Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228302--55008-3291195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
—- 520 i' den Herzen Aller, die leben und kommen werden, errichten; es wird jegliches Metall überdauern und uns den gerechten Stolz verleihen, der da zu sagen befugt ist: 1 Exegi mouumentum aere perennius!“ In einer späteren Korrespondenz (datirt Hildesheim, im November 1842) berichtet Schulmanns: „Die von hier aus angeregte Idee eines jüdischen Schullehrerseminars hat hier und dort Beifall gefunden; aber nokXol ihv &vqgo<poqoi, nccvQOi öh Doch sollen die bei der Regierung dieserhalb zu thuenden Schritte nicht unterbleiben." Mit Thatkraft suchte auch Adler seinerseits das auf die Begründung einer Bildungsstätte für die jüdischen Lehrer hinzielende Projekt zu verwirklichen. Er erließ im Jahre 1843 einen Aufruf zur Gewinnung von Beiträgen zu diesem Zwecke und arbeitete einen eingehenden Plan für das zu errichtende Institut aus, er verließ jedoch bereits 1845 seinen Wirkungskreis in Hannover, um als Chiefrabbi das Oberrabbinat in England anzutreten, ohne daß er seinen Herzenswunsch erfüllt sah. Allein noch bei seinem Scheiden aus der Heimathprovinz bekundete er sein lebhaftes Interesse an der Ausführung jenes lang gehegten Planes, indem er den Ertrag seiner in der Synagoge zu Hannover am 28. Juni 1845 rfrlP'ö) gehaltenen, im Druck erschienenen Abschiedspredigt, wie auf dem Titelblatt vermerkt ist, „zum Besten des zu begründenden israelitischen Schullehrerseminars" bestimmte. Der Nachfolger Adlers, Dr. Samuel E. Meyers) war eifrigst bemüht, die Realisirung des Projektes herbeizuführen. Hierbei wirkten auch seine Amtsgenoffen im Königreich Hannover nach Kräften mit. So säumte, nachdem im Jahre 1846 eine Jmmediatkommission durch das Ministerium des Innern eingesetzt worden, welche „die Anstalt ins Leben rufen, begründen und einrichten sollte",3) auch der damalige Hildesheimer Landrabbiner. M. Landsberg^) nicht, innerhalb seines Bezirks für das zu errichtende Seminar thätig zu sein. Er erließ an die „verehrlichen Gemeinden des Landrabbinats Hildesheim" folgendes gedruckte Cirkular.^) „Hierdurch erlaubt sich der Unterzeichnete Landrabbiner, folgenden sehr wichtigen Gegenstand den verehrten Gemeinden recht dringend ans Herzu legen. Es giebt nichts, wovon die Erreichung der wahrhaften Bestimmung eines Menschen so sehr abhängt, als die Art und Weise, wie er in seiner frühesten Jugend durch Unterricht für das Leben vorbereitet und zum Menschen herangebildet wurde. Sind Erziehung und Unterricht zweckmäßig, so hängt es dann von dem Menschen allein ab, was ihm auch meistens gelingen wird, sich im Leben eine passende Stelle für seinen Beruf zu erwerben, und Eltern und Erzieher haben sich dann keinen Borwurf zu machen, zur Untergrabung des Lebensglückes eines ihnen nahe stehenden Menschen beigetragen zu haben. Daß israelitische Ettern von jeher die Wichtigkeit der Erziehung und des Unterrichts zu würdigen verstanden haben, davon zeugt die Geschichte der Vergangenheit sowohl als der Gegenwart. Diese Wichtigkeit wird auch von den verehrlichen Gemeinden des hiesigen Landrabbinats tief empfunden, und kann ich selbst vielfache Beweise dafür anführen. Es ist wahrhaft rührend, wie selbst arme *) „Allgemeine Zeitung des Judenthums" a. a. O. Nr. 51, S. 750. Der Artikel ist mit „8" (Schulmann) unterzeichnet. — *) Geb. in Hannover 1819, seit 1845 Landrabbiner in Hannover, starb daselbst 6. Juli 1882. — 3) Vgl. den von der Berwaltungskommisston im Oktober 1873 veröffentlichten „Kürzer Bericht über die Bildungsanstalt für jüdische Lehrer in Hannover während ihrer 25 jährigen Wirksamkeit". Ueber die 25 jährige Jubelfeier vgl. „Allgemeine Zeitung des Judenthums, 1873, Nr. 49, S. 805. — i) Am 21. Mai 1646 übernahm Landsberg die Verwaltung des Hild. Landrabbinats. Er starb 20. Mai 1870. — *) Mitgetheilt nach dem in den hiesigen Landrabbinatsakten befindlichen Druckexemplar. Gemeinden auch große Opfer nicht scheuen, um nur für ihre Kinder einen tüchtigen Lehrer zu gewinnen. Allein gerade an diesen fehlt es sowohl in< deurAhiesigen Landrabbinat wie überhaupt in dem Königreich ganz außerordentlich. Nicht ohne Grund! Denn noch fehlen die Pflanzschulen, wo Lehrer gebildet und geübt werden, den höheren Anforderungen^, einer fortgeschrittenen Jugendbildung gemäß den Unterricht wahrhaft zweckmäßig zu ertheilen. Ohne Uebung wird Unterrichtsfähigkeit nicht erworben; es ist ein Unterschied zwischen Wissen und Lehren, und selbst Gelehrte und Rabbiner find oft im Unterrichtsfach — Stümper. Sie entwickeln nicht die Geistesanlagen des Kindes, daß es ^naturgemäß mit derselben Freude, mit der der Baum blüht, fich entfalte; sondern sie stopfen den Kopf voll mit auswendig gelernten und zu lernenden Phrasen, die dem Geiste keine Förderung, dem Gemüth keinen Reichthum gewähren. So waren bis jetzt die meisten Lehrer beschaffen, zum Nachtheil für die Kinder, die ihnen anvertraut wurden, und zum unersetzlichen Schaden der Eltern, die reife Trauben von ihren Kindern erwarteten, aber Heerlinge ernteten. Wohl giebt es rühmliche Ausnahmen; aber sie find so selten, daß fie gezählt werden können. Es war daher auch meinerseits ein tiefgefühltes Bedürfniß, diesem Uebelstand abzuhelfen, und so viel ich bis jetzt thun konnte, ist auch geschehen, um denjenigen Lehrern, mit denen ich zusammmentraf, eine Unterweisung zu geben, wie fie ihren Unterricht zweckmäßig ertheilen können. Aber weit mehr Segen scheint die junge Anstalt zu versprechen, die mein verehrter Kollege, der Landrabbiner Dr. Meyer zu Hannover, im Verein mit einigen anderen thatkräftigen und einsichtsvollen Männern und unterstützt von der Huld und dem Zutrauen unserer erleuchteten Regierung, ins Leben zu rufen beabfichtigt. Dort soll eine Pflanzschule errichtet werden, die für die nächsten und alle kommenden' Geschlechter von unendlichem Segen zu werden verspricht. Es ist eine heilige und hohe Aufgabe! Viel, sehr viel ist auch schon dafür gethan, aber noch viel mehr bleibt noch übrig zu thun. Viele Anstalten haben fich, von viel winzigeren Anfängen ausgehend, zu einer hohen Bedeutung emporgeschwungen. Wir dürfen daher auch für diese Schullehrer-Bildungsanstalt unter dem Beistände Gottes auf das beste Ergebniß hoffen. Jedoch Hoffen allein ist nicht hinreichend, Thun ist der Lebensnerv! Zu Euerem eigenen Heile denn und zum Heile Euerer Euch am Herzen liegenden Jugend empfehle ich dieses entstehende Heiligthum in unserem Baterlande Euerem besonderen Schutz, Euerer besonderen Pflege. Wer noch mit seiner Spende zurück ist, der eile, eile — jeder Aufschub ist verderblich, jeder Fortschritt bringt Segen; denn es gilt das Vortrefflichste, das Ihr Eueren Kindern geben könnet. Zwar ist jetzt durch die Strafe des Himmels eine Zeit der Noth und der Drangsal; dennoch hoffe ich von Euerer Mildthätigkeit den besten Erfolg! So kämpften einst unsere Vorfahren mit der einen Hand, während fie mit der anderen das Heiligthum erbauten. In großer Noth bewährt fich wahrhaftes Verdienst. Tretet zusammen, edle Mitglieder verehrter Gemeinden, bildet Unterstützungsfonds für dieses wahrhaft segensreiche Institut; durch je kleine monatliche Beiträge, von Vielen zusammengebracht, kann schon etwas Bedeutendes geleistet werden; sorget mit dafür, daß die Anstalt ins Leben gerufen werden könne, fie wird dann mit der göttlichen Hilfe fich entfalten zur Freude Gottes und der Menschen; und ist auch ihr Anfang gering, so wird doch ihr Fortgang groß sein. Von Demjenigen, was in den einzelnen Gemeinden geschehen ist, erbitte ich mir alsdann gütige Nachricht. Und indem ich den Segen des Himmels auf unser theueres Vaterland und die lieben Gemeinden herabflehe, verharre ichj mit besonderer Hochachtung Hildesheim, den 27. Januar 1847. M. Landsberg, Landrabbiner. Endlich erfolgte am 7. November 1848 die Eröffnung der Bildungsanstalt mit sieben Schülern. „Gering war der Anfang", doch „groß ihr Fortgang". Hunderte von in diesem Seminar herangebildeten Volksschul- und Religionslehrern haben durch ihr pflichttreues Wirken in den jüdischen Gemeinden Deutschlands Zeugnis;