Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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W^WNWWWMV 514 Sie ist glücklich geworden, die vertriebene Fürstin! Liebe, Poesie, Reichthum, Friede — alles Glück der Erde ist niedergeströmt auf das holde Geschöpf!—Zwar Edoms Stern ist sie nicht mehr — aber sie ist Salomos Sulamith! Der König und Iva standen lange schweigend vor dem lieblichen Bilde. Sulamith schlummerte ungestört fort, und ihre leisen Athemzüge hörte man zuweilen durch das feine Geriesel der Quelle hindurch. „Siehe," sagte der König mit leuchtenden Augen, „ich liebe sie und bin glücklich!" Iva bebte und zog die Falten des Schleiers vor dem Angesicht eng zusammen. Einige Minuten später war die Königin der Wüste aus Salomos Gärten verschwunden. Auch die beiden Sklaven waren nicht mehr zu sehen. Der König kehrte mit leichten, elastischen Schritten zu dem Kiosk zurück. Er schob leise den Vorhang bei Seite und trat zu der schlummernden Sulamith. Der Vorhang aber sank zurück, und der König war von leichter Dämmerung umgeben. Der König rollte leise einige Kissen an die Seite der Schlafenden und ließ sich auf dieselben nieder. Er blickte in das stilllächelnde und doch ruhige Angesicht des Mädchens, welches fortschlummerte, während leise Athemziige den halbgeöffneten Mund verließen, und die Falten des Schleiers über bem Busen fast unmerklich zitterten. Diese Gruppe war reizend und ruhig. Das edle, gebietende Angesicht des Königs, welches mit glänzenden Augen auf die Schlafende blickte, und dann die Schlafende selbst in ihrer regungslosen, anmnthigen Ruhe schienen fast zwei edel gemeißelte, herrliche Bildsäulen. Da bebte ein leiser, musikalischer Laut mi5 den Gebüschen und Bäumen empor, welche den Kiosk umwucherteu. Eine leise, weich Melodie folgte den einleitenden Tönen. Dann erhob sich eine sanfte, weibliche Stimme und begann voll glühend schwärmerischen Ausdrucks zu'singen. Was sie aber sang, das waren die Worte jenes unsterblichen Liebesgesanges, welchen der Dichter-König seiner Sulamith widmete. Die weibliche Stimme sang also:' „O, daß du mein Bruder wärst, der meiner Mutter Brüste gesogen hätte! Wenn ich dich dann draußen fände, so wollte ich dich küssen, und man würde mich nicht darum höhnen! Ich wollte dich führen, ich wollte dich in meiner Mutter Haus bringen, und sie würde mich lehren. Da wollte ich dir zu trinken geben von gewürztem Wein, von dem Moste meiner Granatäpfel!" Die unsichtbare Sängerin schwieg, während die begleitenden Flöten in kosenden, leiseren Tönen ein sehnsüchtiges Verlangen nachahmten. Dann saug die Stimme wieder in schmachtenden Tönen: „Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte umfängt mich. Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, daß ihr die Liebe nicht wecket, eh' eS ihr selbst gefällt." Die Töne zerfloffen gleichsam in sehnsüchtigem Schmachten. Dann wurde ihr Ausdruck plötzlich rascher, lebendiger, und eine sonore Männerstimme erwiederte der Sängerin: „Wer ist die, die heraufgeht aus der Wüste und gesellet sich zu ihrem Geliebten? — Unter einem Apfelbaum wecke ich dich; daselbst hat dich geboren deine Gebärerin!" Die Stimme schwieg eine Weile, während die Musik fortging. Dann fiel sie wieder ein,in bittenden, liebkosenden Tönen: „Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod, und Neigung ist hart wie das Grab. Ihre Gluth ist eine feurige Gluth wie die Flamme des Herrn! Ja, auch viel Waffer mögen diese Liebe nicht auslöschen, und Ströme mögen sie nicht überschwemmen. Wenn Einer alles Gut in seinem Hause um diese Liebe geben wollte, so würde man ihm ganz und gar verachten." Der Sänger schwieg, und nun begann die weibliche Stimme von Neuem: „Salomo hat einen Weingarten gehabt zu Baal-Hamon. Er hat denselben Weingarten gegeben den Hütern, daß ein Jeglicher für seine Frucht brächte tausend silberne Sekel. Aber mein Weingarten, den ich habe, dessen warte ich selbst. Nimni dir hin, o Salomo, die Tausend, aber Zweihundert mußt du lassen denen, die seine Frucht hüten!" Und die Sängerin wiederholte nach einer Pause in schmachtenden, wie der Empfindung erliegenden Tönen: „Nimm dir hin, o Salomo, die Tausend!" Da erhob sich die Stimme des Sängers sehnsüchtig und feurig: „O, die du wohnest in den Gärten, meine Gesellen merken auf deine Stimme. O, laß mich, sie hören!" Die Musik rauschte in feurigen Weisen dahin, bis sie allmälig leiser und weicher entschlummerte. Dann hörte man noch einnml die Stimme der Sängerin, welche leise, wie von Scham gefesselt, aber lockend gleich dem Girren der Turteltaube sang: „Komm eilends, mein Geliebter! und sei gleich einem Reh oder einem jungen Hirsch, streichend auf den würzigen Bergen!" Die Töne entschlummerten — und wurden nicht mehr gehört. Sulamith hatte sich bei den ersten Tönen des Gesanges schon emporgerichtet. Ihr Angesicht wurde von Gluth überströmt, als sie den König neben sich gewahrte. Er aber neigte sich hinüber und faßte sie mit beiden Armen um den Leib. Er zog sie zu sich, und ihr Haupt, von den dunklen Haaren fast verhüllt, sank auf die Brust des Königs, während die berauschenden Klänge des Gesanges in ihr Ohr strömten. Die Sänger verstummten; laue Luft des Abends wehte durch das Laub der Bäume herein und goß tausend Düfte über das Gemach aus. Nas Geheimnis. Historische Erzählung von A. Stern. (Fortsetzung.) n demselben Augenblick hatte Einer die in schönem Schranke hinter kostbaren Vorhängen stehende Gesetzesrolle herausgerisseu und sie als Teppich vor dem Senior ausgebreitet. Mardochai Jaffe konnte den Greuel nicht ertragen und flehte ängstlich um Loslaffung; er bot Gold über Gold, aber es half nichts; zwei kräftige Studenten hielten ihn fest, heulend und zähneklappernd fiel er in die Knie; man riß ihn jedoch mif, und derbe Stöße mit den Hieberkörben zwangen ihn, aufrecht zu bleiben und in entsetzlicher Angst den Ausgang zu erwarten. Jbn Wakars ruhige Haltung flößte den Studenten unwillkürlich Achtung ein. „Ihr seid keine Christen," sagte er, sich zu den Wildesten wendend, „ärger denn die Heiden seid Ihr!" Diese Worte gossen Oel in das Feuer. „Nieder mit ihm! riefen viele Stimmen wild durch einander. Der will uns Mores lehren; wie darf er sich das unterstehen; in die Hölle mit der