Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 reicher Fülle und von überall her die Zeichen herzlicher Theilnahme und Anerkennung zu Theil geworden sind, von denen nur einige der bemerkenswerthesten erwähnt werden sollen. Die medizinische Fakultät der Universität zu Berlin, wo er vor 30Jahren die Doktorwürde erlangte, übersandte nach alter akademischer Sitte das erneuerte Doktordiplom mit einem Anschreiben des zeitigen Dekans der Fakultät, das mit dem herzlichen Wunsche schließt, „ein gütiges Geschick möge dem Jubilar verstatten, von heiterer Höhe des Lebensabends auf seine rühmliche und segensreiche Laufbahn noch lange zurückzublicken." Der Aerzteverein des Regierungsbezirks Magdeburg, die Medizinische Gesellschaft und der Verein für öffentliche Gesundheitspflege ließen durch eine Deputation ihrer Vorstände ihre Glückwünsche, unter gleichzeitiger Ueberreichung herrlicher Blumenspenden, zum Ausdruck bringen. Der Mag istrat übersandte ein Glückwunschschreiben, das die Verdienste des Jubilars, die er um das Gemeinwohl, die Entwickelung und das wissenschaftliche Leben der Stadt in seiner Eigenschaft als Stadtverordneter sowie als Vorstandsmitglied des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege und anderer gemeinnütziger Vereine gehabt habe, rühmend hervorhebt. In ähnlicher Weise wird der segensreichen Thätigkeit des Gefeierten in den Glückwunschschreiben gedacht, die ihm seitens der Repräsentantenversammlung der Jsraelitengemeinde, seitens mehrerer israelitischer und anderweitiger Wohlthätigkeitsvereine sowie von zahlreichen Freunden und Verehrern aus der Nähe und Ferne zugegangen sind. Bezüglich der im Jahre 1855 dem jungen jüdischen Arzt verliehenen Ordensdekoration ist als charakteristisch für die damalige Zeit hervorzuheben, daß dieser damals erst wenigen Juden zu Theil gewordene Orden die ungewöhnliche Form einer „Sonne" hatte und erst einige Jahre später gegen einen Orden in der bekannten vorschriftsmäßigen Form des „Kreuzes" umgetauscht wurde. 0. Leipzig, 15. Oktober. Am 11. d. Mts. ist hier der bekannte Gelehrte Fabius Mieses in hohem Alter nach langen Leiden gestorben. Mieses, der aus einer angesehenen Gelehrtenfamilie.stammte, hat in früheren Jahren als Mitarbeiter des Orients, der Allgemeinen Zeitung des Judenthums, des Hameliz, Ha Karmel, Hamagid und in selbständigen Schriften über die Kabbala, über wissenschaftliche Zeitfragen, über die Erfolge der Naturwissenschaften, über die Geschichte und Entwickelung der Philosophie u. a. m. Tüchtiges geleistet. Auch als neuhebräischer Dichter hat er sich mit Glück wiederholt versucht. Das Leichenbegängniß fand am 13. unter zahlreicher Betheiligung statt. Rabbiner Dr. Porges widmete dem Verstorbenen einen warmen Nachruf, indem er sein Leben und Schaffen schilderte. Das Andenken des Mannes sei gesegnet! «^.Hamburg, 19. Oktober. Zum Geburtstag der Frau Charlotte Embden, der Schwester Heinrich Heines, trafen gestern von allen Seiten drahtliche und briefliche Glückwünsche ein, und stundenlang wurde die Wohnung an der Esplanade von Besuchern nicht lehr, die persönlich ihrer Freude über das Wohlbefinden der in das 99. Lebensjahr eintretenden würdigen Dame Ausdruck geben wollten. Unter den auswärtigen Geburtstagsgrüßen befanden fich solche aus Berlin, Wien, Paris, Rom, London, Moskau u. a. Die Wittwe Gustav Freytags und Frau Gräfin Friederike Goßmann-Prokesch-Osten seien besonders als Gratulantinnen genannt. Reiche Blumenspenden hatten die Zimmer in einen Blumengarten verwandelt, und die Besucher konnten fich an der staunenerregenden körperlichen und geistigen Rüstigkeit erfreuen, mit der fich Frau Embden nlit Allen unterhielt und manche Erinnerung an längst vergangene Tage auftauchen ließ. Frau Embden ist, wie bekannt, eine gute und treue Anhängerin des Judenthums. Unser Prediger Dr. Leimdörfer gehört zu ihren liebsten Gästen, und besonders gern unterhält sie sich mit ihm wie mit anderen Besuchern über religiöse Fragen. o. Essen a. d. R., 25. Oktober. Der rühmlichst bekannte Seminarlehrer a. D. A. Treu feierte am 23. d. M. hier, wo er jetzt lebt, seinen siebzigsten Geburtstag und zugleich sein 60 jähriges Lehrerjubiläum. Nicht nur als langjähriger Lehrer der Marx Haindorf'schen Stiftung zu Münster, sondern auch als pädagogischer Schriftsteller hat fich A. Treu einen wohlklingenden Namen gemacht und insbesondere als Gründer der Unterstützungskasse des Vereins israelitischer Lehrer für Rheinland und Westfalen große Verdienste erworben^ Als Vorstandsmitglied des von ihm gegründeten Lehrervereins, dessen Ehrenpräses er jetzt ist, hat er über 40 Jahre mit großem Eifer gewirkt und durch zahlreiche Vorträge sehr viel zur Hebung und Belebung der alljährlich stattfindenden Lehrerkonferenzen beigetragen. Münstep, 24. Oktober. Am 12. d. M. ist hier einer unserer besten und eifrigsten Männer, Herr F. Blumenfeld, im 82. Lebensjahr gestorben. Er war 26 Jahre Kurator der Marx-Haindorf-Stiftung und 15 Jahre deren Vorsitzender. Mit seltener Liebe und Hingebung hat er dieses Amtes gewaltet. Er sah seine Lebensaufgabe in diesem Amt. Bor allem lag ihm an der Hebung des Lehrerseminars, und es wird noch ausführlich zu schildern fein, was er dafür geleistet. Blumenfeld war ein Menschenfreund im besten Sinne des Wortes und ein echter, glaubenstreuer Jude. Er war hochgeachtet in unserer Stadt, und noch vor wenigen Wochen erhielt er anläßlich der Anwesenheit des Kaisers den Kronenorden. In seinem Hause gingen hervorragende Führer des politischen Lebens aus und ein. Schorlemer und Windthorst waren ihm eng befreundet. Er blieb aber bescheiden, treu seiner Lebensaufgabe und seinen religiösen Ueberzeugungen bis ans Ende. Das Leichenbegängniß Blumenfelds legte Zeugniß dar für sein Ansehen und seine Beliebtheit in unserer Stadt. Sein Andenken wird hier unvergessen fortleben! a. Karlsruhe, 24. Oktober. Die Abgeordneten der II. israelitischen Landessynode versammelten sich um 10 Uhr Vormittags zum gemeinsamen Gottesdienst in der Synagoge der israelitischen Gemeinde. Um IIV4 Uhr begannen die Verhandlungen im Sitzungssaal der zweiten Kammer unseres Ständehauses. Anwesend find außer dem Großherzoglichen Oberrath der Israeliten 25 Abgeordnete, und zwar 20 weltliche und 5 geistliche Herren. An Stelle des durch Krankheit verhinderten Herrn Geheimen Oberregierungsrath Dr. Becherer eröffnete Herr Regierungsrath Dr. Mayer Namens der Regierung die Sitzungen. Anknüpfend an die Verhandlungen der I. israelitischen Landessynode im Jahre 1895 gedenkt Herr Regierungsrath Dr. Mayer der am 12. Oktober er. erfolgten Eröffnung des Landesasyls für israelitische Sieche und arme Greise „Friedrichsheim"; er gedenkt ferner mit dem Ausdruck der Freude der glücklich überstandenen Krankheit des Herrn Oberraths Bensheimer - Mannheim, streift kurz die vorliegenden Arbeiten und schließt mit dem Wunsch, daß die Verhandlungen zu einem glücklichen Abschluß gelangen und zum Segen gereichen mögen. Alterspräfident Dr. Fürst übernimmt auf Ansuchen den Vorfitz bis zur Wahl des Präsidiums und beruft die Herren Rechtsanwälte Dr. Bielefeld und Dr. Spiegel als Sekretäre. Der Vorsitzende schließt seine kurze Eröffnungsrede mit einem Hoch auf den Großherzog. Zum Zweck der Mandatsprüfungen tritt eine Pause von 20 Minutenein. Sämmtliche Mandate werden nach Wiederaufnahme der Verhandlung für giltig erklärt. Eine Erörterung fand nur über die Wahl in Lörrach statt. Hierauf wurde zur Wahl des Präsidiums geschritten. Gewählt wurden zum 1. Präsidenten Herr Dr. Hachenburg -Mannheim mit 16 Stimmen: — Herr Dr. Friedberg-Karlsruhe erhielt 9 Stimmen —, zum zweiten Prästdenten Herr Dr. Eschelbacher-Bruchsal mit allen gegen 1 Stimme, die auf Herrn Dr. Fürst fiel, zu Sekretären per Akklamation die Herren Rechtsanwalt Dr. Spiegel und Benedikt Herzberger. Alle Gewählten nahmen die betreffenden Wahlen dankend an Und begaben sich auf ihre Plätze. Alsdann wurden vier Kommissionen gebildet; dieselben setzen sich nach dem Vorschlag des Herrn Stadtrath Hamburger wie folgt zusammen: Petitionskommission, bestehend aus den Herren: Bielefeld, Ettlinger, Mayer, Sommer, Moos, Rawicz, Rothschild-Mosbach und Stockheim; Budgetkommission, bestehend aus den Herren Epstein, Halle, Herzberg, Kahn, Dr. Levin, Marx und Stockheim; Berfassungskommisston, bestehend aus den Herren Dr. Bielefeld, Dukas, Eschelbacher, Dr. Fürst, Dr. Friedberg, Hamburger, Dr. Loewenstein, Dr. Spiegel und Netter; Kultus- und Unterrichtskommisflon, bestehend aus den Herren Dreysus, Dr. Friedberg, Homburger, Dr. Levin, Rothschild-Konstanz,Wertheimer-Bühl und Dr.Loewenstein. — Die betreffenden Vorlagen werden hierauf den einzelnen Kommissionen überwiesen, die heute Nachmittag zusammentraten. Die Verhandlungen dürsten im ganzen zwei Tage in Anspruch nehmen, so daß die Berathungen am Mittwoch ihren Abschluß finden. Die Mitglieder der Synode werden sich am Mittwoch Abend zu einem gemeinsamen Mahl im „Nassauer Hof" zusammenfinden. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 24. Oktober. Das Treiben unserer Antisemiten bei der Lazareth-Pest, die hier ausgebrochen, erregt den tiefsten Abscheu.