Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
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619 Kosten werden durch Erhöhung des Schulgeldes, außerdem durch einen Zuschuß der jüdischen Gemeinde gedeckt. Diese Neuerung erregt allgemeine Freude, denn da der Unterricht obligatorisch ist, kann es nicht mehr, wie früher, Vorkommen, daß jüdische Gymnasiasten die Schule verlassen ohne eine Spur von Kenntnissen in der jüdischen Religion. Aber noch ein anderes erfreuliches Faktum ist zu berichten. Der Ackerbauminister hat endlich die Frage der Reserveländereien in den jüdischen Kolonien in günstigem Sinne entschieden. Bekanntlich hatten seinerzeit die jüdischen Kolonisten bei ihrer Ansiedelung ein Terrain von 72 Acres erhalten, und außerdem wurde für jede Familie ein Reservegrundstück von 36 Acres bestimmt, welches bei Vergrößerung der Familie überwiesen werden sollte. Diese Ueberweisung erfolgte indessen nicht, alle Beschwerden blieben lange erfolglos, endlich gelang es einer Deputation von Kolonisten, welche bei dem Minister gelegentlich seines Besuches in Odessa Audienz hatte, eine Aenderung zu erwirken. Die jüdischen Bauern in Loovo haben bereits ihre Reservegrundstücke erhalten, und die anderen Kolonien werden mit der Bertheilung folgen.—Aus Kiew wird mitgetheilt, daß eine Prüfung der Aufenthaltsberechtigung jener 5369 Juden, denen jetzt die Ausweisung angedroht ist, folgende Resultate ergeben hat: 2434 Juden dürfen doch wohnen bleiben, da sie schon vor dem Maigesetz 1882 dort gewohnt haben, 1924 Israeliten, deren Papiere nicht in Ordnung sind, müssen sich einer Nachprüfung ihrer Dokumente unterwerfen, endlich 1006 Juden müssen sofort ihren Wohnsitz verlassen, und 5 haben dies aus freien Stücken gethan. — In Tüapse am Schwarzen Meer ist eine Schule Tür Obstbau eröffnet worden, bei der, o Wunder aller Wlinder, Juden ohne Beschränkung der Zahl Aufnahme finden. Jnv Jubelfeier der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer;rr Hannover. Bon Landrabbiner Dr. Lewinsky in Hildesheim. ^rn 7. November dieses Jahres begeht die Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zu Hannover die Feier ihres fünfzigjährigen Bestehens. Welche Erfolge sie während der ersten fünf Jahrzehnte erzielte, was sie in diesem Zeitraum, weit über die Grenzen der Provinz Hannover hinausreichend, geleistet, welche Segensfülle sie innerhalb des deutschen Vaterlandes in Schulen und Gemeinden unserer religiösen Gesammtheit bisher gespendet hat, wird, wie anzunehmen, von berufenerer Seite in einem besondern Berichte wohl beleuchtet werden. An dieser Stelle sei als Jubiläumsgabe ein kleiner Beitrag zur Geschichte der Begründung jener Anstalt entrichtet. Bereits vor mehr als 60 Jahren wurde im damaligen Königreich Hannover die Errichtung einer Bildungsanstalt für jüdische Lehrer als das Mittel erkannt, das den „traurigen Zustand, in welchem sich an manchen Orten das jüdische Schulwesen befand",*) zu beseitigen geeignet war. Um auf diesem Gebiete eine Verbesserung herbeizuführen, bestimmte die Regierung in dem Entwürfe eines Judengesetzes vom 8. Juni 1836, daß das Schulwesen unter Aufsicht des Staates gestellt werde, daß neue Schulen nur dann zu- > gelassen und die alten nur dann beibehalten werden sollen, wenn der Landdrostei der Nachweis erbracht würde, daß für befähigte und geprüfte Lehrer genügend gesorgt fei.2); *) Bgl. Bodemeqer, Die Juden, ein Beitrag zur Hannoverschen | Rechtsgeschichte, S. 36. — 2) Bodemcyrr a. a. O Förderung fand die Idee der Begründung eines jüdischen Lehrerseminars in Hannover, wie sie bereits in Kassels und Münsters verwirklicht worden war, besonders seit dem Jahre 1839 durch den damaligen Landrabbiner Dr. Adler.3) Demselben erstand ein wackerer Mitarbeiter in Ludwig Schulmann/) einem Hildesheimer Philologen/) der in einem in den Blättern dieser Zeitung«) veröffentlichten Artikel (datirt Hildesheim, Ende September 1842) seine Stimme für Errichtung eines solchen Instituts erhob. Schulmann weist hin auf den bisherigen Mangel einer Bildungsanstalt für die jüdischen Jugendlehrer in Hannover und somit auf das Fehlen einer „planmäßigen Ausbildung eines jüdischen Volksschullehrers". „Das radikalste Mittel, welches geeignet ist, den jüdischen Volksunterricht im Königreich Hannover auf eine andere, segensreichere Bahn zu leiten, wird, lautet sein Ruf, unzweifelhaft durch die Einrichtung eines jüdischen Schullehrerseminars geboten." „Ein seminaristisch gebildeter Lehrer, betont er, geht, namentlich bei Ertheilung des Religionsunterrichts, den einzig richtigen Weg", und ebenso „würde sich der Unterricht in Bezug auf die übrigen Lehrgegenstände der Volksschule heben, planmäßiger werden". Schulmann tritt ein für die Konstituirung einer „mit der Leitung des jüdischen Schulwesens beauftragten wissenschaftlichen Schulkommission", der die drei, „zur Verbesserung des Schulwesens vollkommen berufenen" Landrabbiner Adler, Bodenheimer') und Hirsch') angehören sollten. Die nothwendigen Geldmittel sind nach seinem Vorschlag durch Subskription von allen Gemeinden des Königreichs Hannover aufzubringen, wobei Schulmann hofft, daß auch seitens der jüdischen Gemeinden der „angrenzenden kleineren Länder" eine Beisteuer erfolgen und daß die Anstalt auch regierungsseitige Förderung und Unterstützung genießen werde. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß nach einigen Jahren „die heilsamsten Folgen eines solchen Instituts sich zeigen werden", schließt er seine Ausführungen mit folgendem Appell: „Es ergeht an unsere Landsleute hierdurch die ebenso dringende als freundliche Bitte, diese Zeilen der Beherzigung Werth zu erachten. Die Jetztwelt baut in Stein und Eisen; laßt uns ein Denkmal in ]) In Kassel war schon 1809 von Jacobson «ine Schule errichtet worden, mit der auch bald ein jüdisches Lehrerseminar verbunden wurde, vgl. Straßburger, Gesch. d. Erzieh, u. d. Unterrichts bei den Israeliten, S. 201. — 2) In Münster wurde 1827ein Seminar (Marks-Haindorff'sche Stiftung) gegründet, vgl. Straßburger a. a. £>., S. 231. — 3) Geb. in Hannover am 28. Dezember 1802, wurde Adler 1829 Landrabbiner in Oldenburg, wenige Jahre darauf in Hannover. —4) Er verfaßte: Talmudifche Klänge,Gedichte. Hildesheim 1886 (dem damaligen Landrabbiner in Hildesheim, M. Landsberg. gewidmet), ferner: Norddütsche stipstörken un legendchen. Hildesheim 1889. — 5) Er unterzeichnet einen Artikel: „Berichte über den Stand des Kuttus" in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" VI. (1842), Nr. 38, S. 860 ff. mit „Schulmann, Philologe". Bgl. noch über ihn den Aufsatz: die Bestrebungen der Israeliten zu Hildesheim in, Beziehung auf Wissenschaft, Kunst und Gewerbe. Von einem Christen („Allgemeine Zeitung des Judenthums" a. a. O., Nr. 46, S. 688). Daselbst wird auch dessen Bruder, der „tüchtig praktisch ausgebildete" Arzt I. Schulmann genannt, der ebenfalls in Hildesheim wohnte. Beide waren vermut hlich Söhne des S. David Schulmann, eines „approbirten Zahnarztes" daselbst. (Vgl. Hildesh. Sonntagsblatt vom 18. Juli 1813, Nr. 29ff.) In einem mir vorliegenden Register findet sich sud Nr. 189 vermerkt, daß „Joseph Salonion Schulmann allhier" (in H.) am 30. Dezember 1809 und sud Nr. 189, daß „Louis Schulmann allhier" am 2. Februar 1814 in den Bund Abrahams ausgenommen wurde. — «) 1812, Nr. 42, S. 624f. — 7) Geb. 13. Dezember 1807 in Karlsruhe, wurde Bodenheimer 1831 Landrabbiner zu Hildesheim, woselbst er bis 1844 blieb, um einem Rufe als Oberrabbiner des Konfistorialsprengels Krefeld zu folgen. — «) Geb. 20. Juni 1808 in Hamburg, wurde Hirsch 1841 von Oldenburg aus nach Emden zur Uebernahme des ostfriefischen Landrabbinats berufen, später wirkte er in Frankfurt a. M.