Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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508 nteinbe" hat zwar schon seinen Wahlaufruf verschickt, aber noch keine Versammlung abgehalten, der „Centralverein" dagegen hat schon eine oder mehrere Versammlungen abgehalten, dagegen noch keinen Wahlaufruf versandt. Die nächsten Wochen werden gewiß beides und auch die Kandidatenlisten dazu bringen. Zur Orientirung über die momentane Lage veröffentlichen wir für heute das nachfolgende Schreiben eines in angesehener sozialer Stellung lebenden altern Gemeindemitgliedes, indem wir uns Vorbehalten, auf einige Punkte desselben in nächster Zeit noch einmal zurückzukommen. Das betreffende Schreiben lautet: Geehrter Herr Redakteur! Die Wahlen für die Gemeinderepräsentanz stehen vor der Thür — und noch regt sich kein Laut auf liberaler Seite, um zu Kampf und Sieg aufzurufen. Gestatten Sie, daß ich darüber meine besondere Ber- ' wunderung ausdrücke, die sicher von vielen Gesinnungsgenossen getheilt wird. Allerdings durchschwirren verschiedene Gerüchte von einem Kompromiß die Luft, das von gegnerischer Seite vorgeschlagen worden sein soll, um den ersehnten Frieden in das Gemeindeleben zu bringen. Aber ich kann mir nicht denken, daß die Liberalen auf diese Brücke treten werden. Ja, der Friede ist ein schönes Gut, und wer wünschte nicht, daß er namentlich jetzt, wo wir mit äußeren Feinden so viel zu thun haben, wenigstens im Inneren unserer Gemeinschaft erhalten bliebe! Aber es muß ein wirkicher, kein fauler Scheinfriede sein, sondern ein solcher, bei dem beide Parteien in der That zu ihrem Rechte kommen. Glaubt wirklich Jemand heute noch im Ernst, daß die konservative Partei uns ein Kompromiß vorschlagen werde, das für einen ehrlichen Liberalen annehmbar sein könnte? Ich glaube es nicht — und ich fürchte die Orthodoxen am meisten, wenn sie Geschenke bringen. Darum möchte ich an Alle, denen die Zukunft unserer Gemeinde in ruhiger, aber steter Entwickelung zum Fortschritt am Herzen liegt, die Mahnung richten, auf der Hut zu sein. Es handelt sich wahrhaftig nicht um ein paar Ergänzungswahlen, und an sich ist es wohl gleichgiltig, ob dieser oder jener Herr wiedergewählt oder fallen gelassen wird, und ein anderer an seine Stelle kommt. Aber es handelt sich um mehr, um viel mehr. Es ist ein Kampf der Weltanschauungen, der auch bei diesen Wahlen ausgefochten wird. Es handelt sich, bestimmt formulirt, darum, ob die größte, die führende Gemeinde des Deutschen Reiches dem Fortschritt huldigen oder dem Rückschritt anheimfallen solle! Wer die Verhandlungen der Repräsentantenversammlung in den abgelaufenen drei Jahren mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, der kann nicht einen Augenblick darüber im Zweifel sein, welche Ziele oie Partei verfolgt, die für konservative Interessen einzutreten bereit ist. Sie will, rund heraus gesagt, nichts mehr und nichts weniger als eine Rückwärtsrevidirung des gesammten Synagogenkultus! Das Gebetbuch soll vor allem zurückrevidirt werden. Ja, einzelne Herren nehmen keinen Anstand, zu erklären, daß sie überhaupt den alten Siddur und das alte Machsor mit der Bitte um Auferstehung der Todten, um baldige Rückkehr nach Palästina und Einführung der Opfer, mit den mittelalterlichen Rachegebeten als das zu erstrebende Ziel synagogaler Erbauung ansehen! Aber nicht nur der synagogale Kultus, sondern auch das Schulwesen soll wieder ins alte Geleise zurückgeführt werden. Gegen den Unterricht im Hebräischen wird sicher kein vernünftiger und glaubenstreuer Jude etwas einwenden, mehr aber gegen die Ketzergerichte, die zu verschiedenen Malen von jener Seite gegen freisinnige Lehrer aus Grund von durchaus nicht zuverlässigen Angaben, ja hier und da sogar auf Grund von Schüleraussagen inszenirt wurden, ferner gegen die Versuche, den Lehrplan im Sinne einer falschen Orthodoxie zu ändern und vor allem gegen alle Zwangsmaßregeln, die dem Geiste des Judenthums durchaus widersprechen. Soll ich noch an die Hetze gegen den freisinnigen Theil unseres Rabbinats, an die Drohungen gegen unsere Beamten, die sich dieser neuen Richtung in unserer Gemeinde nicht anschließen wollten, an die brüske Ablehnung des von mehr als 5000 Mitgliedern gestellten Antrags auf einen zweiten Gottesdienst am Sonntag erinnern, obwohl dieser Antrag selbst von einem durchaus konservativen und in jeder Beziehung autoritativen Manne, wie es der Großrabbiner von Frankreich unzweifelhaft ist, nicht nur empfohlen, sondern sogar freiwillig vorgeschlagen wurde! Alle diese Dinge find ja bekannt und auch in Ihrem Platte wiederholt besprochen worden. . Nur eins möchte ich noch hervorheben, die Suche nach einem orthodoxen Rabbiner, bei welcher Gelegenheit die konservative Partei so recht ihre Unfähigkeit, die Gemeinde zu leiten, erwiesen hat, indem sie von Gemeinde zu Gemeinde betteln ging und nichts als Körbe ohne Zahl nach Haufe brachte. Jetzt liegt die Sache so, daß kaum ein einziger Rabbiner, der nur irgendwie in Betracht kommen könnte, zu nennen ist, der nicht bereits abgelehnt hätte! Gewiß, das Verlangen, einen ausgesprochen orthodoxen Rabbiner als Vertrauensmann aller Derer im Rabbinat zu haben, die der gleichen Richtung angehören, ist ein durchaus berechtigtes. Aber hat nicht die liberale Partei, als sie am Ruder war, als die Orthodoxie höchstens durch zwei Männer im Repräsentantenkollegium vertreten war, diesen Wunsch bereitwillig erfüllt? Ja, ich bin der Ueberzeugung, daß die Interessen der konservativen Gemeindemitglieder von einer durchweg liberalen Repräsentanz ohne Zweifel besser und zuverlässiger gewahrt werden würden als von einer solchen, die ohne feste Grundsätze, ohne eine bestimmte, zielbewußte, ehrlich ausgesprochene und ehrlich verfochtene Marschroute vorr Fall zu Fall ihre Entscheidungen trifft und eigentlich kein anderes Ziel verfolgt als den Rückschritt auf allen Gebieten. Darum halte ich es für eine Pflicht aller liberalen Männer, sich für den bevorstehenden Wahlkampf zu rüsten. Wenn schon drei Jahre einer konservativen Wirthschaft, wie ich sie oben kurz zu skizziren versuchte, hinreichten, um einen Stillstand in der Entwickelung unserer Gemeinde zu bewirken und jeden, auch den unbedeutendsten, Fortschritt zu hemmen, was soll erst daraus werden, wenn die rückschrittliche Richtung über die unbedingte Majorität in der Gemeindestube verfügt? Diese Frage möge sich Jeder vorlegen, dem die Zukunft des deutschen Judenthums, die Zukunft unserer alten Gemeinde, vor allem aber die Zukunft unserer Kinder am Herzen liegt. Und indem er sie aus den Erfahrungen der letzten drei Jahre, nach der Periode der unfruchtbaren Oede beantwortet, die uns der letzte konservative Sieg gebracht hat, möge er daraus die Konsequenzen ziehen, die sich von selbst ergeben: Alle Mann auf Deck! Jeder Wähler an die Urne! Kein Kompromiß! Offener und ehrlicher Kampf im Interesse des Fortschritts und der Entwickelung! Daneben aber auch unbedingte Toleranz gegen jede andere Richtung in der Gemeinde! Das find unsere Grundsätze. Unter diesem Zeichen müssen wir siegen, wenn wir alle zur Wahlurne schreiten. Denn die Berliner Gemeinde gehört in ihrer überwiegenden Majorität der fortschrittlichen Richtung innerhalb des Judenthums an, und sie würde ihre besten Traditionen verleugnen, wenn sie einer augenblicklichen Modeströmung, die auch bei uns nach rückwärts weist, die Herrschaft, wenn auch nur für kurze Zeit, einränmen wollte. Denn eine lange Dauer kann eine solche Richtung aus inneren Gründen nicht haben. Dessen bin ich sicher, und das weiß ich aus geschichtlicher wie aus eigener Erfahrung. Ich bin ein alter Mann und nehme seit mehr als fünfzig Jahren Theil an dem hiesigen Gemeindeleben. In dieser Zeit habe ich die Orthodoxie zweimal am Ruder gesehen. Beide Male wurde sie aber nach kurzer Herrschaft von einem Sturm der Entrüstung fortgefegt. Es bedurfte alsdann aber langjähriger mühsamer Arbeit, um das Unheil zu beseitigen, das sie hervorgerufen, und die Wege für einen gesunden Fortschritt wieder zu ebnen. Bor solchem Unheil könnten die liberalen Männer unsere Gemeinde bewahren, wenn sie einmüthig an die Wahlurne treten und ihre Stimmen ohne jedes Kompromiß nur für solche Männer abgeben würden, die den Muth haben, ihre freisinnige Weltanschauung offen zu bekennen und für diese auch innerhalb der jüdischen Gemeinde energisch einzutreten. Berlin, 21. Oktober. » Hochachtungsvoll 1^. v Brief ans Oesterreich. Oktober 1898. ullus dies sine linea, d. h. kein Tag ohne Skandals dieses Wort kann in der freien Uebersetzung, welche wir ihm ge geben, auf den Wiener Gemeinderath seine gute Anwendung finden. Nicht nur das Gas, auch die Juden bereiten dem Herrn Lueger und seiner Barrierestocksippe viele Schmerzen. Gas—und Juden, in der