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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-28 · Heft 43 (28.10.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 43 (28.10.1898)
Date
1898-10-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Die ganze Hetze geht nämlich gegen Hvfrath Nothnagel, welcher der ganzen Thätigkeit auf dem Gebiete der Pesterforschung vollkommen fern steht, und der zur Erkrankung des Dieners Barisch keine andere Beziehung hat, als daß dieser als ein an Lungenentzündung Erkrankter auf seine Klinik gebracht wurde. Eine wilde Hetze wurde gegen den Gelehrten inszenirt, denn Prof. Nothnagel erfreut sich wegen seiner muthigen Stellungnahme gegen den Antisemitismus seit Jahren des bittersten Hasses der von Lueger, Gregorig und Schneider geführten Christlichsozialen. Man meint wirklich in die dunkelsten Zeiten des abergläubischen Mittelalters versetzt zu sein, wo man, wenn die Pest ausbrach, den Juden nachsagte, daß ste die Brunnen vergiftet hätten. — Der Professor der Theologie in Prag Rohling, der Autor des „Talmudjud", wollte sich der Index-Kongregation, die seine Schrift über den Zukunftsstaat auf den Index gesetzt hat, nur mit Vorbehalt unterwerfen. Dies wurde in Rom als unzureichend befunden; der Unterrichtsminister hat deshalb jetzt die halbjährige Beurlaubung Rohlings verfügt. — Das Urtheil in dem Krakauer Prozeß ist nun gefällt: Die Geschworenen verneinten einstimmig die Schuldfrage wegen Mordes, verurtheilten jedoch Chaim Färber wegen Todtschlags zu siebenjährigem und Salomon wegen der Mitschuld an der That zu einjährigem schweren Kerker. — Die Zustände in Galizien spotten überhaupt jeder Beschreibung. In Komarno ging vor Kurzem spät Abends ein Gendarm an der Synagoge vorüber und bemerkte, daß sie noch zu dieser ungewöhnlichen Zeit beleuchtet sei. Schlimmes ahnend, ließ er durch einen des Weges kommenden Juden seine Kollegen verständigen, die auch alsbald erschienen. Beim Eintritt in die Synagoge bot sich ein ungewöhnlicher Anblick dar. Die Thorarollen lagen auf der Erde, und in der heiligen Lade waren Kruzifixe und andere Kirchen-' geräthe verborgen. In einem Winkel wurden zwei Individuen in jüdischpolnischer Tracht, die Taubstummheit simulirten, aufgefunden. . Nachdem man konstatirte, daß die Kruzifixe aus der dortigen Kirche stammen, wurde auch diese einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Es fehlten die in der Synagoge Vorgefundenen Kruzifixe, und die Altäre rc. warew in unsagbarer Weise beschmutzt. Die sofort eingeleitete Untersuchung ergab, daß die Uebelthäter Christen sind, welche, von den Geistlichen aufgehetzt, vor einer Besudelung der eigenen Heiligthümer nicht zurückschreckten, um nur die verhaßten Juden zu verderben! So wurde — bemerkt hierzu der Berichterstatter — der stadtbekannte Plan der Geistlichen vereitelt.. Die Untersuchung wird fortgesetzt. — In Jaslo wurden vierzig, in Neu-Sandec zweiundvierzig Bauern wegen antisemitischer Exzesse zu Kerkerstrafen von drei Wochen bis sechs Monaten verurtheilt. — Der Philanthropische Verein in Wien hat den Gedanken angeregt, für die Unterbringung plötzlich obdachlos gewordener Familien ein Asylhaus zu gründen, für dessen Erbauung Baron Rothschild 10 000 fl. gespendet hat. — In Olmütz ist am 18. d. M. der Malzfabrikant Samis Groag gestorben. Der Verstorbene hat sich trotz eines qualvollen Leidens, das ihn zeitlebens nie verließ, durch eisernen Fleiß und unermüdliche Arbeit zu einem der geachtetsten Kaufleute der Stadt emporgeschwungen. Das Leichenbegängniß des im 54 Jahre Verstorbenen gestaltete sich durch die massenhafte Betheiligung aus allen Kreisen zu einer imposanten Trauerfeier. Tiefen Eindruck machte auf die Anwesenden die meisterhafte Rede des Rabbiners Dr. Oppenheim, der auch der greisen Mutter, des treuen Bruders und der aufopfernden Gattin in warmen Worten gedachte. B. Budapest, im Oktober. Der Reichsrathsabgeordnete Pater Stojalowsky wurde bekanntlich aus Ungarn ausgewiesen und seine Druckerei gesperrt. Bor etlichen Tagen wurde er und sein Personal verhaftet und nach Trencsin eskortirt. Doch der Pater sprang vom rollenden Zug herunter und ging durch. Die jetzt unterdrückten Blätter werden in Preßburg weiter erscheinen, wohin sich der Pater begab. — Der niederländische Generalkonsul I. H. Texeira de Mattos ist einem schweren Leiden erlegen. Er erfreute sich in hiesigen Kreisen ' großer Beliebtheit. — In Raab wurde Rabbiner Dr. M. Schwarz mit Rücksicht auf die Landestrauer ohne besondere Feierlichkeiten in seist neues Amt eingeführt. — An der hiesigen Universität waren 4929 Hörer, darunter 1500 jüdische, immatrikulirt. Von Letzteren gehörten 66 pCt. der juridischen, 24 pCt. der medizinischen und 8 pCt. der philosophischen Fakultät an. An der medizinischen Fakultät hatten die jüdischen Hörer die absolute Mehrheit, während sie an der juridischen mit 29 pCt. und an der philosophische Fakultät mit 17 pCt. vertreten find? - Asten. Z. Jerusalem, im Oktober. Ueber den Plan der Kaiserreise verlauten jetzt einzelne nähere Details. In Jerusalem trifft der Kaiser am 29. d. M. früh 9 Uhr ein und rastet im Zeltlager bis 3 Uhr. Dann findet der feierliche Einzug statt, bei dem unter Anderen die hiesigen Oberrabbiner den deutschen Herrscher begrüßen werden. Gegen Abend wird Empfang im deutschen -Konsulat sein, bei dem wahrscheinlich auch die beiden Oberrabbiner dem Kaiser vorgestellt werden. Erfolgt seitens des Konsulates btz Bestätigung, so wird bei jener Begrüßung eine Adresse in deutscher und hebräischer Sprache mit einer kurzen Rede überreicht werden. Die Kinder des deutsch-jüdischen Waisenhauses und der Lämmelschule sollen im Spalier neben dem Triumphbogen stehen und bei der Ankunft des Kaisers denselben mit einem hebräischen Liede nach der Melodie „Heil dir im Siegerkranz" begrüßen. Doch sind alle diese Maßnahmen noch von der offiziellen Zustimmung des deutschen Konsuls abhängig, während der Pascha schon zugestimmr hat. Am 4. nächsten Monats (Freitag Nachmittag) ist im Programm der kaiserliche Besuch der Klagemauer der Juden vorhergesehen. Amerika. 6. H. New-Uork, 9. Oktober. Die Legislatur des Staates Oregon hat soeben Herrn Joseph Simon, einen angesehenen Advokaten aus Portland, zum Bundessenator gewählt. Der Bundessenat besteht aus 90 Mitgliedern, von denen jeder Staat der Union je zwei wählt. Herr Simon ist der einzige Jude in dieser Körperschaft. Joseph Simon wurde 1851 in Deutschland geboren und kam im darauffolgenden Jahr nach Amerika. Von Nah und Fern. — Sanitätsrath Dr. Heinrich Straß mann ist zum Geheimen Sanitätsrath, die Aerzte Dr. Max Salomon, Dr. Moritz Korn und Dr. Leopold Ewer sind zu Sanitätsräthen ernannt worden. — Die Feier des siebzigsten Geburtstages beging am 23. d. Mts. Herr Dr. Falken heiß», der von 1874 bis 1696 Leiter der israelitischen Waisenknabenanstalt in Posen war. Dem Jubilar, der jetzt in Berlin wohnt, wurde von seinen früheren Zöglingen eine Adresse überreicht. — Der Kaufmann Jacob Friedländer, der Begründer und unermüdliche Förderer des Berliner Sanitätswesens, beging am 28. d. M. die Feier seines 70. Geburtstages. — Die Fabrik chirurgischer Instrumente Louis & H. Löwenstein hier hat für hervorragende gewerbliche Leistungen die „Königlich preußische Staatsmedaille in Silber" erhallen. — In Ratibor feierte Herr Louis Bartenstein, der Seniorchef der gleichnamigen Firma, feinen 70. Geburtstag. Gleichzeitig war es 35 Jahre her, daß er in die Verwaltung der hiesigen Synagogengemeinde eintrat. Rabbinat, Vorstand, Repräsentanten und andere Vereinigungen ehrten den durch seine treue, hingebende Arbeit wie durch sein friedfertiges und liebmswürdiges Wesen allverehrten Mann durch Deputationen und Adressen. — Kommerzienrath Rudolf Bamberg er in Mainz, der Bruder Ludwig Bambergers, erklärte in der Stadtverordnetenversammlung, daß er mit Rücksicht auf sein hohes Alter kein Mandat mehr annehmen werde. Rudolf Bamberger hat der Stadtverordnetenversammlung seit 1865 angehört und sich während dieser langen Zeit um die Stadt hoch verdient gewacht. — Die Talesweber (Weber von jüdischen Gebetmänteln) in Kolomea (Galizien) ungefähr 60 an der Zahl, haben die Arbeit eingestellt, da ihre Arbeitgeber verlangen, daß sie die von ihnen geschaffene Organisation auflösen sollen. Die streikenden Arbeiter, welche ohne Ausnahme der jüdischen Religion angehören, erlassen einen Aufruf an die Textilarbeiter aller Länder um Unterstützung. — Die türkische Regierung hat, wie durch Plakat an allen Synagogen mitgetheilt wurde, die zionistischen Zeitungen, speziell auch die „Hazefirah", für das türkische Reich verboten. Das ist die offene Erklärung gegen den Zionismus und schafft wenigstens eine klare Situation. Die Führer des Zionismus wissen also, daß die Türkei ihren Bestrebungen abhold ist. — In New-Uork ist der bekannte Philanthrop M. Werner im 90. Lebensjahre gestorben. Seine besondere Fürsorge galt dem Hebrew Orphan Asylum. — Nathaniel Levi ist wieder einstimmig zum Mitglied des Parlaments von Victoria für die Nordprovinz gewählt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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