mitglied er auszuüben, darf darum in erster Reihe für die Gemeinden maßgebend sein, sondern der innige Wunsch, ihren eigenen Mitgliedern die Segnungen der Religion un- > geschmälert zu Theil werden zu lasten und Hand in Hand mit dem Rabbiner das uns überlieferte heilige Erbe zu pflegen, auf daß es unversehrt auf die kommenden Geschlechter übergehe, sei das Leitmotiv, das bestimmend auf sie einwirkt. Dann ist es in der Gemeinde wohl bestellt, dann braucht uns um die Zukunft Israels nicht bange zu sein. Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht. Vortrag, gehalten in der wiffenschaftlichen Bereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin von Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttingen. (Fortsetzung.) ber in zwei fundamentalen Punkten hat unsere Wissenschaft anderer Art zu sein. Nicht Kritik hat ihr Ziel zu sein, sondern Exegese; wir wollen die Bibel verstehen, nicht richten. Ihr Ideal muß, wie es zu allen Zeiten war, der Peschat in seiner Richtigkeit, Klarheit und Tiefe sein. Um den Sinn der Bibel, um das volle und ungetrübte Verständniß ihrer Aussagen haben wir mit aller Hingebung und selbstlosen Treue zu werben. Wir wollen vor allem wissen, was sie sagt und lehrt. Diese Exegese ist mit dem umfassenden Apparat zu betreiben, den die allgemeine Wissenschaft geschaffen hat. Denn daß sie ihn geschaffen oder doch die von Juden gelegten Grundlagen unendlich erweitert hat, haben wir rückhaltlos' anzuerkennen. Ist sie doch auch dazu ganz anders im Stande mit ihren unvergleichlich reicheren Hilfsmitteln und Arbeitskräften. Aber die Bibelexegese hat noch viel zu thun, was besonders wir auf uns nehmen sollten. Da fehlt noch eine erschöpfende Geschichte des bisherigen Verständnisses, eine Geschichte der Bibelauslegung, deren Anfänge bereits in der Bibel selbst liegen. Da fehlt ein vorpus aller jüdischen Exegeten und Grammatiker. Es fehlt ein historisches Wörterbuch, des Hebräischen. Da fehlt vor allem neben der eifrig gepflegten Anatomie, der Formenlehre, eine Psychologie der Sprache, eine Erforschung ihres feineren Geäders, z. B. eine Synonymik. Das Beispiel und die vielseitige Anregung S. D. LuzzattoS, des „Beherzten", sind in dieser Richtung viel zu wenig beachtet worden. Der zweite fundamentale Unterschied unserer Bibelforschung ist:Inicht Geschichte, Litterargeschichte, Volksgeschichte oder Religionsgeschichte hat sie zu sein, sondern Theologie, Kunde des Göttlichen, wie es in der Bibel zu Worte kommt, damit wir dann uns nach ihr.Inicht sie nach uns, korrigiren. Es ist die größte Verkennung der Bibel, sie als schätzbare Materialiensammlung für eine von uns zu schreibende Geschichte anzusehen, und die Verkennung wird noch schlimmer, wenn die Gesichtspunkte für diese Geschichtsschreibung den wechselnden wiffenschaftlichen. der Bibel ganz fremden Strömungen des Jahrhunderts folgen. Die Bibel ist ein Buch der Religion, das Israel den ewigen Weg des Lebens zeigen will, und wenn diese Religion auch 'einen historischen Boden und Hintergrund hat, so ist das ewig Giltige ihrer Aussagen und Forderungen doch so klar, daß nur die unzähligen Vorurtheile, die unsere außerbiblische Atmosphäre erfüllen, uns das Verständniß so sehr erschweren. Es ist daher eine wichtige Aufgabe, diese Vorurtheile in uns und Anderen zu zerstören. Und diese polemische und apologetische Aufgabe der jüdischen Bibelforschung wird uns sehr erleichtert durch den Antagonismus der dogmatischen und kritischen Schule. Wir brauchen sie darin nur sich selbst aufreiben zu lassen, indem wir die Kritik in ihrer Widerlegung der christlichen Auffassung unterstützen und dieser in ihrem Kampfe gegen die Tendenzen der Kritik Beihilfe leisten, im Uebrigen aber unsere eigenen Wege gehen. Diese Wege werden mit Sicherheit ergeben, daß das Judenthum die einzige wahre Erbin der alttestamentlichen Religion ist, das Judenthum, in dessen Gottesdienst noch heute das mosaische Höre Israel und das jesajanische Dreimalheilig den Mittelpunkt bilden, dessen Gott der Gott der Erzväter und Moses, der Propheten und Psalmisten ist, und über den hinaus es für alle Ewigkeit keine Entwickelung giebt. Es kann, ja es soll die Erkenntniß Gottes durch immer Neues, an ihm Erlebtes, immer sicherer, immer gewisser, alles erleuchtender, aber, so sie wahr bleiben will, niemals eine andere werden. In diesem Sinne ist es die größte That in der jüdischen Erkenntniß Gottes gewesen, daß sie seinen Eigennamen abgeschafft hat. N1N Es ist der Gott, der einzige, dem dieses Wort zukommt. Also braucht er keinen Eigennamen, der immer andere Individuen ähnlicher Art voraussetzt, wenn dies auch für Gott immer nur eine Anbequemuug war. Aber auch diese Anbequemung muß fallen, denn wozu braucht Gott einen Eigennamen? Es ist ja kein Gott außer ihm. „An diesem Tage ist der Ewige nur Einer und sein Name nur Einer." Zu dieser fortschreitenden Erkenntniß beizutragen, ist die letzte Aufgabe der jüdischen Bibelforschung. Denn aus dieser Erkenntniß erwächst das, was der Zweck unseres Lebens ist, die Liebe zu Gott und der Wandel in seinen Geboten. „Du sollst ihn lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft". Indem diese Worte beständig in deinem Herzen sind. Das ist die Bibel in der Forschung, indem du sie deinen Kindern einschärfest. Das bedeutet: Unsere Bibel im Unterricht, im jüdischen Religionsunterricht. II. Ueber die Nothwendigkeit der Bibelkunde in einem jüdischen Religionsunterricht sollte kein Wort zu verlieren sein. Alle unsere religiöse Erkenntniß beruht auf der Bibel und zum größten Theil auch in der Bibel. Haben sich auch im Laufe der Jahrtausende die Institutionen der Religion vielfach geändert, die religiösen und sittlichen Erkenntnisse sind weder vermehrt noch verbessert worden, weil sie nicht zu vermehren noch zu verbessern sind. Unsere Anschauung von Gott und Welt, von der Geschichte und dem menschlichen Herzen muß immer die biblische bleiben, unser Wille hat immer die Richtung zu halten, die die Bibel ihm vorschreibt. Da nun unser Religionsunterricht eben dies will, nämlich eine israelitische Gottesauffaffung und Weltanschauung, eine israelitische Gesinnung oder Lebensauffassung und eine entsprechende Lebensführung vorbereiten und begründen, so muß er biblisch sein, so muß er die Bibel zur Quelle haben. Nun wird ein Theil der Bibel bereits eingehend behandelt, nämlich der erzählende Theil. Die biblische Geschichte ist wohl überall ein Hauptgegenstand des Religionsunterrichts. Dieser Unterricht ist zugleich ein Unterricht in der jüdischen Lehre, nämlich eine Darstellung der angewandten Lehre. Meine Ansichten über die biblische Geschichte sind Ihnen aus meinen Jahresberichten, wo ich sie ausführlich begründet habe, bereits bekannt geworden. Ich darf mich hier daher weiterer Ausführungen für enthoben halten. Ich spreche von den unmittelbaren Aussagen der biblischenLehre, von den nichtgeschichtlichen Theilen, also von der Gesetzgebung des Pentateuchs, von den prophetischen Schriften, von den Hagiographen. f. I. f \ i if I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.