Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- 512 - wird durch Umdeutung freundlich wieder hereingebeten, der Geist muß beleben, was der Buchstabe getödtet hat, d. h. die vermittelnde Formuliruntz muß retten, was sich in der krassen Sprache des gewöhnlichen Glaubens nicht mehr halten ließ. So gelangen nach allerlei Wendungen und Windungen letzten Endes auch die gemäßigteren Richtungen der konservativen christlichen Bibelforschung und, wie wir zeigen werden, auch die allerfreieste zu denselben Resultaten wie die starr-dogmatische. Es ist für uns, wie gesagt, selbstverständlich, daß wir diese Auffaffung direkt ablehnen. Es ist uns unmöglich, im Neuen Testament die wahre Auslegung des Alten, im Christenthum die von Gott gemeinte und gewollte rechtmäßige Erbin der alttestamentlichen Religion zu sehen. Eine biblische Wissenschaft, welche von solchen Voraussetzungen ausgeht oder bei solchen Folgerungen anlangt, kann die Bibel nie verstehen, viel weniger sie uns verständlich machen. Sie ist vielmehr eine Aufforderung an uns zu einer eigenen Wissenschaft. Besser berathen scheinen wir bei der entgegengesetzten Richtung, der historisch-kritischen Auffassung. Diese behauptet, daß sie jede dogmatische Voraussetzung verwerfe und kein anderes Ziel habe als die sachliche Ermittelung und unparteiische Darstellung eines in der Geschichte der Menschheit denkwürdigen Entwickelungsganges. Sie scheint so sehr dem gesunden, nüchternen Rationalismus des Judenthums zu entsprechen, wie er von der Bibel selbst erweckt und durch alle seine großen Geister genährt worden ist, daß hier die Forderung einer jüdischen Bibelforschung bereits erfüllt zu sein scheint. In der That hat die „Bibelkritik" viele Anhänger unter uns, die sich ihr theils bedingungslos, theils mit geringen Vorbehalten angeschlossen haben. Aber ich halte diesen Anschluß für übereilt und verhängnißvoll und die kritische Behandlung der Bibel, wie sie heute herrscht, für einen dem Judenthum noch gefährlicheren Jrrthum. Obgleich bereits hier und da Stimmen kräftigen Widerspruchs sich regen, ist es heute fast noch ein Wagniß, und man läuft Gefahr, für zurückgeblieben und nicht auf der Höhe stehend angesehen zu werden, wenn man sich der Bibelkritik gegenüber ablehnend verhält. Fürchten Sie Nicht, daß ich diese Ablehnung mit dem Dogma der Ueberlieferung oder der Opportunität begründen werde. Hier handelt es sich um Wissenschaft. Es ist lediglich die sich immer von Neuem bestätigende Ueberzeugung von der positiven Fehlerhaftigkeit der Methode, also auch dem Resultat der Bibelkritik. Kein falscher Respekt vor berühmten Namen noch Furcht vor der augenblicklichen Herrschaft der Tagesweisheit darf uns hindern, es in aller Bestimmtheit auszusprechen: daß die heutige Methode dieser'Wissenschaft auf einer unzureichenden Grundlage beruht, daß sie in den schwersten Jrrthümern und Vorurtheilen befangen und ein Tummelplatz der größten Willkür ist. Die Bibel leidet unter ihr noch schwerer als unter der christlich-dogmatischen Auffassung, und für das Judenthum wäre ihre bedingungslose Anerkennung der reine Selbstmord. Die Bibelkritik beginnt mit der Kritik des Textes, schreitet zur Quellenkritik und ordnet dann in der Litterarkritik die gewonnenen Schriften, Dokumente und Fragmente nach einem bestimmten Plan, welcher aus einer gewissen Ansicht aufgestellt ist, wie der Entwickelungsgang der biblischen Litteratur verlaufen sein müsse. Auf dieser litterarischen Substruktion errichtet sie alsdann ein ganz neues Gebäude der Geschichte und Religion Israels. Auf allen diesen fünf Stufen laufen die schwersten Täuschungen mit unter. Der Textkritik fehlt die diplomatische, handschriftliche Bezeugung. Von den Uebersetzungen kommt nur die Septuaginta in Betracht, eines der elendesten Uebersetzungswerke, die es in irgend einer Litteratur giebt, und in einem kritisch unheilbaren Zustande. Von der Konjekturalkritik, die man eben deshalb doch auch wieder nicht entbehren kann, gilt, wenn irgendwo, hier das Wort: „Zweie treffen, dreie äffen". Die Quellenkritik stützt sich auf angebliche Widersprüche und Wiederholungen, deren Ausgleichungen sie eigensinnig als gewaltsame Harmonistik ablehnt, und auf den verschiedenen Sprachgebrauch, der eine petitio prioeipii ist. Schließlich steht sie nach aller Quellenscheidung auch noch aüf dem alten Fleck, indem sie die Schwierigkeiten und Widersprüche in die Redaktion verlegt. Als ob es nicht am Ende gleichgiltig ist, ob die Einheit erst in dem maßgebenden Sammler und bestimmungsgemäßen Publikum oder schon in dem einen Erzähler liegt. Die Litterarkritik richtet sich schon durch die zahllosen Widersprüche ihrer Vertreter. Kaum ein Professor stimmt völlig mit dem anderen über die Abfaffungszeit einer biblischen Schrift überein, und'es ist fast ergötzlich, zu sehen, wie daffelbe Kapitel oft durch alle Epochen eines vollen Jahrtausends gehetzt wird. Eine Geschichte, die auf solchen Voraussetzungen beruht, kann nicht zutreffend sein. Zumal, wenn ihr leitender Faden das, meines Erachtens, falsche Prinzi p der Entwickelung ist, ein Prinzip, das der Naturwissenschaft cr.ilehnt ist, nachdem das Hegel'sche Prinzip von der Entwickelung des absoluten Geistes, das im Grunde daffelbe ist, aus der Mode gekommen ist. Sie verkennt die persönliche Eigenart der Dinge. Was in der Bibel vorliegt, ist etwas Einzigartiges — und was ist es schließlich nicht? — Das Individuelle wird immer zu eigensinnig bleiben, sich in die Uniform eines Schemas stecken oder unter das Lineal einer geradlinigen Entwickelung beugen zu lassen. Geist hat überhaupt keine Entwickelung. Sie können von mir nicht eine gründliche Widerlegung der Bibelkritik, d. h. ihrer Methode und ihrer Resultate, innerhalb eines Vortrages erwarten. Dies ist Sache der Detailuntersuchung. Die Bibelkritik ist ein weitläufiges Gebäude geworden, das nur Stein für Stein abgetragen werden kann. Dies eben war meistens der Fehler der bisherigen Polemik, daß sie sich die Sache so leicht gemacht hat. Zu einer Seite Jrrthum gehört bekanntlich oft ein Buch Widerlegung. Also mag, so lange diese Detailuntersuchung nicht geführt ist, alles, die Textkritik, die Quellenkritik, die Litterarkritik, die Geschichtskritik und die Religionskritik, noch diskutabel sein, aber, worauf es hier ankommt, mit der Tendenz, dem Geist und den Endabsichten können wir Juden uns nicht identifiziren, ohne uns selbst aufzugeben, denn sie sind nicht nur unjüdisch, sondern antijüdisch. Nach allen Umschweifen kommt auch hier heraus — der Christ. Die Bibelkritik ist der verlorene Sohn der christlichen Theologie. Mag er in den Träbern der bösen Wissenschaft gewühlt haben, er kommt wieder, und es wird ihm verziehen. Wenn durch nichts anderes, so hat sie sich doch durch ihre Haltung gegen Israel als treues Kind legitimirt. Denn ganz wie einst Paulus Nachweisen wollte, daß die Christgläubigen das wahre Israel seien, so kommt auch die Bibelkritik dabei an, Israel zu enterben, und es trägt am Ende wenig aus, ob sie das auf dem Wege der Entwickelung zu Stande bringen will. Alles Gute im Alten Testament, die Propheten, die Psalmen, sind — christlich, das nach ihrem Urtheil Schlechte, besonders das böse Gesetz, mag das Judenthum behalten. Nach ihrem Schema der Entwickelung hat man zu unterscheiden: Semitische Religion, hebräische Religion, israelitische Religion, Judenthum. Das Christenthum aber soll eine Fortsetzung nicht der letzten, wie sich gehörte, sondern der vorletzten Stufe sein, und so kommt es ihr bei aller Entwickelung nicht auf einen ungeheuren Sprung an. So ist die Bibelkrikik, auf die so Viele von uns gläubig schwören, ihrer Endtendenz und ihrem Endresultat nach ebenso sehr eine christliche Wissenschaft, wie die altprotestantische Auffassung. Hengstenberg und Wellhausen spinnen nur verschiedene Nummern desselben Fadens.