Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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mm? MM hat den Friedhof bei aller realistischen Treue ungemein stimmungsvoll gemalt. Das Bild macht einen tiefen Eindruck. y. Neu-Weißenfee, 21. Oktober. Am 16. d. M. wurde in der israelitischen Taubstummen-Anstalt zu Weißensee bei Berlin das 25 jährige Jubiläum dieser Anstalt und ihres Gründers, des Herrn Direktor Reich, gefeiert. Trotz des ungünstigen Wetters hatten stch eine große Anzahl von Freunden und Gönnern der Anstalt sowie fast alle ehemaligen Zöglinge eingefunden. Im Namen des Lehrerkollegiums begrüßte Lehrer Kolodzinsky die Gäste und gab im Anschluß hieran eine kurze Skizze der Entstehung und Entwickelung dieser Anstalt. Dann überbrachte Rektor Dr. Holzmann Gruß und Gratulation des Lehrerkollegiums der jüdischen Lehrer-Bildungs-Anstalt, welcher Herr Direktor Reich seine erste Ausbildung verdankt, und die ihn mit Stolz zu ihren Schülern zählt. Dr. Holzmann feierte den Begründer und Leiter der israelitischen Taubstummen-Anstalt als einen wahren Jünger Pestalozzis. Er verglich den Aufenthalt des Jubilars in Fürstenwalde an der Spree, wohin sich dieser vor 25 Jahren trotz der ungünstigsten pekuniären Verhältnisse mit mehreren taubstummen Kindern zurückgezogen hatte, mit Pestalozzis berühmtem Aufenthalt in Stanz. Geheimrath Dr. Marcuse beglückwünschte den Direktor im Namen des Vorstandes des Vereins „Freunde der Taubstummen" und überreichte ein Geschenk und eine Adresse. Hierauf sagte einer von den Zöglingen der Anstalt, ein kleines taubstummes Mädchen, laut und deutlich ein Gedicht her, überreichte einen Blumenstrauß und brachte am Schluffe ein Hoch aus, in das alle Zöglinge einstimmten. Ergreifend wirkte besonders diese Dankesbezeugung der kleinen Taubstummen auf die Anwesenden. Die ehemaligen Zöglinge des Direktors hatten es sich nicht nehmen lassen, ihrem Lehrer als Zeichen der Dankbarkeit Ehrengaben zu stiften. Der Taubstumme Herr Louis Lemmlein, der erste Zögling der Anstalt, gratulirte im Namen aller ehemaligen Zöglinge und überreichte ein kostbares Geschenk und ein Diplom. Im Namen des „Vereins zur Förderung der Interessen der Taubstummen in Deutschland", dessen Ehrenmitglied der Jubilar 5^on längere Zeit ist, überreichte Herr Schüler ebenfalls nach einer kurzen Ansprache ein Geschenk. Die ganze Feier war schlicht, aber man konnte es an den Gesichtern der Anwesenden erkennen, daß sie alle mit ihrem Gemüthe theilgenommen. Zum Schluffe dankte Direktor Reich für all die Ehrungen, die ihm zu Theil geworden, wies einen großen Theil der Verdienste, die man ihm an seinem Ehrentage aufgezählt, aüf die.Wohlthäter zurück, die ihn bei seinem Werke unterstützt haben und es bis heute noch thun, wie Herr Alfons Jacobsohn, die verstorbenen Herren Jacob Nachod aus Leipzig und Julius I. Meyer aus Berlin, ferner die Familie Ginsberg und vor allem Geheimrath Dr. Marcuse. Ohne die Unterstützung dieser und vieler anderer Leute wäre es ihm nicht möglich gewesen, die Taubstummen-Anstalt ins Leben zu rufen. N. Breslan, 23. Oktober. Wiederum hat die bekannte Philanthropin Baronin Klara Hirsch einen Beweis wahrer Menschenliebe und edelster Hochherzigkeit gegeben und gezeigt, daß sie gewillt ist, im Sinne ihres verstorbenen Gatten fortzuwirken. Frau Baronin Hirsch hat der hiesigen Krankenverpflegungs- und Beerdigungsgesellschaft die Summe von 300 000 Mark zum Neubau des Krankenhauses überwiesen, so daß die Verwirklichung des Projektes wohl nicht mehr in allzu weiter Ferne liegt. Der Bauplatz für das neue Krankenhaus ist bereits in gesundester Lage in der Nähe der neuen Altersversorgungsanstalt und des Friedhofes angekauft. Ueberdies verspricht das neue Hospital nach den Mittheilungen, die bisher an die Oeffentlichkeit gelangt sind, eine wahre Musteranstalt zu werden und in jeder Beziehung den modernen Anforderungen eines derartigen Institutes zu entsprechen. — Auch eine andere gemeinnützige Anstalt wird in nächster Zeit ein neues Heim erhalten; für die Schottländer'sche Familienstiftung, begründet von Herrn Rittergutsbesitzer Julius Schottländer, wird auf der Trinitasstraße ein Neubau errichtet. — Vollendet ist nunmehr das Logenhaus der hiesigen Lessingloge. In bester Gegend gelegen, kann das stattliche neue Gebäude, dessen Front einen vortrefflichen Eindruck macht, als in jeder Beziehung geradezu vollendet bezeichnet werden. Die hiesige Presse hebt einstimmig die großartige architektonische Gestaltung und treffliche Akustik des großen Saales hervor; die Klubräume, der Speisesaal, der große Sitzungssaal, die Wirthschaftsräume entsprechen alle in gleicher Weise den höchsten Anforderungen. — Herrn Professor Dr. Gustav Born, der erst unlängst durch Ernennung zum ordentlichen Honorarprofessor in der hiesigen medizinischen Fakultät ausgezeichnet wurdewurde anläßlich der Einweihung der neuen Anatomie der Rothe Adlerorden 4. Klasse verliehen. Herr Geheimrath Haffe, der Direktor der Anatomie, hob bei der Einweihung auch die großen Verdienste hervor, die stch Professor Born als Vorsteher der Abtheilung für Embryologie durch seine bahnbrechenden Arbeiten auf diesem Gebiete erworben hat. MW. Magdeburg, 17. Oktober. Oberstabsarzt a. D.Dr. Rosen - thal feierte am 14. Oktober im engen Kreise seiner Familienangehörigen und nächsten Freunde das fünfzigjährige Jubiläum seiner medizinischen Doktorpromotion. Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch lebhaft, wie Rosenthal in der Choleraepidenne 1673 energisch die Beseitigung der damals in unserer Stadt bestehenden Uebelstände anstrebte und alle Kräfte zu diesem Zweck mobil machte. Unermüdlich ist er seitdem für die Hebung der Gesundheitseinrichtungen unserer Stadt in Wort und Schrift eingetreten. Der Jubilar ist am 18. Januar 1825 zu Ermsleben am Harz geboren, erhielt zunächst in der Volksschule seines Heimathsortes, dann auf dem Gymnasium zu Quedlinburg seine Ausbildung und bezog 1844 zum Studium der Medizin die Universität Berlin. Nachdem er sein vierjähriges Studium an der Universität beendet hatte, legte er am 14. Oktober 1648 sein Doktorexamen ab. Seine Doktordissertation über die Nervenphystologie Galens war ein Bruchstück ans einer größeren, von ihm schon während der Studienzeit verfaßten Schrift; es war eine von der medizinischen Fakultät gestellte Preisaufgabe, für deren glückliche Lösung ihm die goldene Preismedaille zu Theil geworden war. Im Winter 1848/49 bestand er die Staatsprüfung als praktischer Arzt, ward dann im Herbst 1849 als einjährig-freiwilliger Arzt beim 2. Garde-Ulanen- (Landwehr-) Regiment in Berlin und bald darauf in derselben Eigenschaft bei einem Truppenkörper in Magdeburg angestellt, wo er 1850 zum Assistenzarzt und 1660 zum Stabsarzt des vierten rnagdeburgifchen Pionierbataillons befördert wurde und während seiner ganzen, 23 Jahre umfassenden Dienstzeit verblieben ist. In den Jahren 1850 und 1865, wo größere Epidemien der Cholera in Magdeburg herrschten, ward er zur Cholerastalion des Militärlazareths körn man dirt. Für seine Leistungen im Choleralazareth wurde dem jungen, noch nicht 30jährigen Arzt nach der Epidemie von 1850 eine ehrende öffentliche Anerkennung durch Parolebefehl des kommandirenden Generals und 1865 der Rothe Adlerorden IV. Klasse verliehen. Aus den Feldzügen 1866 und 1870/71, in welch letzterem er die Stelle eines Regimentsarztes beim 86. Regiment bekleidete, hat er die Ehrenzeichen der Schwerter zum Rothen Adlerorden und des Eisernen Kreuzes heimgebracht. Nach dem Kriege 1870/71 nahm er seinen Abschied, um sich seiner Privatpraxis und eifrigen hygienischen Studien zu widmen. Seit dem Jahre 1881 bekleidet er das Ehrenamt eines Stadtverordneten und . hat auch hier mit Vorliebe den mannigfachen, das städtische Gesundheitswohl betreffenden Fragen fein Interesse und seine Arbeitskraft zugewendet. Durch aufrichtige und uneigennützige Gesinnung und durch edle Menschenfreundlichkeit, die er in seinen ärztlichen und öffentlichen Lebensbeziehungen bethätigte, hat der Jubilar nahezu 50 Jahre in Magdeburg vorbildlich gewirkt und sich in weiten Kreisen seiner Mitbürger Ansehen, Achtung und Zuneigung erworben. Soweit die „Magdeburger Zeitung". Aber in dem Gesagten erschöpft sich das prunk- und selbstlose, allem Aufsehen abholde, segensreiche Schaffen des verdienstvollen Mannes noch bei Weitem nicht. Denn es giebt hier kaum ein Gebiet öffentlicher gemeinnütziger Thätigkeit, an welchem unser Jubilar nicht in hervorragender Weise betheiligt wäre. Auch an allen dem Gemeinwohl dienenden Institutionen unserer Kultusge meind e hat er seit vielen Jahren den aktivsten Anthell. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender unseres aus kleinen Anfängen zu schöner Blüthe sich entwickelt habenden Wittwen- und Waisen-Unterstützungsvereins, langjähriges Mitglied des Repräsentantenkollegiums, der Schulkommisston und der Kultuskommission unserer Gemeinde, Mitbegründer und Vorstandsmitglied unseres Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur, in welchem er alljährlich durch seine geistvollen Vorträge den Zuhörerkreis zu fesseln weiß, so im letzten Winter, als er nach einer mehrmonatlichen Bereisung Spaniens (über welche er auch in der „Magdeburger Zeitung" eine größere Serie Reisebriefe veröffentlichte) über„Toledo, das spanische Jerusalem" sprach und seinen Bortrag durch treffliche, an Ort und Stelle dieserhalb erworbene Photographien illustrirte. Ueber die Feier des Jubiläums erfahren wir nachträglich, daß dem Jubilar in