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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-11-04 · Heft 44 (4.11.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Kr. 44. Berlin» 4. November 1898. eitung öes Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabblner 30*- Ludwig PHMppson-Vom». Verlags-Crpedition: Gerlin, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Das wiedererwachte Mittelalter. — Die Woche. — Zur Jubelfeier der Bildungsanftalt für jüdische Lehrer zu Hannover. Von Dr. Lewinsky. — Die Stellung der Rabbiner. Von Dr. H. Vogelstein. — Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht. (Forts.) Von Dr. B. Jacob. — Feuilleton r Die Rose von Saron. XIX. — Das Geheimniß. IV. Historische Erzählung von A. Stern. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Frankfurt a. O., Aus der Provinz Posen, Münster, Aachen, Karlsruhe, Wien. — Bon Nah und Fern. — Miseelle«. Das wirdererwachte Mittelalter. .s Berlin, 1. November. (9^^7enn man die Zeitungsberichte aus Wien und Paris aufmerksam verfolgt, so kommt man unwillkürlich zu der Meinung, daß das Mittelalter wieder erwacht sei mit all seinen Schrecknissen und Verfolgungen. - In Paris wird so offen und ungenirt von einer neuen Bartholomäusnacht gesprochen, als handelte es sich etwa um ein harmloses Scherzspiel, in Wien werden anläßlich eines Pestfalles die dunkelsten Triebe des Haffes gegen die Juden wieder erweckt. Genau so wie Ernst Judet und Georges Thiebaud in Paris, wie Gregorig und Schneider in Wien haben im finstersten Mittelalter Peter von Amiens und Johann Capistranus gegen die Juden gesprochen und diese der Hostienschändung, der Brunnenvergiftung, des Ritualmordes angeklagt. Als die Mongolenhorden Dschingis-Khans Europa überflutheten, beschuldigte man die Juden, sie herbeigerufen zu haben. Jedes neue weltgeschichtliche Ereigniß brachte neues Leid über Judas Schaaren. Allerdings die Motive waren damals andere, denn die Verfolgungen gingen von der Kirche aus und hatten einen rein religiösen Charakter, während sie heute vorwiegend einen politischen oder sozialen Charakter haben. Unwillkürlich muß man an s das wahrhaft weise Wort von Goethe denken: „Wir alle leben vom Vergangenen und gehen am Vergangenen zu Grunde." Von allen Kulturhistorikern wird als der Inhalt des Mittelalters das noch nicht zum vollen Bewußtsein gelangte Nationalgefühl angesehen, welches sich, wie jede andere Stimmung, geschichtlich entwickeln mußte. Wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, der wird auch in den mittelalterlichen Strömungen am Ende des 19. Jahrhunderts genau dieselben Motive wiedererkennen. Mitten unter den Bildungen einer neuen Zeit treten plötzlich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern neben den höchsten Fortschritten der Naturerkenntniß und der Geisteswiffenschaften rein mittelalterliche Tendenzen auf, die auf den ersten Blick etwas wahrhaft Erschreckendes u» sich haben. In Paris droht man den Juden mit einer Massenermordung, mit fürchterlichen Katastrophen, wennDreyfus für unschuldig'erklärt werden sollte. Fragt man sich aber, woher urplötzlich dieser Haß gegen die Juden in Frankreich gekommen, so gelangt man bei einer genauen und objektiven Untersuchung Schritt für Schritt am Ende wieder in die Hallen der Klöster zurück, aus denen vor mehr als einem halben Jahrtausend die Kreuzpredigten der fanatischen Mönche gegen die Juden zuerst hinausschallten. Die Kirche hat heute so gut wie damals ihre Hand im Spiele, und die Drumonts und Judets sind nur vielleicht, ohne daß sie es wissen, ihre Werkzeuge. Der Kampf ist um so heftiger und um so gefährlicher, als man auf jener Seite die feste Ueberzeugung hat, daß es der letzte große Krieg des Klerikalismus gegen den Fortschritt überhaupt ist. Nicht anders liegen die Dinge in Wien. Ja, dort ist das Bündniß zwischen den Klerikalen und den Antisemiten ein offenkundiges, wie sehr es auch von beiden Seiten abgeleugnet wird. Kein Kirchenfürst hat es bis jetzt gewagt, im Namen der Religion gegen die unerhörten Angriffe und Aufreizungen der Antisemiten das Wort zu ergreifen, während im Mittelalter doch wohl hier und da ein frommer Bischof oder ein gelehrter Abt für die Juden eingetreten ist und sie mannhaft vertheidigt hat. Die letzten Szenen im österreichischen Parlament werden für den Kulturhistoriker wichtige Zeugniffe für den Geist unserer Zeit bleiben. Anders hat man zur Zeit des „schwarzen Todes" im finstern Mittelalter nicht gesprochen. Was folgt nun aber aus dieser Parallele? Im Mittelalter konnte die ganze Nation in Deutschland nur durch eine große kirchliche und geistige Umwälzung in ihren Tiefen aufgerüttelt werden. Nicht mit einem Male, sondern auf verschiedenen Gebieten der Kultur und bei verschiedenen Volksklaffen zu sehr von einander abweichenden Zeitpunkten erschien die neue Zeit, deren Signatur das Verfolgen und Erreichen des Ideals der Freiheit in Staat und Kirche ist. Und auch nicht mit einem Mal erreichte diese neue Zeit ihr Ideal, sondern es bedurfte dazu einer langen Entwickelung und heftiger Kämpfe, in denen sich die Gegensätze des Fühlens und Denkens, nicht selten blutig, maßen. Die heftigsten Kämpfe aber und die blutigsten Verfolgungen gegen die Inden gingen dieser Zeit des Ringens nach Freiheit und Fortschritt voran. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniß." So können wir aus der Geschichte des Mittelalters lernen, wie wir die Tendenzen der Gegenwart aufzufassen habe». Wohin auch das Getümmel der Dinge wogt und treibt, >bte Gnade der Großen, die Gunst der Gewaltigen, die Förderung der Thätigen, der Haß der Menge, die Liebe der Einzelnen: es wandelt alles ans und nieder, ohne daß

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