Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
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506 ohne daß sie deshalb auch nur das Geringste von ihrer sachlichen Bedeutung eingebüßt haben. Die Frage, welche Stellung die einzelnen Vereine innerhalb einer Synagogengemeinde nach Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches einnehmen werden, wurde von juristischer Seite eingehend geprüft, ebenso der Antrag, daß alle diejenigen Gemeinden einer Provinz oder eines Bezirkes, welche seitens des D.-J. G.-B. eine Unterstützung erhalten, Mitglieder des betreffenden Provinzial- oder Bezirksverbandes sein müssen. Sehr lehrreich gestaltete sich die lebhafte Debatte über den Antrag einer ostpreußischen Gemeinde, die Regierung zu veranlaffen, daß sie die Rabbiner zu Inspektoren des Religionsunterrichts an den jüdischen Elementarschulen mache. Eine Annahme des Antrages war ja von vornherein ausgeschlossen, da nach dem geltenden Gesetz die Rabbiner nicht als Geistliche angesehen werden, denen eine solche Ermächtigung ertheilt werden kann. Aber es kamen dabei doch die verschiedenen prinzipiellen Gesichtspunkte zum Ausdruck. Es ist keine Frage, daß der Rabbiner, wenn er ein tüchtiger Pädagoge ist, sich zur Inspektion des Religionsunterrichts besonders eigne. Aber auch ein tüchtiger Schulmann besitzt die gleiche Eignung. Kein Stand besitzt hier ein Privilegium, keiner hat auf ein Vorrecht irgendwelchen Anspruch. Nur die individuelle Tüchtigkeit kann in jedem einzelnen Falle den Ausschlag geben. Ohne Zweifel wäre der letzte Antrag der Tagesordnung der erste gewesen, d. h. der wichtigste, wenn die thatsächlichen Verhältnisse eine Realisirung desselben ermöglichen würden. Er handelte von der einheitlichen Regelung der Fürsorge für die Gemeindebeamten und von der Begründung einer Bundeskaffe für diesen Zweck. Allseitig wurde die Bedeutung des Antrages anerkannt und gewürdigt, aber die Majorität sprach sich mit Rücksicht auf die unüberwindlichen Schwierigkeiten, die sich einem solchen Unternehmen entgegenstellen, und im Hinblick auf die bestehenden oder in Vorbereitung befindlichen Sondereinrichtungen der Rabbiner-, Lehrer- und Kantorenverbände gegen eine besondere Bundeskaffe aus. Von nicht geringer Bedeutung waren Tags darauf die Verhandlungen des ersten Verbandstages. In diesen Verbänden liegt ja ohne Zweifel die Grundlage für eine auf gesetzlicher Basis beruhende wirksame Organisation der deutschen Judenheit. Ihr Ausbau und ihre Vermehrung muß für die nächste Zeit die Hauptaufgabe aller betheiligten Faktoren bilden. Die Fragen und Anregungen des achten Gemeindetages werden dabei zweifellos ausschlaggebend und zielweisend bleiben. Die Institution der Wanderprediger, die beschlossen wurde, wird den kleinen Gemeinden, die eines Predigers entbehren, zu gute kommen. Ihr Interesse wurde auch in der Debatte über den Religionsunterricht vor allem ins Auge gefaßt, und die schließlich zur Annahme gelangten Anträge werden auf diesem wichtigsten Gebiete unseres Gemeindelebens Wandel schaffen, wenn die Verbände die ihnen zugewieseue Aufgabe mit Energie durchführen. Nicht weniger wichtig war die Debatte über den Wanderbettel, einen Krebsschaden, der nur mit ebenso viel Entschiedenheit als Vorsicht geheilt werden kann. Aus dem eingehenden Bericht des Referenten war zu entnehmen, daß schon an verschiedenen Orten dankenswerthe Versuche einer Organisation gemacht wurden, die sich bereits bewährt haben. Die Anträge, die auf dem Verbandstag gestellt und angenommen wurden, könnten gewiß dazu beitragen, diesem Unwesen zu steuern. Der letzte Antrag betraf die Begründung einer Kantorenschule. Die Debatten über diesen Antrag ergaben das Resultat, daß das Bedürfniß für die Gründung einer besonderen Kantorenschule nicht vorhanden sei, daß aber im Anschluß an die an den einzelnen Lehrerseminaren bestehenden Einrichtungen ein Nachkursus zur Vervollständigung der Ausbildung von Kantoren für größere Gemeinden eingerichtet werden solle. Schon aus dieser kurze Skizze ist zu ersehen, wie wichtig die Fragen und Debatten, die Anträge und Beschlüsse des Gememdetags wie des Verbandstages waren. Die Meinungsverschiedenheiten, die sonst zu heißen Kämpfen führten, haben diesmal erfreulicherweise gar keinen Ausdruck gefunden. Der Geist der Eintracht wehte durch die Berathungen, und die Vertreter der verschiedenen religiösen Richtungen suchten das Einigende hervor und drängten das Trennende zurück. Inmitten der trüben Verhältnisse der Gegenwart bildet der achte Gemeindetag unzweifelhaft einen Lichtbild. Mit aufrichtiger Freude konstatiren wir diesen Eindruck, und wir knüpfen daran die zuversichtliche Hoffnung, daß das hingebende Streben einer so großen Anzahl von angesehenen Männern im Dienste einer guten und großen Sache zur Erhaltung des schwer bedrohten Gemeindebestandes, zur Festigung der äußeren Organisation, vor allen: aber zur inneren Entwickelung des deutschen Judenthums und zur Hebung des religiösen Geistes innerhalb desselben beitragen werde. Die Woche. f Berlin, 26. Oktober. ie Wahlen zum preußischen Landtag finden in den nächsten Tagen statt. Wie unsere Leser wissen, sind in drei Wahlkreisen jüdische Kandidaten aufgestellt: in Berlin, Posen und Mogilno. Der Erfolg läßt sich natürlich nicht vorher berechnen, und der Versuch, jetzt noch irgend etwas zu Gunsten dieser Kandidaturen zu sagen, wäre ein zweckloser. Es wäre dringend zu wünschen, daß wir einen Vertreter unserer Interessen im Landtag hätten. Darum aber von konfessionellen Sonderkandidaturen zu sprechen, ist entweder eine Perfidie oder eine Dummheit. Noch dringender aber ist es zu wünschen, daß die gesammten Wahlen nicht etwa eine Majorität für die Partei ergeben, die offen oder auf Umwegen eine Schmälerung der Rechte der jüdischen Staatsbürger erstreben, und die jüdischen Wähler werden überall in ihrem eigenen Interesse einem solchen Kandidaten ihre Stimme nicht geben dürfen. Aber wie auch immer die Wahlen ausfallen mögen — wir und unsere Gegner werden aus dem Verlauf der Agitation wie der Wahl selbst viel zu lernen haben. Unsere Gegner können, soweit sie ehrlich sind, schon jetzt aus der Thatsache, daß überall, wo jüdische Kandidaten aufgestellt sind, Juden selbst als ihre größten Gegner auftreten, entnehmen, daß die von ihnen immer in den Vordergrund gerückte jüdische Solidarität und Einigkeit thatsächlich nur eine Fabel ist. Was aber die Juden aus dieser Thatsache lernen können, braucht hier wohl nicht erst auseinandergesetzt zu werden. ♦ Es ist wirklich amüsant, zu beobachten, wie selbst die Konservativen vor den Wahlen auf den Judenfang ausgehen. So hat die „Schlesische Zeitung" vor einigen Tagen einen Leitartikel gebracht, der mit folgendem Satz anfing: „Bei der großen Bedeutung, welche dem Judenthum in Staat und Reich, zwar nicht der Kopfzahl nach, wohl aber in Bezug auf Intelligenz und Besitz, unleugbar zugesprochen werden muß-" Man traute seinen Augen kaum, wenn man diese Eingangsworte las. Aber der hinkende Bote kam sehr bald nach in de» folgenden Sätzen: „Die bürgerliche Demokratie hat auf deutschem Boden in den letzten Jahrzehnten eine neue Entwickelung genommen. Trotz gegentheiliger Versicherung von freisinniger Seite kann unmöglich in Abrede gestellt