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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-04 · Heft 44 (4.11.1898) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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-- 518 - wir es festhalten können, und am Ende muß doch das Recht und die Freiheit siegen. Der Fortschritt der Menschheit läßt sich wohl hemmen, aber nicht aufhalten; die einzelnen Etappen seines Siegeslaufes durch die Weltgeschichte bezeichnen auch die Lichtpunkte in der Geschichte Israels. Und diese Erkenntniß bildet für uns in dieser Zeit des wiedererwachten Mittelalters den besten geschichtlichen Trost und auch die Hoffnung auf eine bestere Zukunft. Are Woche. Berlin, 1. November. oweit man nach den Wahlen der Wahlmänner vom vorigen Donnerstag urtheilen kann, ist die Befürchtung so ziemlich ausgeschlossen, daß der nächste Landtag eine konservative Majorität aufweisen könnte. Das ist für uns das erste und wichtigste Resultat der Wahlen. Es ist ferner von Bedeutung, daß aller Voraussicht nach Herr Stöcker nicht mehr den neuen Landtag zieren wird, und daß auch Herr Liebermann von Sonnenberg in seinem lieben Hessenlande durchgefallen ist. Dagegen zieht mit dem in Hersfeld gewählten Herrn Werner doch der erste „reine" Antisemit in den Landtag ein. Es ist uns ein Gefühl der Genugthuung, daß zwei jüdische Abgeordnete, Herr Dr. Max Hirsch. Berlin, und Herr Landgerichtsrath Peltasohn für Znin-Mogilno-Wongrowitz, auf alle antisemitischen Angriffe und Herausforderungen im neuen Landtag die gebührende Antwort werden ertheilen können. Die Kandidatur des Gewerkvereinsanwalts Dr. Max Hirsch ist der „Kreuzzeitung" und ihrer Partei besonders unangenehm, weil Hirsch Jude ist, und seine Wahl den Antisemiten den oft erhobenen höhnischen Vorwurf unmöglich machen würde, daß die freisinnige Volkspartei zwar in Worten den Antisemitismus bekämpfe, bei der Aufstellung der Kandidaturen aber selbst „praktischen Antisemitismus" treibe. Aus diesem Grunde wäre den Reaktionären auch jeder radikalere Kandidat,, ist er nur nicht Jude, lieber als Dr. Max Hirsch. Die Wahl eines dritten Abgeordneten, des Justizraths Lewinski in Posen, ist wesentlich durch seine eigenen Glaubensgenossen daselbst verhindert worden, und die Antisemiten könnten, wenn sie ehrliche Gegner wären, daraus schon entnehmen, was es mit der vielgerühmten Solidarität auf sich habe. Auf die Vorgänge bei dieser wie bei den hiesigen Wahlen werden wir wohl noch Gelegenheit haben zurückzukomme». * Als ein getreues Symptom der Stimmung, die in Frankreich augenblicklich herrscht, kann der nachfolgende Artikel eines journalistischen Wortführers der französischen Antisemiten gelten. In einem absichtlich dunkel gehaltenen, doch für seine Leser vollkommen deutlichen Leitaufsatz des „Petit Journal" droht E. Judet den französischen Juden mit ihrer Massenermordung, wenn sie fortfahren würden, das Wiederaufnahmeverfahren zu fordern. Nachdem er feierlich verkündet ' hat, der genaue Betrag, den Israel für die Dreyfus-Sache bisher ausgegeben habe, belaufe sich seinen bestimmten Nachrichten zufolge auf 37 Millionen, fährt er fort: „Wenn das Schicksal 98 Millionen Franzosen mit 200000 Juden - handgemein werden läßt, ist der Ausgang der Schlacht nicht zweifelhaft. Mögen die Juden diese Schlacht vermeiden, ste wäre schlecht für uns und vernichtend für die Minderheit, die uns angreist. Wäre Drcyfus der Unglückliche, den man uns schildert, der Mann, den man infolge ' scheußlicher Ränke statt des Schuldigen ergriffen hat, dann schuldeten uns seine Berwandten, seine Freunde, seine Fürsprecher die Ruhe im Ausdruck ihres Unwillens, sie mußten sich durch regelrechtes Vorgehen an die gesetzlichen Weg« wenden, die ihnen offen standen. Statt dieser ehrenhaften Taktik haben ste uns sofort zum Kriege herausgefordert. Der Augenblick ist feierlich. Wir mahnen die schwankenden, reuigen oder einfach verständigen Israeliten, die Gefahr zu bedenken, in die sie sich stürzen, wenn sie hartnäckig abscheulichen Rathgeber» folgen wollen, die ste in Abenteuer treiben. Sie würden den verbrecherischen Feldzug, in den sie sich verirrt haben, nicht ungestraft fortsetzen, er würde mit voller Wucht wie aus ihre Ehre, so auf ihre Sicherheit fallen. Mögen die Juden uns Katastrophen ersparen, an denen die allgemeine Stimme ihnen die Schuld zuschreiben würde, und zwar diesmal ohne Berufung und Wiederaufnahmeverfahren. Wir hoffen, Israel wird uns das Aeußerste ersparen und sich selbst retten, indem es die Tollköpfe zurückweichen macht." Was Judets Drohartikel seinen tiefen Hintergrund giebt, das sind die seit einiger Zeit umlaufenden unheimlichen Gerüchte von nächtlichen Ueberfällen und Metzeleien, die die Antisemiten Drumonts, Guerins, Döroulädes gegen die Juden planen sollen. Mit einem Gefühl von Wehmuth und von Stolz zugleich müssen die deutschen Antisemiten auf ihre französischen Genossen blicken. Die sind ihnen doch noch weit über. So hat die Gruppe der antisemitischen Deputirten ein Manifest an das Land gerichtet, das mit den Worten schließt, man müsse die Regierung von dem Einfluß der Juden, die sie zu Grunde richteten, befreien und Frankreich dem jüdischen Joch entreißen. Inzwischen hat aber der Kassationshof gesprochen. Er hat die Revision des kriegsgerichtlichen Urtheils gegen Dreyfus genehinigt und die Veranstaltung einer weiteren Untersuchung, die er selbst zu leiten hat, beschlossen, dagegen die Unterbrechung der ' Strafverbüßung abgelehnt. Damit ist im Prinzip das kriegsgerichtliche Urtheil umgestoßen und die Unschuld des Dreyfus verkündet. & In Rumänien ist die Schulfrage mit dem neuen Halbjahr wieder sehr brennend geworden, denn Tausende von Kindern jüdischer Eltern treiben sich in den Gassen umher, weil sie in den Schulen ... keine Aufnahme finden. Besonders schlimm ist es mit der Aufnahme in den Gymnasien bestellt, wo nicht ein Prozent der jüdischen Schüler, die sich gemeldet haben, angenommen worden ist. So fand in Bukarest von 60 Meldungen nicht eine Berücksichtigung, in Jassy, wo mehr Juden als Christen wohnen, wurden 270 Christen und nur 10 Juden ayfgenommen u. s. w. Das Stärkste aber ist, daß auch die Kunstschule bestimmt hat, in das Architekturdepartement dürfen Juden nicht zugelaffen werden. Neben diesen großen gehen noch viele kleine Chikanen, durch die die jüdischen Schulen behindert werden sollen. So dürfen nur im Lande gedruckte Schulbücher benutzt werden, den sephardischen Juden ist der Gebrauch des spagnolischen Dialekts in der Schule verboten rc. Die anderen Minister wetteifern natürlich mit dem Unterrichtsminister in Chikanen gegen die verhaßten Juden. So hat der Minister desJnnern ihnen den Zutritt zu den öffentlichen Auktionen untersagt. Auch die Studenten nehmen an der Hetze Theil; auf einem Kongreß, den ste kürzlich in Jassy abgehalten haben, faßten sie den Beschluß, an die Regierung zu petitioniren, um Gesetze zum Schutz gegen die Juden zu erbitten. Ein antisemitischer Senator endlich hat sich sogar zu einem Gesetzentwurf aufgeschwungen, der den Juden verbietet, sich taufen zu lassen! Er hat diesen Vorschlag vor den Senat gebracht, und derselbe dürfte wahrscheinlich auch angenommen werden. Damit dürfte der Raffenhaß wohl den Gipfel dessen erreicht haben, was er in einer „freien" Monarchie erreichen kann, ohne zur offenen Gewalt zu greifen. & In Rußland war wieder einmal eine gute Woche. An den Petersburger Gymnasien ist jetzt durch Verfügung des Unterrichtsministers jüdischer Religionsunterricht eingefiihrt worden. Die

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