Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 513 - Man vergesse doch nie, daß selbst die radikalsten Kritiker Bekenner des Christenthums, meistens sogar Professoren der evangelischen Theologie sind. Verzichtet aber der Kritiker auf jede persönliche Stellungnahme, dann ist diese Wissenschaft nur noch (Litteratnr-)Geschichte, ein Aufarbeiten historischen Materials. Sie will Schicht machen, säuberlich rubriziren und in ein Fach ihres AlterthümsmuseumS verschließen. Die Theologie wird zur Geologie, zum Studium einer verwitterten Schicht des religiösen Lebens. Das Maximum des persönlichen Antheils, den man daran nehmen kann, ist das des geschichtlichen Interesses, eine Befriedigung der Wißbegierde. Uns aber ist die Bibel ein Buch des Lebens, unseres Lebens, und darum brauchen wir eine eigene, eine jüdische Wissenschaft von der Bibel, damit sie uns neue Quellen des Lebens eröffne. Wir brauchen eine Bibelwiffenschaft, welche nicht blos das Richtige feststelle, sondern „die Seele erquicke", nicht blos wahr sei, sondern „den Thoren weise mache", nicht blos korrekt sei, sondern „das Herz erfreue", nicht blos unverfälscht sei, sondern „die Augen erleuchte". Nur solche Forschung ist dem wahren Wesen der Bibel adäquat, und so ohne alle Seitenblicke verstehen kann die Bibel weder die vorurtheilsvolle christliche Auffassung noch eine vocaussetznngslose, rein verstandesgemäße Kritik, sondern nur der Jude. Nur der Jude ist Geist von ihrem Geist, nur er ist ihr unwandelbar treu geblieben und hat nie den Zusammenhang mit ihr zerrissen. Gilt es nun, diese jüdische Bibelforschung näher zu beschreiben, so kann nicht die Rede davon sein, daß sie in allem etwas anderes sei als die christliche. Da sie das Objekt gemeinsam haben, so ist auch alle Arbeit im Sachlichen gemeinsam. Es kann keine jüdische Grammatik des Hebräischen geben, 'und seit der Renaissance ist die Zeit für immer vorbei, wo diese Disziplin ein Monopol von Bekennern des Judenthums ist. Es kann keine jüdische Archäologie und Geographie der Bibel geben. Ferner die Voraussetzungslosigkeit und absolute Freiheit des Forschens bei der Ermittelung des Sachlichen, Litterarischen und Historischen muß auch ihr Grundsatz sein, wenn anders sie den Namen einer Wissenschaft verdienen soll. In diesem reinen Wahrheitsstreben bleibt die jüdische Bibelforschung die Schwester, wenn man will die Tochter, der christlichen. Wir werden eine größere Pietät gegen die jüdische Tradition hegen, weil wir sie besser kennen und ihren Werth zu schätzen wissen und keinen Grund zu feindseliger Mißgunst haben, aber ein Dogma kann sie auch für uns nicht sein. Wenn man nach der einen Seite nicht genug vor Uebereilung und zur Vorsicht mahnen kann, so ist nach der anderen Seite der unbedingte Muth zu fordern, die Wahrheit anzuerkennen, von wem sie auch gefunden sei, und wie auch ihre Urtheile ausfallen mögen. Die Fernhaltung von der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Bibel in unseren Kreisen ist — man muß es aussprechen — eine Frucht der Angst vor ihren Ergebnissen. Man fürchtet, daß durch sie die Grundlagen des Judenthums untergraben werden. Da man sich nun nicht getraut, sie zu widerlegen, so treibt man die Vogel Strauß-Politik, vor ihr die Augen zu verschließen. Man wirft sich auf spätere Epochen, man studirt die sekundäre und tertiäre Litteratur, aber man geht in weitem Bogen scheu um die Bibel herum. Diese Entsagung bedeutet nicht mehr und nicht weniger als den eingestandenen Bankerott. Denn wenn die Bibel auch nicht unser Alles ist, auskommen können wir ohne sie nicht. Sind aber die Ergebnisse der Wissenschaft Wahrheit, so werden wir uns der Nothwendigkeit. uns mit ihnen auseinanderzusetzen, doch nicht entziehen können. Wir müssen uns arrangiren, bevor wir ausrangirt werden. Es hat der katholischen Kirche gar nichts geholfen, daß sie anfänglich die Drehung der Erde um die Sonne nicht anerkennen wollte. Sie dreht sich doch. Hat der biblische Text Fehler — und er hat ihrer zweifellos nicht wenige, denn die Bibel ist ein B uch, also hat sie die Schicksale eines Buches gehabt —, wohlan, so wollen wir sie uns verbessern lassen. Nur eine blinde, ganz unjüdische, vielmehr altprotestantische Orthodoxie kann uns das Dogma aufbürden, daß auch Schreibfehler in der Bibel heilig und inspirirt seien. Ist ja die Maffora selbst nichts anderes als das Resultat einer Art Textkritik. Eine vorsichtige, gut beglaubigte Textkritik wäre die größte Wohlthat für die Bibel und, da sie die Wahrheit von entstellenden Flecken reinigte, geradezu ein gottgefälliges Werk. Sind verschiedene Quellenschriften zu unterscheiden, sei es d'rum! Würde mit unausweichlicher Gewißheit erwiesen, daß der Pentateuch nicht von Mose, die Psalmen nicht von David sind, — gut, so korrigiren wir unsere herkömmlichen Ueberzeugungen, wenn die Operation auch schmerzlich sein sollte. Geschenkt würde sie uns doch nicht werde». Den» schließlich, so sehr ich auch daran trage und davon zehre, ein Enkel zu sein, kein Vorfahr und keine Tradition hülfe mir bei neuen Bedürfnissen meiner Vernunft und meines Herzens, und darum könnten sie mir anch die Befriedigung nicht vorschreiben. (Fortsetzung folgt.) Are Nose von Saron. Eine Erzählung. XVIII. ie gingen weiter, und der König wies mit dem ausgestreckten Arm nach dem hölzernen Gebäude hin. „Dort", sagte er, „opfert Salomo der Liebe und der Schönheit!" Die Fürstin näherte sich dem Gebäude, und der König schob einen der Vorhänge zurück. Ein schwelgerisch geziertes Gemach, von kühler Dämmerung erfüllt, öffnete sich vor den Blicken Jvas. Niedrige Sophas, mit breiten, in den mannigfaltigsten Farben gestickten Kissen, liefen längs den Wänden hin und waren durch die dichten Vorhänge vor jedem Sonnenstrahl geschützt. Von Zeit zu Zeit unterbrachen prächtige, kolossale Vasen, mit Blumen oder frischen duftenden Zweigen gefüllt, die Reihe der Sophas. Der Fußboden bestand aus kühlem, glatt gehauenem Marmor. In der Mitte des Gemaches thürmten sich die Steine absichtlich unregelmäßig und wie klippenartig empor, und es rauschte aus dem Mittelpunkt derselben ein Heller Wasserstrahl empor, welcher, in tausend Perlen aufgelöst, auf die Steine zurückfiel und die Atmosphäre mit immer neuer Kühlung durchschauerte. Alle diese Gegenstände fesselten das Auge nicht lange, denn es fiel mit der lebhaftesten Neugierde sogleich auf eine weibliche Gestalt, die schlummernd über einigen Kiffen lag, welche nahe an den Springquell gewälzt waren. Diese holde Gestalt irrte noch vor Kurzem in steinigen Wüsteneien umher, preisgegeben dem Wetter und den wilden Thieren — und damals war sie die Hoffnung eines unterjochten Volkes! Das hat sich geändert — aber ist sie jetzt nicht glücklicher? — Liebe, Poesie, Reichthum, Friede walten über dem Schlummer dieses Mädchens — ach, Edoms Stern ist sie nicht mehr, aber sie ist glücklich geworden! SSWs i ■