Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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507 werden, daß in der historisch gewordenen Freisinnigen Partei das Judenthum und die Demokratie eine eigenartige Verbindung eingegangen find. Diese Verbindung stellt fich offenbar als ein schwerer politischer Fehler nicht nur seitens der deutschen Demokratie, sondern namentlich auch seitms der großen Mehrheit der deutschen Juden dar. Wäre dieser Fehler von der jüdischen Intelligenz nicht begangen worden, so wäre der Antisemitismus als politische Bewegung überhaupt nicht in die Erscheinung getreten, keinesfalls hätte derselbe in dem Maße, wie es geschehen ist, erstarken können. Das Judenthum stellt in unserem Vaterlande einen äußerst kleinen, konfesfionell wie national von der Mehrheit der Nation getrennten Bolkssplitter dar. Es liegt auf der Hand, daß die Raffengegensätze zwischen einem solchen kleinen Bruchtheil fremden Bolksthums und der herrschenden Nation nur dann fich verwischen und schließlich verschwinden können, wenn es diesem Bruchtheil gelingt, die Anschauungs- und Denkweise der erdrückenden Mehrheit der Staatsbürger fich anzueignen und fich selbst mit der Mehrheit wenn möglich vollständig zu verschmelzen. Im konkreten Falle würde das für die deutschen Juden die uneingeschränkte Aneignung der christlich-germanischen Weltanschauung bedeuten." Die „Schlesische Zeitung" verdreht hier die Thatsachen in einer unglaublichen Weise. Wie sollten es die Juden denn anstellen, sich der konservativen Partei anzuschließen, wenn sie von vornherein wüßten, daß dort ihre geschworenen Feinde sitzen? Ist denn die Hinneigung der Juden zum Freisinn nicht eine geschichtliche Nothivendigkeit, eine selbstverständliche Folge konservativer Fehler und Unterlaffungssünden? Was aber die „christlich-germanische Weltanschauung" betrifft, so wäre es vor allem sehr zweckdienlich, diese so genau zu definiren, daß Jeder wüßte, was er sich darunter zu denken habe, und sodann den Nachweis zu erbringen, daß wirklich die „erdrückende Mehrheit" des deutschen Volkes dieser Weltanschauung huldige. * Eine Justiztragödie ist mit Recht der Prozeß genannt worden, der in dieser Woche in Krakau gegen den Schankwirth Chaim Färber und deffen Sohn geführt wurde. Das Urtheil theilen wir an anderer Stelle mit. Es läßt sich natürlich aus der Ferne nicht mit Bestimmtheit sagen, ob Färber unschuldig sei oder nicht. Das aber darf man nach der Lektüre der Gerichtsverhandlungen überall mit Recht behaupten, daß hier ein Abgrund menschlicher Niedertracht und Verlogenheit sich aufgethan hat, die nur der Judenhaß in jenen bäuerlichen Kreisen zeitigte. Mit Schaudern steht der Menschenfreund die Verwüstungen, die dieser Haß überall anrichtet. Da ist eine Zeugin, die ihren» Bruder sagt: „Du kannst schwören, wenn Du auch nicht gesehen hast, wie man ihn trug; Du wirst Dein Gewiffen nicht belasten!" Sie ist eine alte, wegen Diebstahls und Betrugs bereits oft abgestrafte Säuferin; gleichwohl wird sie als Hauptbelastungszeugin angesehen! Da ist ein anderer Zeuge, ein Bauer, der sich erst nach vier Monaten mit ganz neuen Mittheilungen einfindet, obwohl er den Gang der Untersuchung genau kennt! Da ist endlich ein dritter Zeuge, wieder ein Bauer, zu dem die Magd gesagt haben soll: „Du Narr, wenn Du dem Färber sagst, Du hast ihn den ermordeten Chudiba tragen gesehen, wird er (Färber) Dir 500 Gulden geben!" Das Schlimmste aber ist. daß diese Verhetzung des Bauernvolkes von oben kommt. Der polnische Graf Wladislarrs Zamoytzki war der Patron der ganzen Sache. Und der Präsident des Gerichtshofes fragte regelmäßig jeden einzelnen Bauer: „Wer hat den Chudiba ermordet?" und die Antwort lautete regelmäßig: „Man sagt, nur die Juden können ihn ermordet haben!" So ist das Landvolk aus jener Gegend verhetzt worden. Und warum? Weil Graf Zamoyski erklärt hat, daß er in den Dörfern, wo er das Propinationsrecht gepachtet, keinen. Juden dulden werde! Entsetzlich. * Die Reise des Kaisers nach Palästina hat zu verschiedenen Deutungen Anlaß gegeben. Daß aber der Zionismus an dieselbe irgendwelche Hoffnungen knüpfen witrde, hat wohl Niemand im Ernst geglaubt. Und doch ist dies sehr oft geschehen. Zum Mindesten hat man aus der Sache Kapital zu schlagen versucht. Die Reise des Kaisers gilt in erster Linie einem protestantischen Werk, dem Werk einer kirchliche»» Feierlichkeit. Es soll ein neues Gotteshaus eingeweiht werden, nicht um den Islam zu bekämpfen, sondern um unter dem Schutz »nuselmänischer Behörden dem religiösen Bedürfniß der Christen zu dienen. Als König Friedrich Wilhelm IV. vor mehr als einem halben Jahrh»»ndert das Bisthum Jerusalem gründete, folgte er lediglich einem religiösen Bedürfniß seines Herzens. Die Kaiserreise kommt aber auch den Bestrebungen des Handels und des Verkehrs zu Hilfe, »nag dies als ihr Zweck ausdrücklich ausgesprochen werden oder nicht. Und hier ist der Punkt, wo wir in» Interesse der Kolonisation Palästinas es freudig begrüßen, wenn Deutschland im Orient festen Fuß fassen wird. Die Macht des Deutfchen Reiches wird durch die Anwesenheit des Kaisers auf seinem eigenen Kriegsschiffe den Völkern des Mittelmeeres zur Anschauung gebracht. Es wird den Kaufleuten erleichtert, unmittelbare Beziehungen anzuknüpfen; es wird dem heimischen Kapital erneute Anregung gegeben, an diesen Ufern und im Hinterlande dieser Ufer Verwendung zu suchen. Dies alles ist für uns von hoher Bedeutung. Für zionistische Utopien ist aber in diesem ganzen Programm auch nicht das kleinste Plätzchen frei. In Algier spitzen sich die Dinge immer schärfer zu. Jetzt hat der Generalrath von Algier einstimmig folgende Beschlüsse angenommen: „Die Regierung wird ersucht, die Crömieux'schen Verordnungen aufzuheben, den algerischen Juden alle ihre politischen Rechte zu nehmen, diesem Beschluß rückwirkende Kraft zu geben und neue Naturalisationen an Juden nur nach einer längeren Prüfezeit zu verleihen. Die Juden sollen aus allen öffentlichen Aemtern entfernt werden. Diese Maßregeln würden hoffentlich die freiwillige und friedliche Auswanderung der Juden herbeiführen." Man weiß in der That nicht, was man zu diesen Beschlüffen sagen soll. Aber unter den gegenwärtigen Verhältniffen darf ihre symptomatische Bedeutung ja nicht unterschätzt werden. Im Uebrigen herrscht nach wie vor der Terrorismus in den Straßen u»»d auf allen Plätzen. Jeder Tag bringt neue Nachrichten von Angriffen, Prügeleien, Prozessen. Sogar die Kabylen sucht man jetzt gegen die Juden aufzuhetzen. Diese Zustände müssen über kurz oder lang zu einer Katastrophe führen. Aber was will das Alles gegen Paris sagen, wo die Antisemitenliga einen Aufruf anschlagen ließ, worin die Juden beschuldigt werden, die nationale Vertheidigung gefährdet, eine wirthschaftliche Krisis verursacht und den Bürgerkrieg angezettelt zu haben! Nun ist dort auch das Ministerium Brisson gestürzt und das Chaos herrscht in Frankreich. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 25. Oktober. ur wenige Wochen trennen uns noch von dem Termin für die Wahlen zur Repräsentantenversammlung, die an» 24. November stattfinden werden. Während bei den letzten Wahlen schon Monate vorher eine rege Agitation auf beiden Seiten stattgefui»den hat, ist es diesmal ziemlich ruhig in der Gemeinde. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Ge-