Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 515 - Judenseele!" Die Wuth stieg aufs Höchste; schon lag Jbn Wakar auf der Erde, und blanke Schwerter drohten ihm schnellen und schrecklichen Untergang; da wurde plötzlich eine Seitenthür aufgeriffen, und in das Zimmer stürzte ein junges Mädchen von ungemeiner Schönheit, wie es schien, soeben dem Lager entsprungen, mit langem, über die Schultern wallendem blonden Haar. Sie war kaum bekleidet. Mit unglaublicher Kraft drängte sie sich durch den dichten Haufen, der ihr erstaunt Platz machte, und warf sich über Jbn hin, um ihn mit ihrem Körper zu schützen. „Wehe!" rief sie, „mein Vater! mein Wohlthäter! Verschont ihn, und tödtet mich!" Die Studenten wichen Anfangs staunend zurück, denn selbst den Rohesten flößte sie Achtung ein; bald aber drängten sich die Ungezügeltsten aus dem Haufen vor; neue Begierden wurden angefacht; der Wein machte sie zu wüthenden Furien, und das Schlimmste stand zu erwarten. „Ein Phänomenon, eine blonde Judendirne!" rief Einer. „Sie ist schön!" ein Anderer. „Her mit ihr!" schrieen Viele; schnell waren Beide in die Höhe geriffen, und mit wildem Ungestüm drang ein Pole auf das Mädchen ein. „Zurück!" rief plötzlich Jbn Wakar, „sie ist eine Christin, meinem Schutz übergeben! Wehe Dem, der sie berührt; wehrlos habe ich mich Euch überlasten, aber über meinen Leichnam erst sollt Ihr verletzend zu Eurer Glaubensgenossin treten." „Schemah Israel!"1) wimmerte Mardochai Jaffe lauter als zuvor. In diesem Augenblick drangen mit mehr als menschlicher Gewalt Wilibald und Wilhelm in das Zimmer. Wilibald schleuderte den Polen, der das Mädchen umschlungen hatte, kraftvoll zurück. „Wer ihn beleidigt, beleidigt mich!" rief Wilibald; „ein Schurke, wer ihn anrührt!" „Warum packt Ihr nicht lieber den Anderen!" rief Wilhelm, „der ist es, der den Magister Bernhard von Czaslau so ausgesogen und betrogen hat!" „Hat er vom Arzt Uebles geredet, so hat er ihn verleumdet. An dem Schuft ist kein gutes Haar!" „Pfui!" rief Wilibald, „Wehrlose wollt Ihr turbiren, das thut kein rechter Bursch!" „Er hat Recht, er hat Recht; hört Wilibald Bischer!" schrieen Viele, es ist wahr, die Betrunkenen haben Schuld. Laßt ihn laufen I Vielen war während des Unfugs der Rausch bereits verflogen, und es hatte sie gar sehr gereut, aber sie hatten es nicht gewagt, sich der Menge zu widersetzen. Jetzt ergriffen diese die Betrunkensten, drängten sie hinaus, und fast Alle verließen das Haus. „Aber der Alte soll mit!" rief der wüste Pole, der erst auf die Jungfrau eingedrungen war, wüthend, daß ihm die schöne Beute entging. „Er soll mit und m den tiefsten Brunnen, einen Stein um den Hals!" Mehrere ergriffen den Mardochai Jaffe trotz allen Sträubens und schleppten ihn mit sich fort, Wilhelm eilte ihnen nach, um noch mehr Unfug zu verhüten. Wilibald blieb bei Jbn Wakar zurück. In diesem Augenblick traten die Pedelle der Universität mit einer Schaar Kriegsleuten in das Haus und führten Wilibald, da sie keinen Anderen mehr vorfanden, zu dem Rektor Magnificus. —- Gorts. folgt.) i) Höre Israel! Literarische MittheUrmgen. ---- S. Lublinski: Jüdische Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Ludwig. Berlin 1898, Siegfried Cronbach. Der Titel dieses ästhetischen Werkes besagt nicht, daß die dichterischen Gestalten unter jüdischen Gefichtspunkten oder gar mit jüdischen Tendenzen betrachtet und analysirt würden, sondern der Verfasser hat sich aus besagten Gestalten der germanischen Dichter die jüdischen herausgeholt zu seinen ästhetischen und psychologischen Betrachtungen, weil er glauben dürfte, daß er als Jude sie tiefer durchschauen könne als Andere. In der Epoche des höchstgesteigerten Individualismus, wie der scheußliche Modeausdruck lautet, den die Journalisten auf dem Gewissen haben, wird immer allgemeiner anerkannt, was bereits Treitschke einmal (in Bezug auf Berthold Auerbach) ausfpricht: daß das Tiefste und Geheimnißvollste einer Volksseele, seine halben Traum- und Dämmerzustände, nur von einem Volksgenossen dargestellt und begriffen werden können. Für den schaffenden Dichter war diese höchste Gewissenhaftigkeit zumal durch den Wirklichkeit- und Wahrheitsstnn der naturalistischen Bewegung gefordert worden, und z. B. Georg Hirschfeld mag durch die naturalistische Praxis, von der er ausgegangen, veranlaßt worden sein, daß er jüdisches Milieu und jüdische Gestalten die er darstellte, nicht verwusch oder gar bequemlich ins allgemein Deutsche transponirte, sondern in ihrer charakteristisch jüdischen Färbung beließ. Jetzt übt Lublinski als erster unter den Kritikern dieselbe Gewissenhaftigkeit und, es ist unzweifelhaft, mit dem ergebnißreichsten und werthvollsten Gewinn. So vermag er zumal die seltsamen, mystischen Traum- und Dämmerzustände Hebbel'scher Gestatten aus dem intuitiven Berständniß der jüdischen Volksseele heraus auf eine überraschende und erstaunliche Weise klar zu deuten. So sind die Essays über Hebbel'sche Gestalten (Judith, der Jude in der Genoveva, Herodes und Marianne) glänzende Meisterstücke geworden. Aber die jüdische Zugehörigkeit des Verfassers ist diesem Werke noch in einer anderen Beziehung werthvoll geworden: hier stellt fich die für die geistige Veranlagung des Juden so charakteristische Neigung zum absoluten Denken deutlich dar und verhindert, daß irgend welche Tendenz hervortrete. Was dem Dichter die reine, unbefangene Freude am Gestalten, mag diesem Kritiker die Freude sein am Denken schlechthin, und diese Absichtslostgkeit mag seinem Werke den Charakter eines Kunstwerkes geben; wie desgleichen künstlerisch die Sorgfalt, mit welcher die Form behandelt ist und durch die der Stil wahrhaft elegant geworden. Zugleich mag diese auffällige Neigung zum Reflektirenden der zweite Grund sein, weshalb dem Autor gerade die Gestalten des Reflexionspoeten Hebbel vornehmlich gelungen, während die Grillparzers hier eigentlich kaum eine neue und auffällige Beleuchtung erfahren. M. A. I. Herzberg: Für unsere Unmündigen. Dreißig Erzählungen aus der Bibel. Ein Lesebüchlein für die israelitischen Kleinen in Haus und Schule. Bromberg, Friedich Ebbecke. 1898. Es ist schon viel darüber diskutirt worden, wann mit dem Unterricht in der biblischen Geschichte begonnen werden kann und soll. Die Meinungen der hervorragendsten Vertreter der neueren Pädagogik gehen in dieser Frage sehr aus einander. Die Herbartianer schließen von dem Unterricht in biblischer Geschichte die Unterstufe aus, für den ersten Religionsunterricht („Gefinnungsunterricht") sollen nach ihrer Ansicht „Märchen" benutzt werden. Wir meinen jedoch, daß das, was man durch Behandlung von Märchen nur auf künstliche Weife erreicht, bietet sich an der Hand biblischer Geschichten von selbst. Nach unserer Erfahrung find auch die sechsjährigen und häufig noch jüngere Kinder für die ethischen Momente der biblischen Erzählungen zugänglich. Natürlich muß eine verständige Auswahl der zu behandelnden Geschichten getroffen werden und die Form der kindlichen Sprache angepaßt sein. Diesen Anforderungen will das Herzberg'sche Büchlein genügen, das wir allen mit der Erziehung der Kleinen betrauten Personen empfehlen wollen. Sie werden es mit Vortheil benutzen können. F. ----- Das Septemberheft des Jahrgangs 1898 der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Berlin, S. Calvary & Komp.) hat folgenden Inhalt: S. Horovitz, Die Dünner'schen Talmudglossen. — David Rosin s. A., Die Religionsphilosophie Abraham Jbn Esras (Fortsetzung). — Martin Schreiner, Samau'al b. Jahja al-Magribr und seine Schrift „Jfham al-Jahüd" :) ' .t|